Foto: theatersg portraits Modestas Pitrenas (c) konzertundtheater.ch
Auf den Schlussakkord folgte zunächst andächtige Stille des immer noch höchst disziplinierten und konzentrierten Publikums, dann ein sich immer mehr steigernder Applaus. Auch auf dem Podium herrschte sichtlich Freude unter den Musikern über dieses besondere Ereignis. Am Ausgang der Tonhalle wurde man dann von den ganz anderen Tönen der St. Galler Fasnacht mit Blaskapellen empfangen, die an Mahlers Komposition aus dem vorletzten Lied erinnerten: „Was geht mich denn der Frühling an!? Laßt mich betrunken sein!“ Das St. Galler Sinfonieorchester ist derzeit in Hochform und verdient überregionale Beachtung!
Lied von der Erde
Sinfonieorchester St. Gallen
Modestas Pitrenas / Dirigent
Katrin Wundsam / Mezzosopran
Christopher Sokolowski / Tenor
Konzert und Theater St. Gallen, Tonhalle, 13. Februar 2026
von Julian Führer
Gustav Mahler starb 1911 mit nur 50 Jahren. Zwei seiner wichtigsten Kompositionen hat er selbst nicht mehr gehört, nämlich seine 9. Symphonie und „Das Lied von der Erde“, ein Werk zwischen Orchesterliedzyklus und Symphonie, das nun in St. Gallen mit dem bestens aufgelegten dortigen Sinfonieorchester zu hören war.
Das „Lied“ besteht aus sechs Teilen, denen Gedichte von Hans Bethge aus der einst sehr verbreiteten Sammlung Die chinesische Flöte zugrundeliegen. Tenor- und Altstimme wechseln sich beim Gesang sätzeweise ab. Zu Beginn („Das Trinklied vom Jammer der Erde“) fordert Mahler gemäß Partitur, der Tenor möge „mit voller Kraft“ singen – und das tat Christopher Sokolowski auch, ein junger Amerikaner, der in Europa bereits als Lohengrin und Parsifal auftritt. Der Einstieg im Fortissimo ist höchst anspruchsvoll, obendrein ist die Instrumentierung in diesen Passagen teilweise sehr massiv. Die Lautstärke war kurz davor, die akustisch reizvolle St. Galler Tonhalle an ihre Grenzen zu bringen, so aber bleibt ein überaus kraftvoller Eingangssatz in Erinnerung, in dem das Piano der ersten Trompete und die sehr saubere Homogenität der ersten Violinen auch in großen Höhen erste Akzente setzten.
Der Kontrast zum zweiten Teil hätte kaum größer sein können. „Der Einsame im Herbst“, so der Titel des Gedichts, wird mit Sechzehntelketten der gedämpften ersten Violinen eingeleitet, die nach zwölf Takten von „pp“ nach „ppp“ zurückgenommen werden. Das St. Galler Publikum war mitten in der Erkältungssaison völlig still und lauschte atemlos den noch so kleinen Veränderungen, die unter Modestas Pitrenas immer plastisch erfahrbar blieben. Katrin Wundsam trug mit ihrer klug geführten und immer gleich ansprechenden, ebenso schlanken wie runden Stimme zum gelungenen Eindruck bei, auch tiefe Lagen mühelos meisternd. Der Satzschluss verebbt ‚morendo‘, eine Vorgabe, die Mahler in diesem Werk immer wieder setzt. Es brauchte eine Ruhe-, aber keine Hustenpause, das Publikum blieb konzentriert.

Der kurze Satz „Von der Jugend“ erlaubte es Christopher Sokolowski, viel mehr Zwischentöne zu zeigen. Die vorgegebene Phrasierung setzte er sehr genau um. In „Von der Schönheit“ harmonierten Katrin Wundsam und das Orchester beeindruckend, bevor mit „Der Trunkene im Frühling“ wieder die Tenorstimme Sokolowskis zum (kontrollierten) Überschwang kam.

Der letzte Satz „Der Abschied“ dauert mit reichlich 30 Minuten noch länger als der Schluss von Mahlers 9. Symphonie. Immer wieder scheint die Musik an Abgründen zu stehen. Modestas Pitrenas, seit 2018 Chefdirigent in St. Gallen, dirigierte ohne Taktstock, frei gestaltend und trotz der komponierten Generalpausen stets fließend – eine Gratwanderung, die nicht immer so mustergültig gelingt. Dass Mahler die Stimmführung mehrfach in die zweiten statt die ersten Violinen legt, wurde durch die Sitzordnung räumlich und akustisch erfahrbar, da sich die Violinengruppen in der sogenannten deutschen Aufstellung auf beiden Seiten des Dirigenten gegenübersaßen. Katrin Wundsam setzte mit den sehr tief notierten und mehrmals wiederholten Schlussworten „ewig, ewig“ ein sehr leises, immer hörbares und denkwürdiges Ausrufezeichen der Phrasierung und Gestaltung.
Auf den Schlussakkord folgte zunächst andächtige Stille des immer noch höchst disziplinierten und konzentrierten Publikums, dann ein sich immer mehr steigernder Applaus. Auch auf dem Podium herrschte sichtlich Freude unter den Musikern über dieses besondere Ereignis. Am Ausgang der Tonhalle wurde man dann von den ganz anderen Tönen der St. Galler Fasnacht mit Blaskapellen empfangen, die an Mahlers Komposition aus dem vorletzten Lied erinnerten: „Was geht mich denn der Frühling an!? Laßt mich betrunken sein!“ Das St. Galler Sinfonieorchester ist derzeit in Hochform und verdient überregionale Beachtung!
Julian Führer, 14. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Rezension: Gustav Mahler, Das Lied von der Erde, Vladimir Jurowski
Richard Strauss, Elektra (1909) Konzert und Theater St.Gallen, 17. September 2025