Lieses Klassikwelt 57: Catarina Ligendza

Lieses Klassikwelt 57: Catarina Ligendza

Eine der bedeutendsten Wagnersängerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat in wenigen Tagen Geburtstag: die wunderbare Catarina Ligendza. Am 18. Oktober 1937 wurde sie in Stockholm geboren.

von Kirsten Liese

Ich hatte das große Glück, sie in den 1970er Jahren oft an der Deutschen Oper Berlin zu erleben und verehrte sie als eine meiner Lieblingssängerinnen. Mit ihrer hoch gewachsenen Statur und der strahlenden Schönheit ihres Soprans, den sie schlank bis in höchste Register führte, war sie unter allen Isolden, die ich auf der Bühne erlebte, die trefflichste. Nicht zufällig erlag auch Carlos Kleiber ihrer Faszination, der, nachdem er in Bayreuth den Tristan mit ihr einstudiert hatte, in dieser Rolle keine andere mehr wollte. Ebenso würdigte auch der namhafte Kritiker Joachim Kaiser die Bilderbuch-Isolde mit den höchsten Superlativen: als ein „Isolden-Wunder sondergleichen.“

Nicht minder sensationell blieb mir Ligendzas Brünnhilde in Erinnerung, in Götz Friedrichs legendärem Zeittunnel-„Ring“ war sie wohl im Laufe von 30 Jahren das herrlichste kühnste Kind überhaupt. Dies wohl auch deshalb, weil sie nach all den monumentalen Heroinen, die bis dahin Maßstäbe gesetzt hatten – Kirsten Flagstad, Martha Mödl, Astrid Varnay oder Birgit Nilsson – einen neuen mädchenhafteren Typ darstellte, der dem jungen Alter von Wagners Frauenfiguren Rechnung trug. Einen solchen Typ hatte die Wagnerwelt zuvor nur einmal in Gestalt der noch jüngeren Anja Silja gesehen, aber die konnte mit Anfang 20 bei allem Respekt vor ihren bemerkenswerten Leistungen, seitens ihrer stimmlichen Bewältigung der hoch anspruchsvollen Partien mit den Kalibern der goldenen Fünfziger und Sechziger nicht mithalten. Ihr Sopran hatte damals einfach noch nicht den idealen Fokus.

Im Fall von Catarina korrespondierte das ideale optische Erscheinungsbild mit der denkbar größten musikalischen Reife. Der gefürchtete Schlussgesang in der Götterdämmerung „Starke Scheite schichtet mir dort“, bei denen die Stimmen zahlreicher Nachfolgerinnen stark ins Flackern gerieten, wurde bei ihr stets zu einem Höhepunkt. Zum idealen Partner am Pult wurde für Catarina Ligendza der Dirigent Horst Stein. Er kam ihr mit seinen flüssigen Tempi und subtilen Nuancierungen im Pianobereich sehr entgegen.

Zu Catarinas Qualitäten zählte bei alledem ihre unbändige Darstellungskunst. Bei dem berühmten Bassisten Josef Greindl, der sie in ihrer musikalischen Laufbahn als ihr wichtigster Lehrer entscheidend förderte, erwarb sie sich physische Wendigkeit: „Ich lernte es schnell aufzuspringen, den Speer in die Luft zu schwingen, flott über die Felsen zu klettern und bei alledem die Stimme zu kontrollieren.“ Auf einem solchen Kapital lässt sich freilich gut aufbauen. Regisseure wie Jean-Pierre Ponnelle oder Götz Friedrich erarbeiteten mit der agilen Sängerdarstellerin ausgefeilte psychologisch schlüssige Rollenporträts.

Zwar war es mir in meiner Kindheit leider weder vergönnt, Catarina Ligendza in Bayreuth noch bei Karajans Salzburger Osterfestspielen zu erleben, aber umso mehr weiß ich es zu schätzen, dass sie sich der Deutschen Oper Berlin sehr verbunden fühlte, wo ich sie unzählige Male sehen und hören konnte, beispielsweise auch als Senta, Elsa oder Amelia im Maskenball. Ihre großartige Chrysothemis in der Elektra habe ich leider nur auf DVD gesehen, ihre Arabella bedauerlicherweise gar nicht.

Leider ist auch Ligendzas Diskografie überschaubar, was auch wieder einmal daran liegt, dass einige Mitschnitte von Produktionen, an denen sie mitwirkte, aus lizenzrechtlichen Gründen in Archiven schlummern, zum Beispiel eine Aufzeichnung des Fliegenden Holländers von den Salzburger Osterfestspielen 1982 unter Karajan. Aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, sie eines Tages doch noch veröffentlichen zu können.

Kirsten Liese mit Catarina Ligendza

Als ich Catarina überreden konnte, 2010 noch einmal an die Deutsche Oper Berlin für ein von mir moderiertes Künstlergespräch zurückzukehren, war dies ein bewegender Moment für viele Fans. Für die meisten von ihnen bedeutete ihr plötzlicher Abschied von der Bühne im Jahr 1987 regelrecht einen Schock. Schließlich war die Schwedin zu diesem Zeitpunkt erst 50 Jahre alt. Warum sie schon so früh aufhörte, wo sie sich doch künstlerisch auf dem Zenit befand? Sie wollte in ihrem Leben noch einmal etwas anderes machen. Und bekanntlich soll man ja aufhören, wenn es am schönsten ist.

Nach dieser schönen Matinee durfte ich Catarina und ihren Mann Peter in ihrem damaligen Haus in Franken besuchen, bevor sie wieder für längere Zeit nach Schweden gingen, und verliebte mich in ihr Pferd. Happy birthday, liebe Catarina!

Kirsten Liese, 16. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Kirsten Liese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

Ein Gedanke zu „Lieses Klassikwelt 57: Catarina Ligendza“

  1. Ich freue mich über die Erinnerung an Catarina Ligendza. Anfang der 70er Jahre hörte ich sie an einem sonnigen Pfingsttag zum ersten Mal live in der DOB als Brünnhilde. Noch mit Hans Beirer, Janis Martin, Gert Feldhof u.a.! Herr Hollreiser dirigierte. Später hörte ich sie in großen Partien des dramatischen Fachs in Stuttgart und vor allem als Brünnhilde im Frankfurter Ring ( Regie: Ruth Berghaus, Dirigent: Michael Gielen) . Die Intensität ihrer Darstellung und die Schönheit ihrer Stimme, die für solche Partien geschaffen schien, trugen wesentlich zum Erfolg dieser mittlerweile legendären Aufführungen bei. Die gesamten Bühnenbilder dieses Ringes wurden übrigens beim Frankfurter Opernbrand 1985 zerstört.

    Ecki Stein

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