Man wünscht sich noch viele Entdeckungen dieser Art

Leonardo Vinci, Gismondo Re di Polonia  CD-Besprechung

Foto: Max Emanuel Cenčić. © Lukasz Rajchert

CD-Besprechung: Leonardo Vinci, Gismondo Re di Polonia (Parnassus arts productions)

von Peter Sommeregger

Der napolitanische Komponist Leonardo Vinci ( 1690-1730), zu seiner Lebenszeit einer der meistgespielten Opernkomponisten, war bis vor wenigen Jahren nur noch Musikwissenschaftlern ein Begriff. Mit dem Erstarken der Counter- und Alter- Musik-Szene erleben seine zahlreichen Opern seit einigen Jahren eine erfreuliche Renaissance. Spätestens seit der Wiederaufführung seiner letzten Oper „Artaserse“ 2012 in Nancy ist Vinci wieder ein Name in der Opernwelt, und man staunt, wie diese seelenvolle, einfallsreiche Musik so lange in Vergessenheit geraten konnte.

Ein Grund dafür ist sicher der Tatsache geschuldet, dass Vinci nicht wenige Partien für Kastraten schrieb, die ja nun nicht mehr zur Verfügung stehen. Die stetig wachsende Schar von hoch virtuosen Countertenören ersetzt inzwischen den missing link, Vincis Bravourarien sind fabelhafte Schlachtrosse für diese Zunft.

Als insgesamt sechste der über 30 Opern des Neapolitaners, von denen die frühen Werke allerdings verschollen sind, erschien nun „Gismondo Re di Polonia“ als Gesamtaufnahme beim Label Parnassus arts productions. Initiator des Projekts ist der findige Countertenor Max Emanuel Cenčić, der über seine Gesangskarriere hinaus zunehmend als Initiator und Produzent barocker Ausgrabungen hervortritt.

Cenčić übernahm bereits in den halb szenischen Aufführungen des Werkes in Wien, Moskau und Warschau die Titelrolle des Gismondo. Insgesamt treten in der Oper vier Countertenöre und drei Soprane auf, die in dieser Einspielung sämtlich ihre Stimmen so virtuos einsetzen, dass sich das Niveau der Produktion auf höchstem Level bewegt. Neben Cenčić brillieren die Tenöre Yuriy Mynenko, Jake Arditi und Nicholas Tamagna. Die Soprane Sophie Junker, Aleksandra Kubas-Kruk und Dilyara Idrisova bereichern das Vokalensemble mit ihren interessanten, facettenreichen Stimmen.

Begleitet wird die Aufnahme vom polnischen Orkiestra Historyczna unter der Leitung von Martina Pastuszka, die sehr akzentuiert durch das dreiaktige Drama führt, bei dessen Schilderung von spektakulären Begebenheiten aus dem Leben des polnischen Königs Gismondo der Hörer leicht den Überblick über die genre-typisch verworrene Handlung verlieren kann. Aber die Fülle des Wohllauts, die hier reichlich geboten ist, entschädigt auch dafür. Ein wenig störend ist der allzu große Raum, den die Rezitative in dem Werk einnehmen, die historisch korrekte Aufführung konnte und wollte hier aber keine Kürzungen vornehmen.

Die aufwändige Ausstattung der Aufnahme mit komplettem Libretto in vier Sprachen, interessanten Wortbeiträgen über Werk, Komponist und historischen Hintergrund ergänzen den positiven Eindruck dieser historischen Ausgrabung. Man wünscht sich noch viele Entdeckungen dieser Art durch den so kreativen wie findigen Max Emanuel Cenčić.

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Peter Sommeregger, 24. Juni 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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