London Philharmonic Orchestra, Karina Canellakis – Foto: Patrik Klein
Wenn die Insassen von acht Reisebussen das London Philharmonic Orchestra zersägen.
London Philharmonic Orchestra
Alexander Malofeev, Klavier
Karina Canellakis,Dirigentin
von Patrik Klein
Nach vier kulturlosen Wochen in den Tropen war man ausgehungert nach Musik, nach klassischer Musik, ja nach berührender Musik.
Und eigentlich darf man sicher sein, dass wenn man ein Ticket für das London Philharmonic Orchestra hat, dass es gut wird – manchmal sogar sehr gut – gelegentlich sogar exzellent.
Gestern Abend war es anders. Es kann jedoch auch sein, dass mir der Hörgenuss durch das ungehörige Publikum dermaßen verhagelt wurde, dass ich die Feinheiten überhörte, nicht wahrnahm, sondern einfach nur genervt war.
Mindestens acht Reisebusse standen am Sandtorkai. Ich ahnte schon das Schlimmste. Wen wundert es, so kam es dann auch.
Klatsch- und Fotoalarm nach jeder Möglichkeit, aber so richtig, denn man wollte sich und seinen Nachbarn ja zeigen, dass man den Kurzurlaub in Hamburg genoss. Wie gut, dass der Beethoven keine Sätze hatte, denn das hätte man auch geschafft, den zu zersägen.
Selbst und gerade auch beim Klavierkonzert von Mozart, wo man doch bei wunderbarem Flügelspiel des jungen Russen ganz bei sich bleiben konnte, sich tief in die Harmonien des Wolferls einfühlen konnte: Applaus Applaus und Handy raus!!! nach jeder nur erdenklichen Möglichkeit. Und man muss der jungen Dirigentin eine Mitschuld geben, denn es wirkte so, als dass sie sich freute und angedeutete Knickse vor dem erlauchten Publikum vollbrachte. Dem etwas verdutzten Pianisten fiel dann auch nur noch ein, sich nach jedem Satz brav zu verbeugen. Ich weiß von vielen Gesprächen mit Künstlern, dass das den kompletten Musikfluss und die Konzentration aufs nächste Stück zerstören oder zumindest deutlich erschweren kann.

Der Höhepunkt des Ärgernisses dann bei der „Pathétique“ nach dem dritten Satz. Da dachten wohl die meisten, dass sie einer gigantischen Schlussapotheose beiwohnten. Es keimte Jubel auf, Jubel ohne Ende, Foto hier, Foto dort und Mantel an und raus aus dem Haus für viele, denn man wollte ja noch einen guten Platz an der Bar ergattern.
Ich habe mich selten so fremdgeschämt, der Genuss war komplett dahin. Das grandios dirigierte Adagio-Finale konnte mich dennoch nicht mehr versöhnen – es war einfach schlimm!
Bleibt anzumerken, wie oft wir bei klassik-begeistert auf diese Umstände, die gelegentlich, nicht immer, vorkommen, hingewiesen haben. Wir haben sogar Verbesserungsmöglichkeiten aufgezeigt (Lautsprecheransagen laut; kurzer Auftritt eines Vertreters des Hauses; große Aufmachung im Programmheft etc.). Ein Interview mit dem Intendanten Herrn Christoph Lieben-Seutter wurde uns immer wieder verweigert.
Geht der Kommerz und das vermeintlich volle Haus vor Grundregeln im Benehmen? Hat man Angst vor den Reiseagenturen, die sich vielleicht beschweren und abzuwandern androhen? Ist es dem Management gleichgültig, dass die Künstler auf dem Podium immer mehr zu Zirkusclowns verkommen?
Patrik Klein, 26. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
London Philharmonic Orchestra
Alexander Malofeev, Klavier
Karina Canellakis, Dirigentin
Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zu »Die Geschöpfe des Prometheus« op. 43
Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester d-Moll KV 466
Zugabe des Pianisten: Henry Purcell, Ground c-Moll ZD 221
Piotr I. Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 »Pathétique«

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!
