Weltklasseleistungen des Wiener Staatsopernensembles berühren das Publikum

Konzert: Che Gelida Manina, die Einzelkritik  Wiener Staatsoper, 24. Juni 2020

Wiener Staatsoper, 24. Juni 2020

Foto: Valentina Nafornita. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn. (An diesem Abend trug Frau Nafornita ein anderes Kleid.)

Konzert: Che Gelida Manina
Ensemblemitglieder singen Ausschnitte aus Werken von Verdi und Puccini.

Die Einzelkritik.

von Andreas Schmidt

Die Donaumetropole hat – wie gestern geschrieben – das beste Gesangsensemble dieses Planeten: davon konnten sich genau 100 Zuschauer im Opern-Parkett am Mittwochabend bei einem Konzert mit Ausschnitten aus Werken von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Francesco Cilea überzeugen.

Was an diesem Abend geboten wurden, das war im Resümee Weltklasse. Die Gesangsleistungen aller 15 Sängerinnen und Sänger reichen von den Noten 1 – bis 1 *. HEUTE FOLGT DIE EINZELKRITIK.

Die Darbietungen waren umso beeindruckender, da alle Ensemblemitglieder nur mit Flügelbegleitung am Bösendorfer unter den Händen der sehr einfühlsam spielenden Italienerin Luisella Germano, seit 2012 Solorepetitorin der Wiener Staatsoper, sangen.

Natürlich war dies ein Abend des Ensembles. Aber es war auch ein kleiner Wettstreit, ein Gesangswettberb, wer nach langen Monaten des Corona-Ausharrens in der Wiener Staatsoper den besten Eindruck machte. Dank der sensiblen Klavierbegleitung kamen die außerordentlichen Stärken aller und die klitzekleinen „Schwächen“ weniger Sänger messerscharf zu Tage.

Der wichtigste Gesamteindruck: Alle Sängerinnen waren in blendender Form, ja: besonders frisch, frei und froh, wieder in DEM österreichischen Kulturgebäude ihr Handwerk präsentieren zu können. Jeder Operndirektor dies- und jenseits des Atlantiks hätte einen großen Personalzettel für sein Haus ausgefüllt an diesem Abend.

Die 15 Wiener Top-Künstler in der Einzelkritik:

  1. Lukhanyo Moyake: Der Mann aus dem südafrikanischen Cape Town eröffnet selbstbewusst und mit grandioser Strahlkraft den Abend. Überzeugend ist die Natürlichkeit seiner Stimme. Er singt als Tenor locker und leicht, hat ganz großes Potenzial: 1!
  2. Jongmin Park: Der Südkoreaner ist seit Jahren einer meiner Lieblingssänger in Wien, er überzeugte mich schon 2010 – 2013 im Ensemble der Staatsoper Hamburg. Jongmin-Super-Bass: genau so geht die ganz tiefe Sangeskunst. Tolle Nougat- und Bernsteinfarben. Was für eine Power im dreifachen forte, was für eine Anmut im zarten Piano-Bereich. Der sympathische Sänger gewann den Lied-Preis des BBC Cardiff Singer oft the World, mehr geht nicht: 1+!
  3. Szilvia Vörös: Die ungarische Mezzosopranistin ist seit 2018 eine Bereicherung für das Haus am Ring. Ein toller Mezzo, der explodiert, wenn es darauf ankommt. Eine Frau mit enormem Potenzial, die behutsam mit ihrer Stimme umgehen sollte: 1!
  4. Samuel Hasselhorn: Der deutsche Bariton Samuel Hasselhorn ist Gewinner des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs 2018. Der Sohn des Psychologen Marcus Hasselhorn studierte Operngesang an der Musikhochschule Hannoverund am Pariser Konservatorium. Der Göttinger überzeugt mich seit der Spielzeit 2018/19 im Haus am Ring. Ganz tolle Baritonfarben in allen Registern. Dazu besticht seine lässig-männliche Optik. Sein Weg geht weiter nach oben: 1!
Samuel Hasselhorn

5. Andrea Carroll: Die US-Amerikanerin besticht seit 2015 im Wiener Ensemble. Die Sopranistin singt immer mit Hingabe und Herz, immer sicher und mit unverkennbarem Timbre: 1!

6. Zoryana Kushpler: Die Ukrainerin aus Lviv (Lemberg) studierte ab 1993 in der Klasse ihres Vaters an der Musikhochschule in Lviv Gesang. Ihre Stimme ist sehr schön und hat keinen Makel. Im tutti von „Un di, se ben rammentomi“ aus dem “Rigoletto” von Giuseppe Verdi ging die Mezzosopranistin neben ihren drei Mitstreitern etwas unter, was aber auch der Komposition geschuldet war: 1-.

