Marina Abramovićs "The 7 deaths of Maria Callas": Erst tot bin ich ganz! unsterblich

Marina Abramović: „The 7 deaths of Maria Callas“  Bayerische Staatsoper, 6. September 2020

Fotos: W. Hösl

Bayerischen Staatsoper, München, 6. September 2020, 14 Uhr

Regie und Bühne Marina Abramović
Musikalische Leitung Yoel Gamzou
Musik Marko Nikodijević
Filmregie Nabil Elderkin
Video Intermezzos Marco Brambilla
Sound-Design Luka Kozlovacki
Chor Stellario Fagone
Filmdarstellerin und Performerin Marina Abramović
Filmdarsteller Willem Dafoe
Violetta Valéry Hera Hyesang Park
Floria Tosca Selene Zanetti
Desdemona Leah Hawkins
Cio-Cio-San Kiandra Howarth
Carmen Nadezhda Karyazina
Lucia Ashton Adela Zaharia
Norma Lauren Fagan

Bayerisches Staatsorchester
Extra-Chor der Bayerischen Staatsoper

von Frank Heublein

Maria Callas liegt in einem Bett. Marko Nikodijević hat für vorliegende Opernperformance Musik geschrieben. Hier wird ein Stück von ihm – als eine Art Ouvertüre – eingesetzt. Nur schwach angestrahlt wird das Bett, ist ansonsten ganz von Dunkelheit umgeben. Dann schwebt das Bett in – videoprojektzierten – Wolken. Ist die Callas tot? Schläft sie nur? Träumt sie? Nicht zu entscheiden, jetzt. Spannend!

Marko Nikodijević‘ Musik fühlt sich eiskalt, klirrend an. Sie wird durchsetzt von einem instrumentalen Rufen – einem Todesvogel womöglich? So anders Nikodijević‘ Komposition im Vergleich zu den folgenden sieben weltberühmten romantischen Opernarien ist, so emotional harmonisch fühlt sich für mich der Übergang zum Beginn der Handlung an.

Aus dem Off ist Maria Callas‘ Stimme zu vernehmen – Marina Abramović spricht und spielt die Sängerin. Sie gedenkt einer Rolle – Violetta aus Verdis La Traviata. Aus den abenddämmrigen Wolken tritt Hera Hyesang Park als Violetta Valéry auf und singt die Arie „Addio del passato“. Zugleich startet eine die Bühne füllende Filmprojektion. Die Callas gespielt von der Abramović liegt im Bett. Leidend. Schwach. Violetta?! Eine Inszenierung, eine Version des Sterbens der Violetta. Der erste Tod der Callas.

Die Wolken werden dunkler. Es wird Nacht. Die Stimme der Maria Callas erinnert sich als nächstes an Floria Tosca. Nicht der Flug ist das gefährliche, nein der Aufprall ist es! Selene Zanetti singt die Arie Vissi d’arte“ aus Puccinis Tosca. Die Filmprojektion zeigt Abramović als am Abgrund stehende und dann fallende Tosca, der Aufprall auf den Boden hat ihren Körper zerstört.

Die Wolken tosen unwetterartig. Desdemona macht sich bereit für ihren Tod, der Begegnung mit Otello. Sie ist vorbereitet. Sagt die Callas aus dem Off. Leah Hawkins singt aus Verdis Oper „Ave Maria“. In dieser Arie fängt mich die filmische Handlung stärker ein als die ariensingende Solistin. Willem Dafoe kommt Schlangen bewehrt ins Bild und legt der sitzenden Marina Abramović langsam, ganz langsam, vorsichtig, zärtlich fast, drei Pythonschlangen um Hals und Körper. Welch starkes Filmbild für Otellos falschen Schluss, seiner Wut und sein kurzgeschlossenes fatales mörderisches Handeln.

Jetzt ziehen Gewitterwolken auf! Das unerfüllte Warten der Cio-Cio-San aus Puccinis Madama Butterfly singt Kiandra Howarth in der Arie „Un bel di, vedremo“. Eine Frau, ein Kind, ein hinzukommender Mann in Schutzanzügen vor Kontamination. Die Callas streift – verzweifelt? – den Kopfschutz ab und stürzt keine Luft mehr bekommend tot zu Boden.