Auf den Punkt 42: Einfach mal klatschen… Laeiszhalle, 30. Januar 2025
Elbphilharmonie Hamburg, Publikum, Entgleisungen, Peinlichkeiten 27. Juni 2022
Lieber Patrik,
danke für Deinen Bericht, der einigermaßen traurig stimmt. Ich las ihn übrigens bei Norman Lebrecht, bevor ich ihn hier entdeckte, dort leider nur in – schlecht KI-übersetzten – Auszügen. Herr Lebrecht lässt ausgerechnet Deine letzten beiden Absätze weg. Auch nennt er nicht unseren Blog, klassik-begeistert.de, als Quelle, zumindest Stand jetzt.
Was Du beschreibst, das ist die Zukunft des klassischen Konzerts. Wer Stille will, wer konzentriert im Konzertsaal lauschen oder in der Bahn lesen möchte, hat keine Chance. Das Smartphone hat unser Leben verändert, hinzu kommt schlechtes Benehmen allenthalben.
In der Kölner Philharmonie dirigierte Riccardo Minasi am vergangenen Sonntag das exquisit aufspielende Ensemble Resonanz aus Eurer schönen Stadt. Großes Musizieren und feiner Gesang (Bellinis I Capuleti e i Montecchi, konzertant) wurden mit Handyklingeln, Dauergelaber und markerschütternden Hustattacken quittiert, senza sordino, und das in einem relativ schütter besuchten Saal. Die herrlich musizierten Piani waren vergeblich geprobt worden, weil Teile des Publikums (und noch sind es immer nur Teile des Publikums) nicht bereit waren, sie (v)erklingen zu lassen.
Der eifrig-vorschnelle Bravo-Rufer, ohne den kaum mehr ein Konzert auskommt, sofern es laut endet, riss diesmal immerhin nicht alle mit, der aufbrandende Applaus verebbte, aber die Stille zum Schluss, die Minasi hielt und die so schön hätte sein können, war natürlich dahin.
Ein weiteres Thema ist das Umherlaufen, wie bei Euch offenbar nach dem Scherzo. In den ersten Jahrzehnten der Kölner Philharmonie herrschten strenge Regeln, die vorher angekündigt und vom Personal angewandt wurden. Sie taten niemandem weh. Es galt die Devise: Zu spät? Pech gehabt. Einlass zur Pause, allenfalls nach der Ouvertüre.
Inzwischen lässt das Saalpersonal der Philharmonie jede und jeden rein, wann immer es den Menschen beliebt, auch lange nach Konzertbeginn. (Die Anfangszeit war mit 19 Uhr ungewöhnlich, und in einem solchen Fall gibt’s stets mehr Leute als sonst, die nicht gelesen haben, was auf ihrer Eintrittskarte steht.)
Inzwischen erlebe ich in nahezu jedem Konzert, das ich besuche, ein mehr oder weniger reges Kommen und Gehen. Kommen Leute zu spät, bleiben sie nicht etwa diskret im Hintergrund: Ein Pärchen nahm am Sonntag in aller Seelenruhe in Reihe 7 Platz, mittig, mit Jacken, etliche Leute standen für sie auf, um sie durchzulassen… Nun ja, ich hab ja bereits drüber geschrieben.
Man kann übrigens auch pärchenweise fünf Minuten vor Ende aufs Klo oder eine rauchen gehen und für die letzten Takte wiederkommen.
Herzliche Grüße nach Hamburg!
Brian
Liebe Klassik-Begeisterte,
die Einschläge kommen immer näher… Mittlerweile gehört das dumpfe, basse, bräsige Verhalten in Konzertsälen und Opernhäusern „zum guten Ton“.
Lieben-Seutter ist das eh wurscht. Ihm geht es primär um volle Sitze, und auf denen können sich dann auch Deppen und stinkende Funktionsjacken lümmeln.
Der Wiener verdient rund 250.000 Euro im Jahr – ob er eine Erfolgsprämie (gemessen an der Auslastungsquote) bekommt, ist unbekannt. Sie könnte erklären, dass L-S jeden Mist in dem vom Hamburger Steuerzahler komplett finanzierten Haus zulässt.
Die Dirigenten, die Konzertmeister, die Zuschauer und – ganz wichtig – die privaten und kommerziellen Sponsoren müssten ihm mal ganz gewaltig auf den Schlips treten und ordentlich die Leviten lesen. Und die kulturnahen Zuschauer müssten wegbleiben, weil genervt. Das ist die einzige Sprache, die CLS beeindruckt.
