Mein Lieblingswerk der Oratorienliteratur 48: Das "Stabat Mater" von Antonín Dvořák

Mein Lieblingswerk der Oratorienliteratur:  Das „Stabat Mater“ von Antonín Dvořák  Meine Lieblingsmusik 48

Das Stabat Mater von Dvořák beim Eröffnungskonzert des Rheingau Musikfestivals im Juni 2019: Mit dem HR-Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada, dem MDR-Rundfunkchor, Hanna-Elisabeth Müller (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Benjamin Bruns (Tenor), Günther Groissböck (Bass). Bildquelle: hr-Sinfonieorchester – Frankfurt Radio Symphony via Youtube

Meine Lieblingsmusik 48: Das „Stabat Mater“ von Antonín Dvořák

„Dvořák verzichtet darauf, besondere Beweisstücke seiner Kompositionskunst zu liefern und kommt ohne die sonst obligatorische große Chorfuge aus. Umso mehr ist bei ihm die Musik die Sprache des Herzens, die mich gerade in seinem Stabat Mater in unerreichbarer Eindringlichkeit anspricht.“

von Lorenz Kerscher

Trostlos finde ich das derzeitige Leben ohne Livemusik, untröstlich bin ich, weil die Coronakrise vielversprechenden jungen Talenten den Karrierestart vermasselt. Und doch weiß ich aus den Biografien von Komponisten, dass deren Leben meist ungleich schwereren Heimsuchungen ausgeliefert war, als wir sie derzeit erleben. So musste Antonín Dvořák erleben, dass binnen kurzer Zeit seine ersten drei Kinder verstarben. Doch seine Antwort auf den dreifachen Schicksalsschlag war seine wunderbar Trost spendende Vertonung des mittelalterlichen Texts vom Schmerz der Gottesmutter unter dem Kreuz. Hierfür gliederte er die in Latein verfasste Dichtung in zehn Abschnitte, die musikalisch eigenständige Sätze bilden. Lediglich am Ende schließt sich der Kreis mit einem Rückgriff auf den Klagegesang des Anfangs, der dann jedoch bald einem freudigen Hymnus weicht.

Darstellung der Schmerzensmutter auf einem Bild des Malers Tizian, 1554.

Wie von Schmerz erstarrt bringt der trauernde Tonschöpfer zu Beginn seines Stabat Mater nur einen einzigen Ton zum Klingen. Dieser wird durch verschiedene Instrumentengruppen gereicht, bis sich aus ihm ein absteigendes Seufzermotiv herauslöst. Nach kurzer Entwicklung im Orchester setzt der Chor fast tonlos ein, doch die stille Wehmut steigert sich in mehreren Wellen zu großer Verzweiflung. Schließlich stimmt der Tenorsolist ein und findet endlich eine Überleitung nach Dur. In helleren Tönen zeichnen nun die Solisten ein verklärtes Bild von der trauernden Gottesmutter, bis dann der Chor wieder die anfängliche Klage anstimmt.

Antonín Dvořák

Ganz in das Bild der schmerzensreichen Maria versunken vernimmt man die vier Solisten auch im zarten zweiten Satz, während im nächsten Teil der Chor leidenschaftlich um Stärkung im Mitgefühl fleht, danach der Solobass um Stärkung in der Liebe zu Jesus. Diese zieht mit dem trostspendenden folgenden Chorsatz in die Seele ein. Nun, da der Bann gebrochen ist, folgen freundliche Klänge im volksliedhaften Tenorsolo des sechsten Satzes und im nachfolgenden lyrischen Chorgesang. Geradezu verklärt schwingen sich Tenor- und Sopransolo in Nummer acht in die Höhe, nun sind wir fähig geworden, im Gedenken an Jesus das eigene Leid zu tragen.

Den Abschluss findet das Stabat Mater im Gebet um den Beistand der Gottesmutter für ein gottgefälliges Leben und das Bestehen vor dem jüngsten Gericht. Dies ist zunächst der Altsolistin anvertraut, bis sich dann der letzte Satz ausgehend von der Trauer des Anfangs zu begeistertem Optimismus wendet und am Ende harmonisch verklingt.

