Um den Höhepunkt zu gestalten, braucht es an diesem Abend nur 4 Minuten Musik

LPO Edward Gardner, Dirigent, Raphaela Gromes  Kölner Philharmonie, 5. Dezember 2025

Edward Gardner © Mark Allan

London Philharmonic Orchester
Edward Gardner, Dirigent

Raphaela Gromes, Violoncello

Edward Elgar – In the South (Alassio) op. 50 – Ouvertüre für Orchester

Camille Saint-Saëns – Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 33

Sergey Rachmaninow – Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44

Zugaben:

Hanna Hawrylez – Tropar für 5 Celli

Sergej Rachmaninow – Zdes korosho op. 21/7 – Fassung für Orchester nach Tim Jackson

Kölner Philharmonie, 5. Dezember 2025

von Daniel Janz

Zu häufig bleiben seltene Juwelen der Konzerttradition ungehört, weil die mit ihnen verbundenen Personen in der einen oder anderen Weise ausfallen. Man konnte also bereits böse Vorahnungen entwickeln, als zur Aufführung an diesem Freitagabend bekannt wurde, dass der Solist Sheku Kanneh-Mason wegen einer Verletzung ausfällt. Da kam die Nachricht, dass das ursprüngliche Programm der Gäste aus London mit Einsprung von Raphaela Gromes erhalten bleiben konnte, wie eine kleine Erlösung.
Das London Philharmonic Orchestra tourt aktuell durch Deutschland – nach u.a. Frankfurt, Köln und Hamburg stehen auch noch Freiburg, Friedrichshafen und Stuttgart auf dem Plan. Mit im Gepäck haben sie Werke, die sonst eher selten auf die Spielpläne finden. Allein dieser Mut ist bewundernswert und bereits eine gute Voraussetzung für eine musikalische Sternstunde. Auch klassik-begeistert hatte bereits lobend aus Frankfurt berichtet. Wie also geht dieses Spiel in Köln auf?

Italienischer Flair trifft auf französische Cellokunst

Edward Elgars „In the South (Alassio)“ ist ein kategorisch unterrepräsentiertes  Stück. Dabei kennt diese kurze Ouvertüre alles – von feurigen Blechfanfaren voller Pathos, wehmütigen Zwischentönen von Streichern und Holzbläsern, in denen sich die Solo-Bratsche hervortut, über martialische Szenen, die an vergangene Schlachten erinnern, bis zu herrlichen Klängen von Harfe, Celesta und Glockenspiel. Gerade für das Londoner Orchester ist dies eine Möglichkeit, ihre eigene Landesmusiktradition zu präsentieren. Und auch, wenn der englische Dirigent Edward Gardner (51) etwas rasch durch dieses Werk führt, bleibt der Eindruck idyllischer Mittelmeerromantik.

Das Cellokonzert von Camille Saint-Saëns stellt zu dieser szenischen Klangmalerei einen gewissen Kontrast dar. Hier fallen besonders die filigranen Stellen auf, die der Solistin Raphaela Gromes (34) zugute kommen. Obwohl die deutsche Cellistin dieses Konzert als Ersatzfrau für den durch eine Verletzung eingeschränkten Sheku Kanneh-Mason übernimmt, stellt sie doch schnell klar, dass sie in der obersten Liga mitspielt. Ihr Einstieg in das Werk ist jedenfalls beherzt keck, ohne dabei unsensibel zu werden.

Den vom Komponisten recht konversativ gesetzten Tonsatz kann sie dabei zum Vorteil nutzen. Stets bleibt ihr Cello im Vordergrund, ohne zu dominieren. Tolle Momente ergeben sich im Frage-Antwort-Spiel von Flöte und Solistin im ersten Satz.

Raphaela Gromes © Georg Thum wildundleise

Ergreifen kann besonders der zweite Satz, der wie auch der dritte nahtlos auf seinen Vorgängersatz folgt. Zum süßlichen Tanz der Streicher bildet Gromes mit ihrem Cello einen gesanglichen Gegenpol. Ergänzt wird das von Gardners klarem Dirigat, das die innere Struktur des Werkes hervorhebt. Wenngleich dieses Stück Geschmackssache ist, so darf man der Aufführung heute doch ein herausragendes Niveau anerkennen.