In Wien hat Atha Athanasiadis, der Chefredakteur der renommierten „Bühne“, gerade gejubelt: „Der Dame, die letztens im Burgtheater zur Selbsthilfe griff und mit ihrem Programmheft einer zuvor mehrfach ermahnten Mitvierzigerin das iPhone einfach aus der Hand geschossen hat, danke ich sehr.“ (Bühne, 2/26, Editorial).
Das sollte Schule machen.
Herzlich grüßt Andreas Schmidt (Herausgeber)
Verehrter Herr Klein!
Ich lese Ihre Kommentare sehr gern und bin stets beeindruckt von Ihrer Leidenschaft und Kenntnis. Ich habe auch viele Konzerte besucht, aber sehr viel weniger als Sie, doch hatte ich nie ein Problem mit Handy, Husten, Geschwätz usw. Ich war auch über 200 Mal in der Lübecker MuK, wo vergleichsweise der berüchtigte „Silbersee“, dessen Mitglied ich auch bin, regiert: deutlich mehr Störgeräusche als in der Elphi.
Nach einem Bruckner #8 in der Reithalle Redefin (MeckPomm-Festpiele) sprach ich mit Kent Nagano, der sich am Zwischenbeifall nicht störte, weil dies offensichtlich erwünschte neue Besucher waren, denen es auch gefallen hat.
Wenn sich dieses Verhalten in Grenzen hält, sollte man es respektieren. Eine Ansage des Hauses könnte behilflich sein. Wenn man sich allerdings auf Störfaktoren konzentriert, nimmt man diese besonders wahr.
Ich wünsche Ihnen nun wieder entspannte Besuche und mir interessante Berichte darüber von Ihnen!
Freundliche Grüße
J. Capriolo
Durchsagen würden höchstwahrscheinlich ebenso ignoriert werden, wie ich jede Woche in der Staatsoper merke. Denn die Hinweise auf störende helle Handybildschirm verhallen fast immer unbeachtet. Aber ich kann ihren Ärger verstehen und voll nachvollziehen…
Ernst Kopica
Lieber Patrik,
danke für Deinen wichtigen Beitrag. Auch in Frankfurt scheint sich im Konzertsaal eine diese Unsitte zu etablieren: ein zunehmend rüpelhaftes Benehmen, das mit konzentriertem Zuhören nur noch entfernt verwandt ist. Besonders auffällig ist eine regelrechte Hustenkultur mit Sabotagepotenzial. Man hat bisweilen den Eindruck, ein Teil des Publikums habe den Eintrittspreis vor allem dafür entrichtet, im Schutz der Dunkelheit alles, was Lunge und Bronchien hergeben, ungefiltert in den Raum zu schleudern – möglichst im pianissimo der Streicher oder in einer besonders heiklen Generalpause.
Was dabei fast noch mehr irritiert als der Husten selbst, ist die völlige Gleichgültigkeit gegenüber den einfachsten Formen der Rücksicht. Kaum jemand scheint auf die Idee zu kommen, einen Hustenreiz zu dämpfen oder wenigstens zu versuchen, ihn zu kontrollieren. Die Armbeuge – eigentlich eine kulturelle Errungenschaft von geradezu zivilisatorischem Rang – bleibt erstaunlich oft ungenutzt. Stattdessen wird frei in den Raum gehustet, als handele es sich um eine akustische Beteiligungsform am Konzert.
Wenn ich Veranstalter wäre, würde ich vor Beginn – ähnlich wie im Flugzeug die Sicherheitsinstruktionen – eine kurze „Etikette-Minute“ einführen. Eine Toncollage der unerquicklichsten Hustengeräusche, gefolgt von einer kleinen Demonstration: So hustet man diskret. Und so – bitte nicht.
Relativ neu scheint mir auch eine zweite akustische Begleiterscheinung der letzten Jahre: das dramatische Herunterfallen von Gegenständen. Handys, Brillen, Programmhefte – alles scheint mit Vorliebe genau dann zu Boden zu gehen, wenn die Musik gerade den Punkt größter Spannung erreicht hat. Manchmal fragt man sich, ob im Parkett inzwischen eine geheime Disziplin betrieben wird: Präzisionsfallenlassen in der Generalpause.
Dirk Schauß