Lieses Klassikwelt 17: Celibidache

Lieses Klassikwelt 17, Celibidache,  klassik-begeistert.de

So sehr ich manchmal traurig werde, weil es mich schmerzt, dass Celibidache nicht Furtwänglers Nachfolger wurde, so sehr hat mich doch das Lebensfazit seines Neffen gefreut, den ich 2010 in Bukarest traf. Er sagte, sein Onkel sei bei allen Konflikten, Widersprüchen und Ambivalenzen ein glücklicher Mensch gewesen, für ihn zählte nur die Musik, er lebte für sie und fand in ihr Erfüllung.

von Kirsten Liese

Es gibt geniale Künstler, die ich beim besten Willen nicht hätte live hören können,  weil ich zu ihren Lebzeiten noch nicht geboren war. Auf die Dirigenten Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter trifft das beispielsweise zu.

Aber es gibt einen, für den ich mich leider nach seinem Tod erst richtig zu interessieren anfing, was ich bis heute untröstlich bereue: Sergiu Celibidache. Ihm ist  meine heutige Klassikwelt gewidmet.

Er hatte in den 1990er Jahren seine größte Zeit als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, die ihn nach Jahren der Suche und künstlerischen Wanderschaft zwischen Turin, Stockholm, Köln und Stuttgart endlich restlos erfüllte, als ich gerade zufällig in München lebte. Ich hatte damals einen anspruchslosen Job in der Bibliothek der Bayerischen Staatsoper und wurde bald darauf Hospitantin in der Musik-Abteilung des Bayerischen Rundfunks. Ich werde es mir wohl nie verzeihen, dass ich nicht die einmalige Gelegenheit nutzte,  Celi-Konzerte zu besuchen, für die andere weit anreisten. Auch seine Proben im Gasteig hätte ich kostenlos besuchen können.

Ich erinnere mich noch an Negativ-Schlagzeilen in der Münchner Boulevard-Presse wie „das kostet uns unser Celi“ und kam gar nicht auf die Idee, dass einer, der immer wieder als Diktator hingestellt – und  dem allerhand Allüren nachgesagt wurden, mich faszinieren könnte. Das werde ich mir wohl nie verzeihen.

Erst Jahre später entdeckte ich mein schmerzliches Versäumnis, nachdem ich in einem Programmkino den Dokumentarfilm   Die Gärten des Celibidache  sah. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, was das für ein unfassbares Genie gewesen sein muss, auch wenn freilich die wenigen Auszüge im Film, die ihn als Dirigenten zeigen, nur den schwachen Abglanz legendärer Konzerte darstellen. Die Art, wie er sich in Bruckners Musik versenkte, die Weisheiten, die er bekundete, seine Unbeugsamkeit als Visionär künstlerischer Überzeugungen- all das haute mich  um.

Sergiu Celibidache (1966), Quelle: wikipedia.de

Fortan wollte ich alles über Celibidache wissen, besorgte mir –  wohl wissend, dass nun gerade Celi jegliche Tonkonserven als „tönerne Pfannkuchen“ ablehnte und ich mich damit in Widersprüchen bewegte – alle Aufnahmen in  Bild und Ton, kontaktierte das Münchner Celibidache-Archiv, um alle, tatsächlich alle Dokumentationen, die jemals über ihn gedreht wurden, anzuschauen, angefangen von kurzen Schnipseln aus Nachkriegsjahren, in denen Celibidache interimsweise für Furtwängler die Berliner Philharmoniker leitete, über kaum bekannte, in Italien aufgenommene private Super 8-Filme bis hin zu Diskussionen mit seinen Schülern, zahlreichen Konzertmitschnitten und Interviews. Natürlich versenkte ich mich auch in Celis „Phänomenologie der Musik“, die der Maestro weise in einer Fernsehsendung darlegte, las sämtliche Bücher über ihn und den hoch interessanten Briefwechsel zwischen ihm und Furtwängler,  begab mich an viele Orte, an denen er wirkte, auf Spurensuche und wollte von allen Zeitzeugen soviel wie möglich über ihn wissen.

Das waren die unterschiedlichsten Persönlichkeiten, Berliner Philharmoniker um die 90, Orchestermusiker der Münchner Philharmoniker und des RSO Stuttgart, Solisten, Journalisten, Dirigier- Schüler, Weggefährten und in Bukarest  sogar ein Neffe von Celibidache, der exakt denselben Vor- und Zunamen trägt. Was sie alle zu sagen hatten, fügte sich wie ein facettenreiches Mosaik zusammen.

Nach der Lektüre von Klaus Umbachs Celibidache-Biografie, der den Maestro bisweilen wenig schmeichelnd als Querulanten, Mimose, Tyrann, Guru oder Sensibilissimo bezeichnete, ergab sich darüber ein weitaus positiveres Gesamtbild. Alle Befragten untermauerten letztendlich  das, was ich instinktiv spürte: Celibidache war eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts.