Ich kann keinen triftigen Grund angeben, warum dies mein liebstes Werk der Oratorienliteratur ist. Wunderbare Melodien, eine stimmige Dramaturgie, schöne Orchesterfarben zeichnen auch zahlreiche andere Werke insbesondere der Romantik aus. Dvořák verzichtet darauf, besondere Beweisstücke seiner Kompositionskunst zu liefern und kommt ohne die sonst obligatorische große Chorfuge aus. Umso mehr ist bei ihm die Musik die Sprache des Herzens, die mich gerade in seinem Stabat Mater in unerreichbarer Eindringlichkeit anspricht.

In der Referenzaufnahme, die ich hier empfehle, wird dies auch durch den begnadeten Dirigenten Andrés Orozco-Estrada unterstützt, der mit transparentem Orchesterklang jeder Phrase, jedem Detail blühendes musikalisches Leben verleiht. Der makellos singende Chor und ein Solistenquartett von Weltrang lassen keine Wünsche offen. Das Licht der Hoffnung in das Klanggewebe scheinen zu lassen, ist der Sopranstimme anvertraut. Hanna-Elisabeth Müller, die jedem Porträtmaler Modell für ein Marienbildnis stehen könnte und als werdende Mutter Glück und Hoffnung ausstrahlt, wird dabei von Anfang an mit engelsgleichem und doch gegen das große Orchester durchsetzungsfähigem Timbre zum Gegenpol der traurigen Grundstimmung, die es zu überwinden gilt. Die Altistin Gerhild Romberger gestaltet ihre Gebete mit ausdrucksstarker Würde und stimmschön, Tenor Benjamin Bruns strahlt mit makellosem lyrischen Gesang und Günther Groissböck leiht dem aus der Tiefe zu Gott rufenden Menschen seine substanzreiche Stimme und weist nach, dass er zu Recht zu den weltweit führenden Bassisten zählt.

Warum dieses wunderbare Werk erst ganz allmählich die Konzertsäle erobert, ist mir ein Rätsel. Es war wohl lange Zeit üblich, nur die Werke aus Dvořáks später Schaffensphase anzuerkennen. Sehr viele Juwelen aus seinen frühen und mittleren Jahren sind dabei übersehen worden. Sie heute zu entdecken, macht große Freude, und sein Stabat Mater ist darunter zweifellos an erster Stelle zu empfehlen!

Lorenz Kerscher, 20. November 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Rossini-Sonderkonzert in der Staatsoper Hamburg, 15. November 2020 Meine Lieblingsmusik 47

Lorenz Kerscher, Jahrgang 1950, in Penzberg südlich von München lebend, ist von Jugend an Klassikliebhaber und gab das auch während seiner beruflichen Laufbahn als Biochemiker niemals auf. Gerne recherchiert er in den Internetmedien nach unentdeckten Juwelen und wirkt als Autor in Wikipedia an Künstlerporträts mit.

Dr. Lorenz Kerscher

„‘Musik ist Beziehungssache'“, so lautet mein Credo. Deshalb bin ich auch als Chorsänger aktiv und treffe mich gerne mit Freunden zur Hausmusik. Eine neue Dimension der Gemeinsamkeit eröffnet sich durch die Präsenz vieler, vor allem junger Künstler im Internet, wo man Interessantes über ihre Entwicklung erfährt, Anregungen zur Entdeckung von musikalischem Neuland bekommt und auch in persönlichen Kontakt treten kann. Man ist dann kein Fremder mehr, wenn man ihnen als Autogrammjäger begegnet oder sie sogar bei einem Konzertbesuch im Publikum trifft. Das ist eine schöne Basis, um mit Begeisterung die Karrieren vielversprechender Nachwuchskünstler mitzuerleben und bei Gelegenheit auch durch Publikationen zu unterstützen.“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.