Die Wolken erscheinen mir als Auge eines Hurrikans. Zu Bizets Arie „L’amour es tun oiseau rebelle“ aus Carmen interpretiert von Nadezhda Karyazina, wird das Spiel des Verlangens: „Si je t’aime, prends garde à toi“ – Wenn ich dich liebe, sieh dich vor. Dafoe – als José und Abramović als Carmen sind stierkampfartig gekleidet. Dafoe umschlingt sie mit einem Seil. Sie zieht einen Dolch hervor, will das Seil zerschneiden. Es kommt zum Nahkampf! Dafoe – José ersticht Abramović-Callas-Carmen.

Rot brodelnd zucken nun die Wolken. Adela Zaharia singt als Lucia Ashton aus Donizettis Lucia di Lammermoor die Arie „Il dolce suono“. Callas- Abramović ist im projektzierten Film in einem Zimmer voller Spiegel, die sie wahnhaft zerstört mit allen Gegenständen, die sie in die Hände bekommt. Sie verletzt sich und versinkt im eigenen Blut. Wiederum ein sehr eindrucksvolles Bild der tragischen Handlung dieser Oper.

Sind das nun Wolken gepaart mit Rauch? Ein roter intensiver Schein. Aus Bellinis Norma singt Lauren Fagan die Arie „Casta Diva”. Filmisch laufen Callas-Abramović und der als Frau im goldenen Dress gekleidete Dafoe langsam aber direkt ins Feuer.

Als Konzept der Arien-Film-Performance erkenne ich die Unsterblichkeit der Callas in den Rollen und das emotionale Leiden, die vielen kleinen Tode, die die Callas mit und durch ihre Rollen erleidet, versinnbildlicht durch die Filmeinspielungen. Die Gedanken der Callas aus dem Off, die den Arien vorangestellt sind zeigen ihr Erinnern – ihr Versinken? in die Rollen.

Die Solistinnen sind Abbilder der Callas. Ihr Gesang erfüllt eine Callas bezogene Protagonistin bezogene Aufgabe, ist nicht das Hauptsächliche. Die Filmprojektionen stehen nicht nur visuell, sondern auch emotional für mich im Vordergrund. 7 deaths of Maria Callas ist keine „Oper“, vielmehr multimediales Musiktheater.

Für die Sängerinnen ist das an sich eine tolle Situation, die volle Kraft in eine der „Hit-Arien“ legen zu dürfen ohne Rücksicht auf die normale Situation, dass sie als Sängerin eine ganze Oper durchhalten müssen. So ist das gesangliche Niveau – und damit meine ich auch, was spielerisch über die Stimme mittransportiert wird, denn richtig spielen dürfen die Sängerinnen ja nicht – auf höchstem Niveau.

Da das Bild so viel größer ist, erschlagend wirkt, ist es schwer, daneben so physikalisch klein als Sängerin zu bestehen. Und doch: allen sieben Solistinnen gelingt das stimmlich. Am stärksten wirkt bei mir Nadezhda Karyazina. Sie hat einen Vorteil gegenüber den sechs anderen Rollen. Sie allein darf die Stärke einer Frau singen, die gewollte Dominanz, das „Ich hab‘ Dich im Griff, Macker“, all das höre ich bei Ihr. Ganz Carmen!

Sieben Tode, sieben emotional aufreibende Rollen, sieben Bausteine der Unsterblichkeit der Callas.

Vorhang.

Jetzt sehe ich ein Schlafzimmer, Callas-Abramović liegt im selben Bett und spricht sich selbst – aus dem Off – ins Er-Wachen. Marko Nikodijević‘ Musik wird bestimmt durch eindringliches Trommeln. Sie will sich selbst durch fortwährendes auf sich selbst einreden aufwecken. Die sieben Rollen, die der Maria Callas Ruhm und Unsterblichkeit eingebracht haben sind zugleich sieben schwere Alpe! Gordisch verwoben sind Ruhm der Rolle und die emotionale Schwere und Tragik, der Tod der Figur. Diesem Entsetzen setzt sich die Callas aus in jeder Aufführung! Diesem fortwährenden schrecklichen Sterben will die Callas entfliehen ins Wachsein. In ihr eigenes Leben. Ah. Es ist Paris. Ich bin!

