Sommereggers Klassikwelt 57: Leonard Bernstein, der Hochspringer

Sommereggers Klassikwelt 57: Leonard Bernstein, der Hochspringer

Foto: © Paul de Hueck / Courtesy of the Leonard Bernstein Office

„Unvergesslich ist mir ein Konzert von den Wiener Festwochen 1970, in dem Bernstein vom Flügel aus Beethovens erstes Klavierkonzert dirigierte. Anschließend erklang Bruckners 9. Symphonie, die ich zum ersten Mal hörte. Es war ein Matinee-Konzert und während der Bruckner-Symphonie fiel Sonnenlicht in den goldenen Musikvereinssaal. Ein magischer Moment, der mir auch nach 50 Jahren noch unvergesslich ist.“

von Peter Sommeregger

Man mag es nicht glauben: An diesem Mittwoch jährt sich der Todestag Leonard Bernsteins bereits zum 30. Mal. Bernstein ist es im Gegensatz zu anderen Pultstars gelungen, weit über seinen Tod hinaus im Gedächtnis der Musikliebhaber präsent zu bleiben. Das liegt sicher nicht zuletzt an seiner charismatischen Persönlichkeit und seiner Fähigkeit, die Liebe zur Musik für Konzertbesucher auch optisch erlebbar zu machen. Bernstein lebte und litt mit der Musik wie kein Zweiter, viele seiner Auftritte sind als Video erhalten und dokumentieren seine auch physische Hingabe an das jeweilige Werk. Berühmt-berüchtigt sind seine hohen Luftsprünge, wenn er von der Begeisterung hinweg getragen wurde. Mitwirkende an seinen Konzerten wissen auch ein Lied von den inbrünstigen Küssen Bernsteins zu singen, die ihm wohl ein Herzensbedürfnis waren.

Der Spross einer jüdischen Einwandererfamilie aus Russland wurde 1918 in Massachusetts geboren und verriet schon früh musikalisches Talent. Sein ursprünglicher Wunsch, Pianist zu werden scheiterte an den Einwänden seines Vaters. Später ermöglichte ihm ein Stipendium ein Studium in Harvard. Zielstrebig machte Bernstein schon in jungen Jahren seinen Weg zum Dirigenten und Komponisten. Drei Symphonien, Kammermusikwerke und Musicals machten ihn schnell bekannt, Auftritte auch in Europa steigerten seine Popularität.

Den großen Wurf als Komponist erreichte er 1957 mit dem Musical „West Side Story“, einer im New Yorker Einwanderermilieu spielenden Version von „Romeo und Julia“. Dieser Welterfolg machte ihn endgültig zum Star, und zum reichen Mann. Bernstein, bekannt für seine Großzügigkeit, ließ in seinen späten Jahren seine Gagen direkt an Amnesty International überweisen.

Ab den 1960er Jahren verband ihn eine enge Beziehung mit den Wiener Philharmonikern. Auch an der Wiener Staatsoper leitete er insgesamt drei Produktionen: nach einem sensationellen „Falstaff“ von Verdi Strauss‘ „Rosenkavalier“ und zuletzt Beethovens „Fidelio“. Alle diese Produktionen sind als Aufzeichnungen überliefert, ebenso eine Vielzahl von Konzerten mit den Wiener Philharmonikern.

Unvergesslich ist mir ein Konzert von den Wiener Festwochen 1970, in dem Bernstein vom Flügel aus Beethovens erstes Klavierkonzert dirigierte. Anschließend erklang Bruckners 9. Symphonie, die ich zum ersten Mal hörte. Es war ein Matinee-Konzert und während der Bruckner-Symphonie fiel Sonnenlicht in den goldenen Musikvereinssaal. Ein magischer Moment, der mir auch nach 50 Jahren noch unvergesslich ist.

Einige Jahre später erlebte ich Bernstein mit den Wienern noch einmal bei einem Gastspiel in München, er dirigierte Mahlers 9. Symphonie. Leider fand das Konzert im sogenannten Kongress-Saal des Deutschen Museums statt, einem Ort mit schlechter Akustik und ohne Atmosphäre, was meinen damaligen Eindruck trübte.

Bernsteins Privatleben verlief kompliziert: Seine Bisexualität zerstörte schließlich seine Ehe mit der Schauspielerin Felicia Montealegre, aus der drei Kinder hervorgingen. Nach der Trennung erkrankte sie an Krebs, daraufhin kehrte er bis zu ihrem Tod zu ihr zurück. Seine letzten Lebensjahre lebte er mit einem Mann zusammen.

Der Workaholic und Kettenraucher Bernstein hatte spätestens seit den 1980er Jahren vermehrt mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Anfang Oktober 1990 teilte er seinen Rückzug von der Konzerttätigkeit der Öffentlichkeit mit, die nur wenige Tage danach durch die Nachricht von seinem Tod erschüttert wurde.

Bei einem New York-Besuch im Jahr 2004 besuchte ich sein Grab auf dem Green-Wood-Cemetery in Brooklyn, wo er neben seiner Frau in einer schlichten Grabanlage bestattet ist. Kein Grabschmuck, keine Blume, aber in der Musikwelt lebt die Erinnerung an ihn ungebrochen fort.

Peter Sommeregger, 12. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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