Sommereggers Klassikwelt 56: Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall“

Sommereggers Klassikwelt 56: Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall“  klassik-begeistert.de

von Peter Sommeregger

In diese Woche fällt der 200. Geburtstag der schwedischen Sängerin Jenny Lind. Selbst nach 200 Jahren ist der Ruhm dieser Künstlerin noch nicht verblasst, sie ist im Gegenteil zum Mythos geworden.

Der Start ins Leben der 1820 in Stockholm als außereheliches Kind geborenen Johanna Maria Lind ließ nicht gerade ein so glanzvolles Leben erwarten, wie es der Sängerin beschieden war. Ihr musikalisches Talent wurde jedoch schon früh entdeckt, und sie erhielt bereits mit zehn Jahren ersten Gesangs- und Schauspielunterricht am Königlichen Stockholmer Theater. Dort bekam sie 1837 auch ihr erstes Engagement, zunächst noch als Schauspielerin. In den ersten Jahren trat sie sowohl als Schauspielerin, als auch als Sängerin auf. Bereits 1840  wurde sie zum Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie und zur Hofsängerin ernannt.

Als sich bei ihr 1841 eine stimmliche Krise bemerkbar macht, ging sie für ein Jahr nach Paris, und studierte beim berühmten Pädagogen Manuel Garcia jun. erneut, und konnte dadurch die aufgetretenen Probleme überwinden. Ab 1842  stieg sie in Stockholm zur ersten Sängerin der Königlichen Oper auf und feierte im deutschen, italienischen und französischen Repertoire große Triumphe.

Im Rahmen einer Skandinavien-Tournee lernte sie den dänischen Dichter Hans Christian Andersen kennen, der sich in sie verliebte, was Jenny allerdings nicht erwidern konnte. Inspiriert durch sie schrieb Andersen das Märchen „Die Nachtigall“. Der Komponist Giacomo Meyerbeer holte die Lind 1844 nach Berlin, wo sie an der Hofoper in seinen Werken, aber auch als „Sonambula“ und „Norma“ Triumphe feierte und zu einer der gefragtesten Sängerinnen der Welt avancierte. In dieser Zeit lernte sie auch Felix Mendelssohn-Bartholdy kennen. Zwischen beiden entwickelte sich eine bis zu Mendelssohns Tod andauernde Beziehung, von der man nicht weiß, ob es nur Freundschaft, oder auch eine unglückliche Liebe war.

Folgt man zeitgenössischen Urteilen über die Lind, so waren es keineswegs nur ihre sängerischen Fähigkeiten, die das Publikum bezauberten, sie scheint in ihrer gesamten Anmutung sehr viel Grazie und Liebreiz besessen zu haben, auch ihr großzügiger Charakter wurde allgemein gerühmt, verwendete sie doch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Einkünfte für wohltätige Zwecke.

Als sie auch  bei einem Gastspiel in Wien das Publikum bezauberte, widmete ihr der Walzerkönig Johann Strauss den Walzer „Lind-Gesänge“ und der Dichter Franz Grillparzer dichtete für sie:

„Und spenden sie des Beifalls Lohn
Den Wundern deiner Kehle
Hier ist nicht Körper, Raum, noch Ton
Ich höre deine Seele.“

In den Jahren 1847 bis 1849 trat sie hauptsächlich in London und anderen englischen Städten auf. In London lernte sie auch den polnischen Komponisten Frederic Chopin kennen, in den sie sich wohl verliebte, und den sie heiraten wollte. Diese Wünsche gingen jedoch nicht in Erfüllung, Chopin starb bereits 1849 in Paris. Etwa um diese Zeit entschloss sich Jenny Lind, ihre Opernkarriere mit nur 29 Jahren zu beenden.

Ab 1850 tourte sie mit Konzertprogrammen sehr erfolgreich durch die USA, ihre Konzerte füllten selbst große Konzertsäle, und der Starkult um ihre Person nahm bisher nicht gekannte Formen an. 1852 heiratete sie in Boston den deutschen Komponisten Otto Goldschmidt. In dieser Ehe scheint sie ihr privates Glück gefunden zu haben, im Laufe der Jahre wurde sie Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter. In den letzten Jahren ihrer sängerischen Laufbahn trat sie bevorzugt in Oratorien, so z.B. mehrfach in Haydns „Schöpfung“ auf. Am  Royal College of Music in London leitete sie bis 1886, ein Jahr vor hrem Tod die Meisterklasse für Gesang.

Mit nur 67 Jahren starb Jenny Lind am 2. November 1887 im englischen Malvern, und wurde dort auf dem Friedhof begraben. Obwohl es keinerlei Tonaufzeichnungen von ihr gibt, lebt ihr Nachruhm bis heute fort, ihr Name ist beinahe so etwas wie ein Synonym für Gesangskunst geworden.

Peter Sommeregger, 6. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt 55 klassik-begeistert.de

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Frau Lange hört zu (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Hauters Hauspost (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Sophies Welt (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Lieses Klassikwelt (c) erscheint jeden Freitag.
Spelzhaus Spezial (c) erscheint jeden zweiten Samstag.
Der Schlauberger (c) erscheint jeden Samstag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.