Die Konstruktion von "Les Troyens" benötigt einen Skript-Doktor

Les Troyens, Hector Berlioz,  Bayerische Staatsoper, München, 09. Mai 2022 PREMIERE

Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper, München, 9. Mai 2022 PREMIERE

Les Troyens

Grand opéra in fünf Akten (1863 / 1879)

Komponist Hector Berlioz. Libretto von Hector Berlioz nach Vergil.
In französischer Sprache

Bayerisches Staatsorchester
Daniele Rustioni  Dirigent
Bayerischer Staatsopernchor
Statisterie der Bayerischen Staatsoper

von Frank Heublein

An diesem Abend wird in der Bayerischen Staatsoper Les Troyens von Hector Berlioz aufgeführt. Ein schwieriges Werk, wenn wie in dieser Inszenierung die ungekürzte Fassung gespielt wird. Fünf Akte, zwei Handlungsplätze, Troja und Karthago und drei Rollen, die Berlioz stimmlich ans Äußerste ihrer Möglichkeiten treibt. Es sind Cassandre, Énée und Didon. Alle drei haben die Aufgabe, extrem lange Arien, Duette und Nummerfolgen auf hochdramatischem Niveau zu meistern.

Am heutigen Abend sind das Altistin Marie-Nicole Lemieux als Cassandre, die in Les Troyens die Lage einer Mezzosopranistin singt. Tenor Gregory Kunde singt den Énée und Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk singt die Didon.

Marie-Nicole Lemieux als Cassandre steckt im ersten Akt in einem permanenten Ausnahmezustand. Ihre Warnungen, dass die Griechen den Trojanern mit dem Pferd eine Falle gestellt haben, dass Troja untergeht, werden allesamt in den Wind geschlagen. Marie-Nicole Lemieux singt und ist dieser permanente Ausnahmezustand in diesem langen ersten Akt. Dramatisch, energetisch, willensstark, fest dringt ihre Stimme in mich ein.

Selbst bei den Chor- und Gruppenszenen müssen die Solisten und Solistinnen mit ran. Die Laocoon Szene, der Priester erkennt als einziger den griechischen Trug und wird von Schlangen getötet, ist für mich die eindrucksvollste aller Massenszenen der ersten beiden Akte, die in Troja spielen. Das Orchester, der Chor und die Solisten singen entsetzt, sehen darin ein Zeichen, dass man ein göttliches Geschenk geschmäht hat. Énée hat hier seinen ersten stimmlich bedeutsamen Auftritt und in seiner Tenorstimme tönt der Held hervor. Eine mich überwältigende Szene.

Der zweite Akt, die Griechen brennen Troja nieder, Cassandre stimmt die sie umgebende Frauenschaft auf den Freitod ein, um dem griechischem Sklavenjoch zu entgehen. Auch im Augenblick des Todes singt Marie-Nicole Lemieux die Cassandre als verzweifelt Entschlossene. Hochdramatisch und voller Opernpracht stirbt sie und alle ihre Begleiterinnen am Ende des zweiten Aktes unter dem Erschrecken der Griechen. Im Todesmoment schmettert sie Énée den Auftrag entgegen: er soll die Söhne Trojas retten und in Italien landen.

Daniele Rustioni hält das Bayerische Staatsorchester im steten Fluss, es wogt, den Sturm der Emotionen auf der Bühne tragend und stützend. Die wenigen besonderen orchestralen Stimmungsmomente werden von den Holzbläsern ausgeführt. Berlioz setzt stark auf die Homogenität von Stimme und Orchester. Die ebenso komponierten pantomimischen und Ballettszenen empfinde ich aus diesem Grund als musikalisch langatmig.

Tenor Gregory Kunde als Énée beweist seine Ausdauer im dritten Akt. Der Held ist gefordert. Die Trojaner landen in Karthago und zumindest in dieser Oper gleich darauf müssen die Nubier zurückgedrängt werden, die mit Macht Karthago einnehmen wollen. Die Karthager alleine sind unterlegen, da kommt die Unterstützung Énées und der kampferprobten Trojaner gerade recht. Gregory Kunde singt die gefühlte zweite Hälfte des dritten Aktes durch – es ist das lange Finale – und das im Heldenmodus. Kräftig, stramm, entschlossen und zugleich klar und verständlich ist seine Stimme. Wie Cassandre eine Ausdauerleistung auf sehr hohem Niveau. Mit ihm kulminiert der dritte Akt im pompös triumphalen Schluss in dem Karthager und Trojaner gemeinsam rufen „C’est le fils de Vénus qui vous (nous) guide aux combats!“ (Es ist der Sohn der Venus, der euch (uns) in den Kampf führt). Das Massenszenehighlight aus dem zweiten in Karthago spielendem Teil.

Ein weiterer Höhepunkt ist „Nuit d’ivresse“ (Nacht der Trunkenheit), das große Liebesduett zwischen Énée (Gregory Kunde) und Didon (Ekaterina Semenchuk). Im zärtlichsten Moment der Oper singen die beiden zugeneigt, lieblich und fein.

Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk hat als Didon die Rolle mit der größten Gefühlsdynamik. Anfangs zwar offen für Fremde, jedoch ganz in Trauer über ihren toten Mann. Selbst das Zureden ihrer Schwester Anna, gesungen von Altistin Lindsay Ammann, Karthago wolle einen neuen König, fruchtet nicht. Kaum sind die Trojaner angekommen, schmiedet sie mit Énée das Bündnis gegen die feindlichen Nubier. Nach erfolgreicher Schlacht verliebt sie sich gegen ihren eigenen Willen – und das singt sie eindrucksvoll toll – in Énée, der sie auf Drängen der Götter verlässt. Diesen emotionalen Verrat hält Didon nicht aus und sie legt selbst Hand an sich. Welch dunkles Timbre, denke ich im Moment ihrer ersten Sangestöne Anfang des dritten Aktes. Im Liebesduett im vierten Akt zart und einfühlsam, bringt sie der Verrat Énées in einen emotionalen Ausnahmezustand, dem sie hart und entschlossen stimmlich fest ein Ende bereitet. Ekaterina Semenchuk Stimme zeichnet die sich wandelnden Emotionen stark und für mich spürbar nach.

Von den allesamt gut besetzten Nebenrollen fallen mir stimmlich auf im ersten Troja Teil Chorèbe gesungen von Bariton Stéphane Degout. Sehr rund, elegant und warm. Im zweiten Teil ist es Anna, Didons Schwester, gesungen von Altistin Lindsay Ammann gleich zu Anfang des dritten Aktes im wunderbaren stimmlich exzellent harmonierenden Duett mit Ekaterina Semenchuk.

Die Inszenierung ist eine Herausforderung, was am Libretto liegt. Die Handlung ist weniger fortlaufend vielmehr blitzlichtartig. Eklatant fällt mir das im dritten Akt auf, in dem die Trojaner, kaum angekommen, sich sogleich in den Kampf gegen die Nubier werfen. Der vierte Akt trägt dreiviertel nichts zur Handlung bei und hat lange orchestrale Passagen überschrieben mit Pantomime und Ballets. Der Librettist Hector Berlioz lässt Schwächen erkennen, mit denen Regisseur Christophe Honoré einen Umgang sucht. Im Programmbuch ist ein Brief an die Sänger und Sängerinnen abgedruckt: „Ich schlage vor […] an diesen beiden Ideen zu arbeiten: die Unausweichlichkeit der Tragödie und die Freude an der Tragödie, die Vorahnung der Gewalt und die Verurteilung der Gewalt, der Schrecken der Liebe und die Unmöglichkeit der Liebe.“

Die Ballette im vierten Akt sind benannt mit a) Pas des Almées (Tanz der ägyptischen Sklavinnen), b) Danse des Esclaves (Tanz der Sklaven) und c) Pas d’Esclaves nubiennes (Tanz der nubischen Sklavinnen). Christophe Honoré zeigt offensichtlich, dass er keinen naturalistischen Ansatz fährt. Etwa wenn er das Meer im Bühnenhintergrund als Werbefläche darstellt oder das trojanische Pferd durch eine krakelige große Leuchtschrift „Das Pferd“ visualisiert. Mit dem Hintergrund des Programmbuchs verstehe ich den Sinn der filmischen Einlagen, in denen nackte Männer andeutungsweise explizit miteinander liebesspielen. Sinnbild der Sklaven und Sklavinnen, die Schrecken und Unmöglichkeit der Liebe darstellend.

Ich bin ein Freund des Verstehens von Inszenierung ohne mir davor etwas angelesen haben zu müssen. Das funktioniert in diesem Fall nicht. Mir sind die orchestralen Passagen langatmig, die Filme machen die Situation nicht besser, denn sie stehen in keinem Zusammenhang zur Handlung. Ich denke mir in diesem Moment, dass Berlioz Musik komponiert hatte, auf die er nicht verzichten wollte. Schade, dass die Absicht besteht, Les Troyens ungekürzt auf die Bühne zu heben. Denn das Libretto oder besser gesagt die Konstruktion der Oper benötigt einen Skript-Doktor.

Zurück zur Inszenierungsidee: die Darstellung „der Unausweichlichkeit der Tragödie und die Freude an der Tragödie, die Vorahnung der Gewalt und die Verurteilung der Gewalt, der Schrecken der Liebe und die Unmöglichkeit der Liebe.“ In mir gelingt dies. Ich empfinde diese Aspekte der Oper intensiv! Wie sollte es in der Oper auch anders sein: insbesondere durch die drei herausragend gut interpretierten Hauptrollen. Mein großer Dank geht an Marie-Nicole Lemieux als Cassandre, Tenor Gregory Kunde als Énée und Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk als Didon.

Frank Heublein, 10. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Inszenierung   Christophe Honoré
Bühne   Katrin Lea Tag
Kostüme   Olivier Bériot
Licht   Dominique Bruguière
Film   Comité dans Paris
Dramaturgie   Katja Leclerc

Cassandre / Der Schatten von Cassandre   Marie-Nicole Lemieux
Hécube, Königin von Troja   Emily Sierra
Ascagne, Sohn des Énée   Eve-Maud Hubeaux
Didon, Königin von Karthago   Ekaterina Semenchuk
Anna, Schwester der Didon   Lindsay Ammann
Soldat aus dem trojanischen Volk   Daniel Noyola
Chorèbe / Der Schatten von Chorèbe   Stéphane Degout
Priam / Der Schatten von Priam   Martin Snell
Hélénus, Sohn des Priam   Armando Elizondo
Énée   Gregory Kunde
Panthée   Sam Carl
Der Schatten von Hector   Roman Chabaranok
Ein griechischer Heerführer   Daniel Noyola
Narbal   Bálint Szabó
Iopas   Martin Mitterrutzner
Mercure   Andrew Hamilton
Hylas   Jonas Hacker

Erster trojanischer Soldat   Theodore Platt
Zweiter trojanischer Soldat   Andrew Gilstrap
Andromaque   Matilde Romagnoli

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.