Doch das Schicksal ist unerbittlich. Die sieben Rollen-Protagonistinnen und Arien Solistinnen aus dem ersten Teil erscheinen wieder. Diesmal gemeinsam als Reinigungstrupp. Die ruhmreichen Rollen sind zugleich Dämoninnen, die der Callas‘ Tod besiegeln! Sie reinigen das Zimmer und verhängen schwarz alle Möbel und Gegenstände. Sie statuieren: Die Callas ist jetzt tot! Die Callas‘ Rollen-Dämoninnen putzen der Callas eigenes Ich weg und bleiben in der Welt. Furchtbar! Ein prägnantes zusätzlich verstärkendes „Geräusch-Bild“ findet Abramović dafür: eine hängende Langspielplatte, drei Worte, die der Chor den hüpfenden Tonabnehmer imitierend wiederholt. Marko Nikodijević‘ Musik verstärkt meine erkennendes Erschrecken.

Am Ende schreitet zur „originalen“ von Maria Callas gesungenen Norma „Casta Diva“ Arie Marina Abramović als Maria Callas im goldglitzernden Kleid langsam auf die Bühne. Die Musik bricht ab. Das Licht erlischt. Die Person Callas ist tot. Zugleich ist sie unsterblich – in ihren musikalischen Rollen, welche sie zugleich auch töteten.

Was für eine intensive direkte Auseinandersetzung mit dem Tod – der die Unsterblichkeit manifestiert. Grotesk. Ambivalent. Unausweichlich grausam. Das Stück beeindruckt mich emotional zutiefst.

So viele unterschiedliche Eindrücke, ich wusste gar nicht wo hinschauen, verpasst habe ich gefühlt doch immer etwas. Bei den sieben Toden, den Film-Arien, habe ich es nicht geschafft, „alles“ in mich aufzunehmen. Soll ich der Musik, der Solistin Vorrang einräumen oder doch der visuellen Interpretation des Todes? Bei Desdemonas Arie starrte ich weiter und weiter gelähmt benommen wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die schlangenbewerte Abramović – und für mich plötzlich endete die Arie.

Die für das Stück komponierte Musik von Marko Nikodijević ist eine aufregende Entdeckung für mich. Sie verstärkt die emotionale Tiefe und passt erstaunlich bruchlos zu Puccini, Verdi, Bellini und Bizet.

Im Hinausgehen frage ich mich: warum fasziniert mich Marina Abramovićs höchst spezielle Biegung der Nase, insbesondere wenn ich sie kopfüber sehe, wie in der Cio-Cio-San aus Puccinis Madama-Butterfly-Filmszene? Ist diese Frage nur ein Ablenkungsmanöver meiner selbst? Hält mich diese nicht uninteressante doch nicht lebensessenzielle Frage von den für mich schwer auszuhaltenden Fragen fern? Wie ist das bei Marina Abramovićs Kunst? Bringt auch bei ihr der Tod erst die Unsterblichkeit? Muss Ruhm so furchterregend grausam sein? Wie ist das bei mir persönlich, was bleibt von mir nach meinem Tod? Die ehrliche sehr wahrscheinliche Antwort: nichts. Sie ist sehr schwer erträglich.

Frank Heublein, 7. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

3 Gedanken zu „Marina Abramović: „The 7 deaths of Maria Callas“
Bayerische Staatsoper, 6. September 2020“

  1. Es erstaunt mich, dass bisher offenbar noch niemand bemerkt hat, oder bemerken wollte, dass diese seltsame Performance zwei wesentliche Punkte negiert: Maria Callas hat niemals die Rolle der Desdemona gesungen, die Partie der Carmen lediglich für eine Schallplatten-Einspielung. Zwei von diesen sieben Toden ist die Callas auf der Bühne also gar nicht gestorben. Schon bemerkt, Frau Abramovic?

    Peter Sommeregger

  2. Danke, lieber Kollege, endlich mal eine Kritik an diesem Humbug! Um Maria Callas geht es bei Frau Abramaovic ja letztlich auch gar nicht, von Oper und Callas hat die sowieso keine Ahnung, das ist für die nur der Aufhänger, an einem Opernhaus zu arbeiten. Dieser Frau, die selbst schlimmste frühlindliche Traumatisierungen erlebte, geht es immer nur darum, sich im Leid zu suhlen und ihr Publikum ans Leid zu gewöhnen und dies mit teils abscheulichen Installationen, wo sie vor Folter keinen Halt macht. Nicht zufällig wurde sie auch schon als Satanistin bezeichnet, was sie selbst zwar dementiert hat, aber ehrlich gesagt nicht sehr glaubwürdig. Dazu müsste sie mal was komplett anderes anbieten. Ich sehe mir diese Produktion est gar nicht an.