Insbesondere der Geiger Ingolf Turban hatte so viel Gutes und Schönes zu berichten, dass ich es hier unbedingt nacherzählen muss.

Turban lernte den Dirigenten 1986, im Alter von nur 22 Jahren und wenige Wochen vor seinem Hochschul-Diplom kennen, als er Konzertmeister der Münchner Philharmoniker wurde. Nach bestandenem Probespiel sah er Celibidache erstmals leibhaftig vor sich. „Ich bin Celi, du Turbi“, soll der große Brucknerdirigent ihn begrüßt –  und dazu aufgefordert haben, seine Pläne, als Solist nach Amerika zu gehen, aufzuschieben und für drei Jahre in seinem Orchester zu verbleiben, was  Turban auch beherzigte.

Sehr berührt hat mich ein Foto, das den damals blutjungen Geiger und Celibidache zusammen zeigt. Es entstand anlässlich eines ganz besonderen Konzerts: Nach einem Zerwürfnis mit Anne-Sophie Mutter engagierte Celibidache vom Fleck weg seinen jungen Konzertmeister als Solisten für das Violinkonzert von Sibelius, der sich bei ihm fühlte wie in Abrahams Schoß. Celibidaches Anerkennung war für ihn  wie ein Ritterschlag.

Turbans schönste Anekdote, die den umstrittenen, vielfach angefeindeten Dirigenten trefflich von seiner menschlichen Seite zeigt, ereignete sich auf einer Konzertreise in Madrid. Celibidache spürte wieder einmal instinktsicher, dass Turban etwas belastete und drängte ihn förmlich, es ihm zu sagen.  Also ließ der Geiger die Katze aus dem Sack: Er machte sich Gedanken, weil er keine Manschettenknöpfe für den anstehenden Konzertabend dabei hatte und ihm niemand aushelfen konnte. Das war ihm unangenehm. Darauf forderte ihn der Meister auf, nach dem Frühstück in sein Zimmer zu kommen. Dort erwarteten den Bekümmerten zwei „wunderschöne goldene Knöpfe.“ Turban, dem das alles peinlich war, erachtete sie als Leihgabe, aber Celibidache bestand darauf, sie ihm zu schenken. Bis heute trägt Turban sie in Andenken an den großzügigen Spender bei jedem Konzert.

Die andere unwirsche Seite lernte Turban freilich auch kennen: „Wen ich liebe, dem gebe ich das letzte Hemd, und wen ich hasse, dem stoße ich das Messer in den Rücken“ zitierte er den gefürchteten Pultstar, der sich im Zuge seiner kompromisslosen Visionen auf eines so gar nicht verstand: Diplomatie.

Eben dieses Manko führte vermutlich dazu, dass Celibidache nach Furtwänglers Tod nicht dessen Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern wurde, was für  ihn die größte Enttäuschung seines Lebens bedeutet haben muss. Ganz genau werde ich wohl allerdings nie mehr erfahren, was sich hinter den Kulissen abspielte, so dass Karajan schließlich das Orchester übernahm. Erinnerungen und Vermutungen der Zeitzeugen driften auseinander. So ging Cellist Eberhard Finke, damals noch ganz jung bei den Berliner Philharmonikern,  davon aus, dass seine Kollegen auf die Wahl von Karajan gar keinen Einfluss nahmen. Dem entgegen steht die Schilderung des Kontrabassisten Erich Hartmann, der berichtete, dass Celi im Umgang mit Solisten und einigen Orchestermusikern bisweilen doch so unleidlich umging, dass das Orchester ihn als Nachfolger dann doch nicht wollte. Dem Cellisten Wolfgang Boettcher kam sogar zu Ohren, dass Celibidache sich mit der Absicht getragen haben soll, die Hälfte der Musiker, die er für nicht gut genug befunden haben soll, entlassen – und durch jüngere ersetzen zu wollen. So entstehen Mythen.

Umso mehr erstaunt, dass ausgerechnet Jahrzehnte später die Wahl auf Wolfgang Boettcher als Solisten fiel, als Celibidache als Chef des Radio- Sinfonieorchesters Stuttgart einen Solisten für Hindemiths Cellokonzert suchte. Zumal Boettcher zuvor Herbert von Karajan und damit Celis verhasstesten Feind bei den Berlinern zum Chef hatte. Über Celibidache als Partner auf dem Podium geriet allerdings Boettcher wie alle von mir befragten Musiker ins Schwärmen.

Eine bezeichnende Geschichte über den strengen Celi, der – und dazu reichten bisweilen schon kleine Reizbarkeiten aus –  zum Vulkan werden konnte,  erzählte mir die Münchner Journalistin Beate Kayser, Mutter des Filmemachers Jan Schmidt-Garré, der übrigens auch einen tollen, aufschlussreichen Dokumentarfilm über Celibidache drehte, und einst gut befreundet mit dem Maestro. Sie erinnerte sich an eine Konzertreise der Münchner Philharmoniker, auf der eine Klarinettistin an Bord war, die Celi eigentlich gar nicht mitnehmen wollte. Sie hatte sich die Teilnahme über den Betriebsrat erkämpft, blieb aber auf der gesamten Reise eine Statistin und spielte keinen Ton. Bitter.