7. Jinxu Xiahou: Der Chinese war zweifelslos der Star des Abends. Was er in drei Stücken bot, ist nur mit dem Wort Weltklasse zu beschreiben. Dies ist ein Tenor mit der gaaaaaaanz großen Strahlkraft, der auch die höchsten Töne mit absoluter Selbstverständlichkeit und Sicherheit singt. Ein Traum von Auftritt. Jinxu Xiahou sollte sehr behutsam mit seiner Stimme umgehen und sich nicht „verheizen“ lassen: 1**!

Jinxu Xiahou (c)

8. Clemens Unterreiner: Der einzige gebürtige Wiener im Ensemble. Schon gaaaaanz lange eine sichere und sehr gute Bariton-Bank, Ensemblemitglied seit 15 Jahren. Seit er als Kind durch eine Augenkrankheit selbst erblindet war und erst durch langwierige Behandlungen seine Behinderung überwunden werden konnte, engagiert sich Unterreiner regelmäßig für karitative Organisationen und Projekte im In- und Ausland. Seit Dezember 2013 ist Clemens Unterreiner Präsident des Vereins HILFSTÖNE – Musik für Menschen in Not: 1!

9. Ryan Speedo Green: Der Bariton aus Fuffolk, Virginia (USA) war an diesem Abend der stärkste in seiner Gesangsklasse. Voll, veril, prall – in allen Registern ein Hochgenuss. Dieser Mann braucht größere Aufgaben. 1!

10. Pavel Kolgatin: Der Russe überzeugte mit der leichtesten, anmutigsten, luftigsten Tenorstimme. Ein Mann mit ganz großem Potenzial, der vielleicht noch etwas mehr Vertrauen in sein außergewöhnliches Organ benötigt: 1!

11. Hila Fahima: Die Sopranistin aus Israel ist ein wahrer Augenschein, der vor Präsenz und Energie berstet und zum Träumen einlädt. Besonders berührend sind ihre zärtlich-zarten Töne, die betören wie der Morgengesang einer Amsel. Wunderbar: 1+.

Hila Fahima (c)

12. Valeriia Savinkaia: Neben Hila Fahima die Sopranistin mit der gaaaanz besonderen Stimme. Das Timbre der Moskauerin erinnert an jenes der besten Sopranistin der Welt: Anna Netrebko. Der Farbenreichtum in ihrer Stimme ist ein Ohrenschmaus. So viel Gold und so viel Bernstein in einer noch jungen Sopranstimme – unglaublich. Diese Sängerin dürfte die ganz große Kariere machen: 1*.

Foto: M. Pöhn (c) Valeriia Savinkaia

13. Monika Bohinec: Wie Clemens Unterreiner eine sehr gute und solide Bank im Wiener Ensemble. Vor allem im tiefen Register spielt die Mezzosopranistin aus Slowenien ihre Stärken aus, das ist Erda-erdig-schön und berührend. Bei den Spitzentönen an diesem Abend nicht vollkommen locker: 1-.

14. Valentina Nafornita: Seit Jahren ist die Moldauerin eine meiner Lieblingssopranistinnen, ausgestattet mit einer ganz besonderen Stimme mit allerhöchstem Wiedererkennungswert. Sie trug sicherlich das verwegendste Kleid und wagte sich an ein Stück, das ganz viel abverlangt: „Chi il bel sogno“ aus „La rondina“ von Giacomo Puccini. Dringend zu empfehlen ist ihre neue CD „Romance“ mit dem Münchner Rundfunkorchester. 2011 BBC Cardiff Singer of the World– Erster Preis und Publikumspreis. Auch an diesem Abend einmal wieder: 1+!

15. Leonardo Navarro: Der Tenor stammt aus Concepcion (Chile). Er kam im letzten Stück („Ho una casa“ aus „Turandot“ von Giacomo Puccini) im Männerterzett mit Samuel Hasselhorn und Jinxu Xiahou zum Einsatz. Er sang nicht allzuviel, aber das, was zu hören war, ließ bei einem sehr angenehmen Timbre aufhorchen und macht Lust auf mehr: 1-.

Andreas Schmidt, 26. Juni 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Konzert: Che Gelida Manina, die Einzelkritik
Wiener Staatsoper, 24. Juni 2020“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.