Wiener Konzerthaus: Ein denkwürdiger Abend mit Lorenzo Viotti, der Camerata Salzburg und zwei erstklassigen Solisten

Lorenzo Viotti, Camerata Salzburg, Alina Ibragimova, Violine Clemens Hagen,  Wiener Konzerthaus

Foto: GM/ Márcia Lessa (c)
Wiener Konzerthaus, Großer Saal,
11. Juni 2018
Lorenzo Viotti,Dirigent
Camerata Salzburg,Orchester
Alina Ibragimova,Violine
Clemens Hagen,Cello

von Jürgen Pathy

„Ich weiß, was ich kann, aber auch, was ich noch nicht kann“, unterstreicht der bescheidene Jungdirigent Lorenzo Viotti, 28, in einem TV-Interview – und sein Können, seine musikalische Sensibilität wie auch Subtilität konnte der Schweizer dem Publikum am Montagabend im Wiener Konzerthaus überzeugend vermitteln. Unter der Leitung des Gewinners des „Nestlé and Salzburg Young Conductors Award“ der Salzburger Festspiele 2015 gewähren die Camerata Salzburg, die Geigerin Alina Ibragimova und der Cellist Clemens Hagen Einblick in völlig neue Welten.

Franz Schuberts Ouvertüre zu „Alfonso und Estrella“ (1821 – 1822) reißt die Zuhörer abrupt aus der Stille in einen energischen, beflügelten Strom, versprüht dermaßen viel Optimismus, wie es dem Hörer bei Schuberts sonst so melancholischer Musik selten widerfährt.

In einen komplett anderen Kosmos tauchen die russische Geigerin Alina Ibragimova und der österreichische Cellist Clemens Hagen, 51, beim folgenden Brahms’schen Doppelkonzert in a-Moll (1871), dessen Violinpart ein Versöhnungsgeschenk des Hamburger Komponisten an den ungarischen Geiger Joseph Joachim gewesen ist, der dem letzten Brahms’ schen Orchesterwerk sogar „fast den Vorrang vor dem Violinkonzert“ zugestehen mochte – darüber lässt es sich streiten!

Über jeden Zweifel erhaben bleibt die unvergessliche Interpretation des erstklassigen Künstlergespanns. Wer bei diesem herzergreifenden Dialog der Solisten, der den unentwegten Disput zwischen Johannes Brahms (Cello) und seiner großen Liebe Clara Schumann (Violine) hautnah verkörpert, nicht den Tränen nahe ist, dem sei ein Herz aus Stein attestiert.

Unter Clemens Hagens magischen Händen verwandelt sich das Stradivari-Cello (Baujahr 1698) zum bitterlich klagenden Brahms’ schen Sprachrohr. Der Salzburger Cellist – dessen optische Ähnlichkeit mit dem kürzlich verstorbenen Bariton Dmitri Hvorostovsky unübersehbar ist – befreit den düsteren, oftmals zurückhaltenden Brahms von seinen emotionalen Ketten, erzählt die dramatische Geschichte von dessen inniger Liebe zu Clara Schumann, wie man sie nur selten zu hören bekommt. Diese bis zum Tode der beiden vermutlich unerfüllte Liebe hat Johannes Brahms auch ergreifend in seinen drei späten Klavierwerken op. 116, op. 117 und op. 118 verarbeitet.

Auf ihrer Pietro-Guarneri-Geige (1738) verkörpert Alina Ibragimova, 32, den perfekten Konterpart, der ständig aufmüpfig wirkt, so als verhöhne die Geige den vor Leidenschaft zerberstenden Johannes Brahms in einer Tour. Selbst in den 26 Takten zu Beginn des Andantes, in der Cello und Geige das einzige Mal unisono eine ausdrucksvolle Melodie spielen, klingt die Geige nobel unterkühlt, lässt das bemitleidenswerte Cello (eine Oktave tiefer) arrogant links stehen – sollte die russische Geigerin diesen Geniestreich bewusst so umgesetzt haben: Vielen Dank für die aufschlussreichen Erkenntnisse dieser „letzten Dummheit“, wie Brahms sein letztes Orchesterwerk in einem Brief an seinen Verleger Fritz Simrock etwas kokett charakterisierte.

Aufgrund der engen Verflechtungen zwischen Johannes Brahms, Clara Schumann und deren Gatten Robert Schumann liegt es konzeptionell nahe, der zweiten Hälfte des Abends ein großes Werk des letztgenannten Komponisten zu widmen: die Symphonie in C-Dur (1845 – 1846).

Und auch in diesem Werk enthüllen Lorenzo Viotti – Sohn des 2005 bei Proben verstorbenen Dirigenten Marcello Viotti – und der stets transparente, ehrliche Klangkörper der Camerata Salzburg unerforschte Gebiete. In den ersten Takten dominieren die Blech- und Holzbläser, erst langsam bahnen sich die abgründigen Streicher ihren Weg an die Oberfläche. Von den beiden so unterschiedlichen Traum- und Identifikationsfiguren „Florestan der Wilde“ und „Eusebius der Milde“ – deren unterschiedliche Charakterzüge Robert Schumann in vielen seiner Kompositionen verarbeitet hat – dominiert in dieser ständig brodelnden Interpretation eindeutig der „Wilde“.

Im Schatten der imposanten Marmorsäulen des Großen Saales des Wiener Konzerthauses schleicht nur der lechzende Wahnsinnige umher – selbst im Adagio espressivo findet der „Milde“ keinen Halt. Zu dominant ist der „Wilde“, verankern sich die Klänge der ostinierenden, tremolierenden Streicher in jeder Pore des Körpers und offenbaren die rastlose Gefühlswelt des manischen Komponisten, der auf Messers Schneide und kurz vor der Explosion steht.

Wer nach diesem denkwürdigen Konzert im angenehm klimatisierten Saal des Wiener Konzerthauses noch immer derselbe geblieben ist, der hat nicht richtig zugehört! Das war einer der seltenen großen Abende, deren Plätze im Herzen auf ewig gesichert sind.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 12. Juni 2018, für klassik-begeistert.at

Franz Schubert
Ouverture zu «Alfonso und Estrella» D 732 (1821-1822)
Johannes Brahms
Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-moll op. 102 (1887)
***
Robert Schumann
Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61 (1845-1846)

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