Natürlich führte mich meine Spurensuche auch nach St. Florian bei Linz, wo Anton Bruckner unter der großen Orgel in der Gruft begraben ist. Celibidache hatte in der Kirche  nicht nur Bruckners f-moll-Messe aufgeführt, sondern viele Stunden in der Gruft verbracht und meditiert. Dorthin nun begab ich mich auch und spürte nach. Was hätte ich dafür gegeben, hätte ich die Zeit noch einmal zurückdrehen- und die Messe hören können.

So sehr ich manchmal traurig werde, weil es mich schmerzt, dass Celibidache nicht Furtwänglers Nachfolger wurde, so sehr hat mich doch das Lebensfazit seines Neffen gefreut, den ich 2010 in Bukarest traf. Er sagte, sein Onkel sei bei allen Konflikten, Widersprüchen und Ambivalenzen ein glücklicher Mensch gewesen, für ihn zählte nur die Musik, er lebte für sie und fand in ihr Erfüllung.

Dass das zugetroffen haben mag, dafür spricht freilich allein die sagenhafte Entwicklung des genialen Dirigenten. Mir ist kein anderer  mit einer vergleichbar außerordentlichen Wandlung vom temperamentvollen Feuerkopf zu einem in sich ruhenden, Gelassenheit ausstrahlenden Maestro bekannt. Souverän sagte er selbst von sich, als er jung war, hätte er keine Ahnung von Musik gehabt. Und in seinen letzten Lebensjahren lobte er sein Orchester, die Münchner Philharmoniker, geradezu hymnisch. Kein anderes auf der ganzen Welt, davon schien er überzeugt, konnte vergleichbar Bruckner musizieren.

Nach all der jahrelangen Beschäftigung ist es mir kaum noch möglich, heute ein Bruckner-Konzert zu erleben, ohne an meinen geliebten Celi zu denken.

Bekenntnismusiker, wie er einer war, entdecke ich nur wenige: Christian Thielemann, der Celis Erbe in München für einige Jahre fortsetzte, den Celibidache selbst aber nicht mehr kennenlernte. Und ganz besonders Riccardo Muti. Und was soll ich Ihnen sagen: Als ich neulich nach langer Zeit wieder einmal ein Büchlein mit Celibidache-Zitaten zur Hand nahm und nachschlug, was er über den Italiener sagte, lese ich doch glatt: „Das ist eine der größten Begabungen, die ich kenne“. Zwar fügte er noch hinzu, ihm „fehle die Kultur“.  Und das bezog sich auf Muti in seinen jungen Jahren. Gemessen aber daran, wie vernichtend sich Celi mit Ausnahme von Furtwängler über alle anderen Großen seiner Zeit  –  von Toscanini über Karajan bis Carlos Kleiber und Claudio Abbado –  äußerte, erscheint diese große Anerkennung doch exzeptionell.

Kirsten Liese, 17. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Kirsten LIese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

Ein Gedanke zu „Lieses Klassikwelt 17, Celibidache,
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  1. Da haben Sie wohl recht, es bedauern zu müssen, nie ein leibhaftiges Konzert erlebt haben zu dürfen. Ich hatte das Glück, erfahren zu dürfen, wie Celi aus den Münchner Philharmonikern über Jahre hinweg ein wirklich hervorragendes Ensemble geformt hat. Er lebte wirklich für die Musik. „Musik ist Mensch und Mensch ist Musik.“ So eines seiner Zitate. Ingolf „Turbi“ Turban ging noch mit mir in die gleiche Schule in Gauting. Er war schon sehr begeistert von seinem Mentor. Seine Schwester Dietlinde ehelichte ja dann Lorin Maazel, der nach Celis Tod die Philharmoniker übernahm. Als dann James Levine schließlich das Orchester leitete, verkaufte ich meine Karten. Nun war aller Zauber dahin. Was mir bis heute noch eindringlich im Gedächtnis verhaftet bleibt, war eine Generalprobe zu Beethovens 5. Klavierkonzert. Barenboim spielte den Solopart. (Celi meinte über ihn, er sei ein hevorragender Pianist, aber ein lausiger Dirigent.) Nie hab ich das mehr so eindringlich und wunderschön gehört.
    Celi teilte die Musikwelt in 2 Lager. Ich ge“höre“ bis heute zum Lager der Bewunderer. Und ja, eine Konserve kann nie den Reiz des Live-Erlebnisses bieten.
    Und so wie es Ihnen mit Celi geht, so sehr bedauere ich, nie Fritz Reiner mit dem CSO gehört zu haben. Das wäre aber auch geburtstechnisch nicht möglich gewesen.

    R. Bertold

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