Eine unbekannte ukrainische Komponistin schafft in 4 Minuten mehr, als Rachmaninow in 40

Besondere Erwähnung gebührt der Zugabe, die Gromes mit 4 weiteren Cellisten des Orchesters spielt. Das etwa 4-minütige Stück „Tropar“ der ukrainischen Komponistin Hanna Hawrylez stellt sie als weihnachtliches Gebet für den Frieden vor. Von Anfang an berührt diese Weise so sehr, dass sich Gänsehaut einstellt. So simpel und doch so tiefgreifend ist es, dass es die Zeit gefrieren lässt. Dann Stille, als könnte man eine Stecknadel fallen hören, bevor ein für eine Zugabe seltenes Erlebnis eintritt: Tosend jubelnder Applaus und Stehende Ovationen des nahezu kompletten Publikums. Müsste man an diesem Abend einen Höhepunkt küren, es ist dieser Moment!

Ob es beabsichtigt war, dass Gromes und ihre Cello-Kollegen damit auch den Weg für eine fulminante Rachmaninow-Sinfonie geebnet haben? Das Werk selbst stand zu seiner Entstehung jedenfalls unter einem ungünstigen Stern. Nachdem schon seine erste Sinfonie unter Kritik zu leiden hatte, tat Rachmaninow sich nämlich lange schwer, weitere Sinfonien zu schreiben. Diese dritte ist auch seine letzte und stellt ein Werk voller Rätsel dar. Diese Musik sperrt sich dem einfachen Zugang. Wer den roten Faden sucht, wird sich schwer tun in diesem Fluss voller abstrakter Ideen.

Raphaela Gromes © wildundleise.de

Dabei greift der Komponist tief in die Palette der Klangfarben. Der erste Satz kennt teils abrupte Wechsel zwischen herrlich fließenden Melodien, rabiat lospreschenden Orchesterausbrüchen und breiten Streicherserenaden. Immer wieder stoßen die Blechbläser wie ein ehernes Denkmal hervor. Im zweiten Satz können sensible Soli von Horn und Fagott bewegen. Auch Flöten, Harfen und Celesta tragen hier mit ihren lieblichen Klängen zu einem musikalischen Farberlebnis bei, das dann von einem bedrohlichen Tamtam-Schlag unterbrochen und in sein Ende ausgeleitet wird.

Das Finale legt dann noch einmal richtig los. Rasante Tutti zerfließen in inbrünstig breiten Akkorden. Das Solofagott sticht einmal heraus aus diesem Stückwerk der Stimmungen. Ein düsterer Tanz folgt. Ständig verlaufen die Motive wie ineinander tropfende Farben auf einer Leinwand. Das ist Musik, die muss man wirken lassen. Aber heute Abend gelingt das. Auch hier gibt es am Ende Stehende Ovationen, sodass sich die Künstler zu einer Zugabe hinreißen lassen – der Rezensent meint, analog zur Aufführung in Frankfurt das Lied „Zdes korosho“ von Rachmaninow erkennen zu können –, die sich perfekt in das vorangegangene Klangfarbenidyll eingliedert.

Damit schließt dieser Abend mit einem vollen Erfolg. Der Rezensent empfand allerdings das Kleinod von Hawrylez als die Sternstunde dieser Aufführung. Es braucht nicht immer den bunten Klangbrei riesiger Formen und endloser Kreativität. Manchmal reichen die einfachsten Mittel, um die größte Wirkung zu entfalten. Und diese Erkenntnis dürfte wohl der größte Erfolg des heutigen Abends sein.

Wer den Höhepunkt des Abends nachhören und -fühlen möchte, findet „Tropar“ von Hanna Hawrylez in einer Interpretation von Raphaela Gromes und dem Orchestra of Ukraine auch auf YouTube:
https://www.youtube.com/watch?v=40jLJL9qU1U

Daniel Janz, 7. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

LPO Edward Gardner, Dirigent, Raphaela Gromes, Violoncello Alte Oper Frankfurt, Frankfurt, 2. Dezember 2025

Hélène Grimaud, Klavier, LPO, Edward Gardner Kölner Philharmonie, 12. November 2023

Rising Stars 4: Raphaela Gromes – mit dem Cello auf Entdeckungsreise

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