    Kirsten Liese

  3. Dass man diese Inszenierung als „Humbug“ bezeichnet, könnte ich nachvollziehen, wenn sie den ausdrücklichen Anspruch hätte, 1. eine Hommage an Maria Callas‘ außerordentliche stimmliche Interpretationsgabe und Bühnenpräsenz 2. ein Opernkonzert im eigentlichen Sinne zu sein, in dem den Paraderollen der Callas gehuldigt wird und die großen Arien im Vordergrund stehen.

    Ich glaube aber vielmehr, dass Marina Abramović hier auf sehr subtile Weise den Mythos der Callas zu demontieren versucht – zum Beispiel, indem sie ganz bewusst zwei Bühnentode in das Projekt mit aufnimmt, die die Callas nie gestorben ist. Natürlich weiß die Künstlerin, dass weder die Carmen noch die Desdemona Kultrollen der Callas waren. Marina Abramović hat sich eben die größten und publikumswirksamsten Opernschlager ausgesucht, die die Leute schon allein musikalisch berühren und durch die bizarren Szenen der begleitenden Videoinstallationen besonders eindringlich wirken.
    Und ja, das mag Effekthascherei sein und den Eindruck erwecken, dass sich Marina Abramović hier selbst in Szene setzen und „mal wieder im Leid suhlen“ will, aber darum ist es dieser Künstlerin noch nie gegangen. Sie gibt ja in jeder ihrer Performances ihre Persönlichkeit vollkommen auf und nutzt ihren Körper nur als Medium, um ihre psychologischen, philosophischen und politischen Botschaften zu vermitteln, indem sie beim Publikum heftige Gefühle auslöst und sich den daraus folgenden extremen Reaktionen aussetzt.

    Auch bei diesem Opernprojekt war ihr sicherlich bewusst, dass es Kritik hageln wird.
    Aber wurde nicht auch die Callas, die ja bei vielen als unerträgliche Selbstdarstellerin verschrien war, von Kritikern und Publikum oft schlimm unter Beschuss genommen?
    Maria Callas mag eine legendäre Sängerin gewesen sein, aber wie viel von dieser Legende ist letztlich doch nur Projektion oder bloßer Nimbus?

    Sie war letzten Endes auch nur eine Interpretin, die viele Leute auch zu ihren Glanzzeiten nur vom Hörensagen kannten und sicherlich niemals erkannt hätten, ob die schöne Opernarie aus Carmen, Norma, Madama Butterfly oder sonst irgendeiner Oper, die sie gerade im Radio hören oder live/im TV erleben, nun von ihr oder einer anderen Sängerin interpretiert wird. Sie hätten sich einfach über den schönen Gesang oder das gut gemachte Bühnenbild oder die mitreißende Begleitmusik gefreut – also das ganze Opernspektakel, in dem Maria Callas auch immer nur eine Mitwirkende und nicht die Hauptperson war, auch wenn sie das vielleicht gerne gewesen wäre.

    Letztlich ist Oper nichts anderes als Unterhaltung fürs Publikum. Und daran hat Marina Abramović meiner Meinung nach mit ihrem Projekt eindrücklich erinnert, indem sie eben ganz bewusst viele verschiedene bizarre und spannende Elemente und multimediale Effekte eingearbeitet hat, die vom Personenkult um die Callas ablenken. Letztlich ist die Callas in diesem Projekt sicher völlig austauschbar. Sie dient nur als Vehikel um zu zeigen, dass in der Opernwelt oft schon große Namen allein ausreichen, um die Leute ins Opernhaus zu locken. Eben weil um sie ein Kult betrieben wird, dem die „Kulturbeflissenen“ unhinterfragt folgen, weil man damit zum vermeintlichen Kenner wird.
    Und genau solche Zuschauer entlarvt Marina Abramović durch ihr Projekt. Mit Sicherheit gibt es sehr, sehr viele, die eben nicht wissen, dass Maria Callas tatsächlich nie die Carmen oder die Desdemona war. Und letztendlich ist das auch völlig egal, solange man für sein Geld gute Unterhaltung geboten bekommen hat.

    Am Ende ist es der „Mythos Callas“, der sieben Mal auf der Bühne und zum Schluss noch einmal völlig profan in der Pariser Wohnung stirbt. Und das ist auch gut so.

    unterzeichnet mit „Es. E.“

    Anmerkung: Leider gibt der Kommentator keinen Namen an und verwendet auch eine fake-Email-Adresse. Das ist sehr bedauerlich, da es hier um (die Freiheit von) Kunst und Kultur geht, und nicht um Steuerhinterziehung und Menschenhandel.

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