Lieses Klassikwelt 51: Salzburg – eine Nachlese

Lieses Klassikwelt 51, Salzburg – eine Nachlese

Foto: Szene aus dem legendären Don Carlos (Giuseppe Verdi) unter Herbert von Karajan

von Kirsten Liese

Ich war selten so traurig, als die Salzburger Festspiele zu Ende gingen. Mutig und selbstbewusst trotzten sie in ihrem Jubiläumsjahr Corona wie kein anderes Festival und boten damit  Orchestern, Dirigenten und Solisten, die anderswo überwiegend Absagen erreichten, eine herrliche Oase. Unweigerlich beneidete wohl jeder Musiker besonders die viel beschäftigten Wiener Philharmoniker, denen es vergönnt war, große Symphonik von Beethoven, Bruckner und Mahler unter Dirigenten wie Muti, Thielemann und Nelsons aufzuführen wie es derzeit an keinem anderen Ort möglich wäre. Und soweit ich das nach leider nur einem live erlebten Konzert und Sichtung diverser Streams beurteilen kann, bewegte sich das Programm auf einem künstlerisch sehr hohen Niveau.

Das einzige, was mir nicht gefiel, war die Inszenierung der  Elektra, die schon mit einem überflüssigen zusätzlich aufgesetzten Prolog begann. Und da sind wir gleich bei dem entscheidenden Punkt, der erklärt, warum ich mich in den vergangenen Jahren in Salzburg rar gemacht habe: Die Inszenierungen wurden zusehends miserabler.

Mit Entsetzen erinnere ich mich noch an das Mozartjahr 2006, insbesondere an die damalige Inszenierung der Entführung aus dem Serail von Stefan Herheim, der die Rolle des Bassa Selim irgendwie auf alle Figuren aufteilte und auch einige Arien anders zuordnete. Einen erkenntnisreichen Mehrwert brachte das nicht, eigentlich nur Verwirrung. Ästhetisch wirkte diese Produktion zudem mit seinem zeitgeistschnittigen Konzept so abstoßend, dass mich eine Asiatin in der Pause fragte, ob in Salzburg wohl alles derart „ugly“ sei.

Ziemlich unbefriedigend erlebte ich auch die von Christof Loy inszenierte   Frau ohne Schatten, für die ich 2011 Christian Thielemanns wegen nach Salzburg zurückkehrte. Musikalisch war das zwar grandios, aber als graues statisches Hörtheater szenisch absolut uninspiriert.

Mit Wehmut mögen sich die Älteren im Publikum damals an die märchenhafte Inszenierung dieses Stücks erinnert haben, mit der Karl Böhm und der Regisseur Günter Rennert 1975 die Salzburger Festspiele eröffneten, noch dazu mit einer einzigartigen Besetzung, die noch in Verzückung zu versetzen vermag. Ich sage nur Leonie Rysanek, James King, Ursula Schröder-Feinen und Walter Berry! Den Radio-Mitschnitt dieser Premiere auf Audiokassette halte ich noch heute hoch in Ehren.

Das waren die goldenen Siebziger! Glücklicherweise durfte ich einige Höhepunkte dieser Zeiten erleben. Die Schwester meines Vaters hatte ein Haus in Berchtesgaden, das fügte sich gut. Von dort aus war man mit dem Auto schnell an der Salzach, wo wir auch die eine oder andere entzückende Aufführung im Marionettentheater besuchten.

Besonders unvergessen ist mir aber – ich kann das nicht oft genug betonen  –  der von Karajan geleitete und inszenierte  Don Carlos (1976). Ich sehe noch den prächtigen Garten mit dem Wasser sprudelnden Springbrunnen im zweiten Bild vor mir, all die herrlichen Kostüme und die beiden spanischen Galgo-Hunde, die zusammen mit König Philipp auftraten. Die Personenregie kam über die opulente Ausstattung übrigens nicht zu kurz, und die Besetzung war mit José Carreras, Nicolai Ghiaurov, Mirella Freni, Fiorenza Cossotto und Piero Cappuccilli die nur denkbar beste aller Zeiten.

