Daniel Prohaska (René Graf von Luxemburg), Andreja Zidaric (Angèle Didier) © Anna Schnauss
Im Vergleich zu den Lebensratgebern, die sie dafür einkaufen müssten, ist dieser Operettengang motivierender, günstiger und in drei Stunden haben sie es sich drauf gepackt. Ich jedenfalls gewinne lachendes Glück. Tolle Unterhaltung mit Niveau!
Der Graf von Luxemburg (1909)
Musik von Franz Lehár
Libretto von Alfred Maria Willner und Robert Bodanzky
Fassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Peter Lund, musikalisch eingerichtet von Kai Tietje
Musikalische Leitung Michael Brandstätter
Regie Peter Lund
Choreografie Alex Frei
Bühne Jürgen Franz Kirner
Tanzensemble
Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
René, Graf von Luxemburg Daniel Prohaska
Angèle Didier Andreja Zidaric
Armand Brissard Peter Neustifter
Juliette Vermont Sophia Keiler
Fürst Basil Basilowitsch Erwin Windegger
Gräfin Mathilde von Luxemburg Dagmar Hellberg
Sergej Mentschikoff / Portier des Grandhotels Juho Stén
Pawel von Pawlowitsch / Portier des Hotel Pain / Regieassistent Gregor Reinhold
Pélegrin / Schaffner / Theaterdirektor Alexander Franzen
Gärtnerplatztheater, München, 27. März 2026, Premiere
Von Frank Heublein
An diesem Abend hat im Münchner Gärtnerplatztheater Lehárs Graf von Luxemburg Premiere. Im Kern geht es ums Vorgaukeln, Hochstapeln und bohemianisches Träumen. Also genau das, was ich brauche, um drei Stunden lang hingerissen auszuleben, dass meine reale Welt in diesem Augenblick so viel besser ist als ich glaubte, nämlich rundherum gut.
Im Vergleich zu den Lebensratgebern, die sie dafür einkaufen müssten, ist dieser Operettengang motivierender, günstiger und in drei Stunden haben sie es sich drauf gepackt. Anhand von Arien, die es nachzuleben lohnt. „Bist Du’s lachendes Glück“: greife zu, wenn Du die Chance hast (und dieser Tage einmal mehr wichtig in Sachen Liebe: es der oder die andere ebenso will wie du). „Das muss Liebe sein“: auch im Alter kann es einen erwischen. Die Liebe ist ein Jungbrunnen. Go for it. „Lieber Freund, man greift nicht nach Sternen“: die eigene Gier bescheiden: greif den kleineren Gewinn, der vor dir liegt und warte nicht auf einen supergroßen weit entfernten. „Alles mit Ruhe genießen“: Entschleunige dich.

René Graf von Luxemburg singt Tenor Daniel Prohaska. Er braucht a bisserl, bis er dem stimmlichen Strahlen von Angèle Didier gesungen von Sopran Andreja Zidaric ebenbürtig ist, aber dann. Die Vermählungsszene der beiden ist fein inszeniert und großartig gesungen. Andreja Zidaric macht ihre Angèle zum stimmlichen Nukleus des Abends. Daniel Prohaska Stimme ist geschmeidig, Andreja Zidaric nuanciert wunderbar flexibel von kraftvoller Entschlossenheit zu feiner Nachdenklichkeit. Gekonnt bewusst falsch singen wie im ersten Vorsingen ist, glaube ich, auch nicht leicht.
Tenor Peter Neustifter singt den Maler Armand Brissard fein-freundlich-warm. Sopran Sophia Keiler seine bildhauende Freundin Juliette Vermont klingt keck und frech. Bariton Erwin Windegger trägt seinem Fürst Basil Basilowitsch in den zweiten Frühling singend (Das muss Liebe sein) zum Hörgenuss ebenso bei wie Mezzo Dagmar Hellberg als anpackende Mathilde von Luxemburg (Alles mit Ruhe genießen).

Das allerdings ist „nur“ einer der beiden bedeutenden Teile, die diese sechs an diesem Abend auszeichnet. Denn deren Schauspiel ist ein weiterer Trumpf. Nur zwei Beispiele von vielen: Andreja Zidarics „Auftritt“, als Angèle ein zweites Mal vorsingt. Dieses überraschende entschlossene Aufstemmen des langen grünbestrumpften Beines beeindruckt mich sehr. René und Angèle erheben das Hochstapeln zur Kunst, sie batteln sich famos. Sophia Keiler hat als Juliette einen tollen Auftritt im Duett mit Erwin Windegger als Fürst Basil. Gesang und Spiel verschmelzen dabei wunderbar. Alle sechs legen neben ihren Stimmen große schauspielerische Qualität an den Tag.
Musikalisch macht der Chor nicht nur aber gerade das Finale zum Erlebnis. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz, geführt von Michael Brandstätter, ist unterstützend sängerisch zugewandt. Die Walzermelodie von „Bist Du’s lachendes Glück“ bleibt genüsslich lang in meinem Ohr hängen.

Die Inszenierung Peter Lunds mit der Bühnenrichtung durch Jürgen Franz Kirner unterstützt den Flow gekonnt mit technischen Mitteln. Der Zug nach Paris fährt aus der Unterbühne hoch. Die neue Szene dreht sich auf der Drehbühne herein, noch während der Chor die Polonaise in die Seitenabgänge tanzt. Sie kombiniert entspanntes Genießen mit intelligentem ironischem Witz und Wahrheiten, die den Puls meiner Zeit treffen. Das wird am bearbeiteten Libretto liegen, das dafür sorgt, dass ich mich in meiner Zeit angesprochen fühle, ganz ohne Lehárs Stück damit zu verderben. Es kommt tolle Unterhaltung mit Niveau für mich heraus.
Die Arien und Duette funktionieren super für mich, da sie die Zeitläufte überleben. Sie wirken 2026 so zeitgemäß wie 1909. Ich fühle mich angesprochen. Ich identifiziere mich mit den ersungenen Wunschträumen, die ich für mich selbst gern erfüllt sähe. Sorgenfrei leben? Au ja! Ich mich der Liebe verweigern? Auf gar keinen Fall! Alles mit Ruhe genießen? Mmmh! Jede Rolle lässt in seinen Arien Lebensweisheit durchscheinen, die meiner Erfahrung entspricht. Das steigert jenseits der gekonnten Unterhaltung meine Lust aufs – Moment: wie schön wäre doch ein hochstapelndes Leben?!
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Minutemade Act Three, Uraufführung, Teil III Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 19. März 2026
Minutemade Act Two, Uraufführung, Teil II Staatstheater am Gärtnerplatzt, München, 12. März 2026
Minutemade Act One, Uraufführung, Teil I Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 5. März 2026