Die Salome, die Karajan zwei Jahre später mit Hildegard Behrens in der Titelpartie brachte, die damit einen vergleichbaren internationalen Durchbruch erlebte wie zuletzt Asmik Grigorian am selben Ort in derselben Rolle, stand diesem Carlo  in nichts nach. Sie war seitens der Bühne naturgemäß weniger opulent, besaß aber in ihrer Sparsamkeit alles, was dazu gehört und verströmte eine geheimnisvolle, mysteriöse Atmosphäre.

Unvergessen ist mir auch ein späterer Ausflug nach Salzburg kurz nach meinem Abitur 1983, zu dem mich unsere befreundete Augenärztin Barbara eingeladen hatte. Die Aufführungen waren mit Ausnahme des  Jedermann, den zu der Zeit Klaus-Maria Brandauer auf dem Domplatz spielte, eher mittelprächtig. Nervenaufreibend wurde diese Reise aber, weil ich damals große Probleme hatte, Stadtpläne und Landkarten zu lesen. Navigationsgeräte gab es noch nicht, und Barbara konnte sehr unleidlich werden, wenn ich als schlechte Beifahrerin wieder einmal den falschen Weg gewiesen hatte. – Besonders an einem Sonntag, als sie unbedingt zur Messe in den Dom wollte und drohte, zu spät zu kommen. Wenn ich das heute so schreibe, kann ich darüber fast lachen, aber damals hatte das die Stimmung doch recht getrübt. Immerhin ein Gutes hatten die zahlreichen Irrfahrten: Ich finde mich heute in Salzburg recht gut zurecht.

In noch späteren Jahren kehrte ich dann als berichtende Journalistin wieder. Das war dann schon zur Zeit Mortiers. Viel Großartiges blieb da nicht hängen außer Rameaus Barockoper Les Boréades unter Simon Rattle, einer Lulu mit Christine Schäfer in ihrer vielleicht besten Rolle und einige Theateraufführungen unter Peter Stein (Antonius und Cleopatra, Libussa).

Ja, damals besuchte ich noch das Schauspiel, das aber im Laufe der Jahre künstlerisch zunehmend derart zu wünschen übrig ließ, dass ich mich aus der Sparte gänzlich zurückzog.

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Freilich konnte ich noch das eine oder andere Musiktheater-Juwel in der jüngeren Geschichte des Festivals entdecken: den ebenfalls von Peter Stein inszenierten Macbeth  in der Felsenreitschule, musikalisch einstudiert von Riccardo Muti (2011). Oder auch die von Muti geleitete  Zauberflöte  in einer fantasiereichen Inszenierung von Pierre Audi (2006).

Überhaupt Muti: Was wäre wohl Salzburg ohne diesen genialen kompromisslosen Musiker! Er hat diesem Festspiel immer noch seine größten Glanzlichter aufgesetzt, in jüngerer Zeit mit Ausnahme der Aida (2017) allerdings mehr auf dem Terrain des Konzerts. Auseinandersetzungen mit absurden Regie-Ideen hat er nicht nötig. Und wenn er Beethovens Neunte bringen will wie in diesem Sommer, wo anderswo noch darüber gestritten wird, ob und wie Chöre wieder öffentlich singen dürfen, dann tut er das mutig auch allen Vorbehalten zum Trotz.

Nicht zuletzt die rundum überzeugende  Cosi fan tutte , die ich trotz Kürzungen dank grandioser Sänger und der fabelhaften Joanna Mallwitz am Pult als eine der besten Mozart-Aufführungen an diesem Ort seit Jahren verbuche, weckten die 100. Salzburger Festspiele in mir das Gefühl, dass an diesem Ort wieder  Großes entstehen kann.

Ganz abgesehen davon, dass Salzburg nun mit seinem überzeugenden Hygienekonzept bewiesen hat, dass Oper und größere Sinfoniekonzerte sehr wohl unter den üblichen Auflagen möglich sind.

Darauf sollten jetzt auch möglichst viele Kulturschaffende in Deutschland pochen. In Bayern werden einflussreiche Kulturschaffende und Medien bereits in diese Richtung laut. Mit Erfolg. Immerhin dürfen wohl seit September statt bislang 200 mittlerweile wieder an die 500 Zuschauer in die Bayerische Staatsoper. Das ist ein Anfang.

Kirsten Liese, 4. September 2021, für
klassik-beigeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Kirsten Liese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

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