Meine Lieblingsmusik (47): Eine Barbiere-Gala "deliziosa" aus der schönen Perle im Norden

Rossini-Sonderkonzert in der Staatsoper Hamburg, 15. November 2020  Meine Lieblingsmusik 47

Bildquelle: Staatsoper Hamburg via Youtube

Rossini-Sonderkonzert in der Staatsoper Hamburg #rossinigala (bis zum 30. November im Stream)

Musikalische Leitung: Alessandro De Marchi
Mezzo-Sopran: Kristina Stanek
Tenor: Oleksiy Palchykov
Bariton: Kartal Karagedik
Begleitung: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Regie: Florian Gerding

von Jolanta Łada-Zielke

In einem kurzen Video lädt Staatsopernintendant Georges Delnon die Zuschauer ein, dieses Galakonzert sowohl am Tag seiner ersten Aufführung (15. 11.) als auch in den nächsten zwei Wochen anzusehen. Unter der Leitung von Maestro Alessandro De Marchi führen drei Sänger die temperamentvollsten Arien aus Rossinis Opern auf. Alle gehören zum Ensemble der Staatsoper Hamburg. Für die Mezzosopranistin Kristina Stanek ist es die erste Saison, der Tenor Oleksiy Palchykov ist seit 2017 und der Bariton Kartal Karagedik seit 2015 dort engagiert.

Gioacchino Rossini

Das Streaming-Video dauert eine gute Stunde. Vor dem Start erscheint ein  Bild Gioacchino Rossinis von Étienne Carjat auf dem Bildschirm. Felix Mendelssohn-Bartholdy, der den Komponisten im April 1825 im Pariser Salon der Comtesse de Rumford kennenlernte, beschrieb dieses Treffen im Brief an seine Mutter Lea:

„Ich wurde dem berühmten Rossini vorgestellt. Der hat ein verzwicktes Gesicht. Eine Mischung von Schelmerey, Fadaise und Überdruß, mit einem großen Backenbart, dick, wie ein Klos, fein angezogen, von allen Damen umgeben, ihre Bemühungen ihn zu unterhalten selten mit kleinem Lächeln belohnend, da habt ihr den großen Maestro Windbeutel! Der setzte sich an’s Klavier und accompagnirte das Ave verum von Mozart, welches zufälligerweise noch Mode ist. Da wollte er, als gelehrter Componist, alle Dissonanzen vorhalten, und so präparirte er denn die Terz, die Quinte, die Octave zu Nutz und Frommen aller Zuhörenden, oder vielmehr nicht zuhörenden, denn während Musik gemacht wird, erzählen die Damen einander Märchen, oder sie laufen von einem Stuhle zum andern, als ob sie „verwechselt das Bäumchen“ spielten. Mitten drin fällts einem alten Herrn in einer Ecke ein, charmant zu sagen, zwei Töchter, die er hat und die etwa hübsch sind, sagen nach: charmant, alle jungen Herrn im Salon rufen: délicieux! Und so wird das Glück eines Musikstücks gemacht“. 1

195 Jahre später in der Staatsoper Hamburg, während der Corona-Pandemie, bemüht man sich das Glück mehrerer Musikstücke zu machen. Die Künstler geben ihr Bestes, um das virtuelle Publikum zufrieden zu stellen. Der Zuschauerraum ist leer, die Musiker im Orchester sitzen in sicherem Abstand voneinander und die Sänger treten auf einem speziellen Laufsteg auf der Höhe der zweiten Reihe auf. Sie singen mit dem Rücken zum Dirigenten, dessen Bewegungen sie auf dem Bildschirm eines Fernsehers auf der linken Seite der Bühne beobachten. Der Bariton Karagedik ist in der besten Position, weil er während des Duetts „All’idea di quel metallo“ und des Terzetts „Ah! Qual colpo inaspettato“ direkt vor dem Bildschirm steht. Als Applaus muss allen Musikern ein sanftes Klopfen des Dirigentenstabes auf das Pult genügen.

Maestro Alessandro De Marchi dirigiert das Konzert mit Charme, Finesse, Temperament, und Lächeln, wo es gebraucht wird. Jede seiner Bewegungen ist durchdacht, jede dynamische Nuance wird dem Orchester exakt gezeigt. Selbst wenn man vor dem Bildschirm seines Computers oder Laptops sitzt, hat man Lust zu rufen: délicieux!

Kristina Stanek und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg. Bildquelle: Staatsoper Hamburg via Youtube

Bei Kristina Stanek gefällt mir ihre Kontrolle über die Bruststimme sehr gut, besonders in der Aufführung der Arie „Cruda sorte“ aus „L‘Italiana in Algeri“. Stanek verfügt über eine große, starke Stimme, die auf den tiefen Tönen glatt klingt aber nicht matt. Ihr Vibrato in der Bruststimme ist ein pures Vergnügen für die Ohren. Ich habe schon andere Mezzosopranistinnen gehört, die in dieser Lage kreischend singen. Die beiden Kollegen von Frau Stanek sind auch hervorragend, sowohl gesanglich als auch schauspielerisch.

Palchykov singt Graf Almavivas Cavatina „Ecco ridente il cielo“ mit einer schönen, warmen Stimmfarbe. Sein Auftritt wird perfekt ergänzt durch Karagedik, der neben großartigen Stimmbedingungen eine innere Energie besitzt, die auch vom Bildschirm ausstrahlt. Er interpretiert Figaro mit Wagemut, Witz und Anmut. Die Besetzung für dieses Konzert war sehr gut gewählt.

Ich habe jedoch auf ein vielfältigeres Programm gehofft. Als die ersten Töne der Ouvertüre zur Oper „La gazza ladra“ verklangen, hat mein Herz freudig geschlagen, weil ich erwartet habe, meine Lieblingsarie „Di piacer mi balza il cor“ zu hören. Leider wurde das Repertoire nach zwei weiteren Stücken aus „L’Italiana in Algeri“ vollständig vom „Barbiere di Siviglia“ beherrscht. Erst die Ouvertüre, dann zwei Cavatinen des Grafen Almaviva und des Figaro. Nun, sie haben es auf diesen Barbier abgesehen, dachte ich, als der Titel von Rosinas Arie „Una voce poco fa“ als nächstes Stück erschien.

Ja, diese Oper ist die populärste und die bekannteste der Werke Rossinis; selbst Peter Ahrens vom „Spiegel“ hat seinen Artikel über die Niederlage der Deutschen Fußballnationalmannschaft im DFB-Pokal-Spiel gegen Spanien mit „Barbiert in Sevilla“ betitelt. Rossini schuf jedoch so einige andere Opern, in denen Arien und Duette nicht weniger temperamentvoll sind.

Das Lob gilt jedoch dem ganzen Team der Staatsoper Hamburg, dem Dirigenten und den Künstlern für die Aufführung wunderschöner Musik unter solch ungewöhnlichen Bedingungen. Die Zuschauer können sie bis Ende November im Stream kostenlos ansehen und als Zugabe ein gewünschtes Stück selbst wählen. In Polen wie in Deutschland gibt es ein Sprichwort: „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“. Deshalb kritisiere ich nicht mehr, sondern empfehle, dieses äußerst interessante Konzert mitzuerleben. Ich würde nur den Titel von #rossinigala in #barbieregala ändern, da letzteres eher dem Programm entspricht.

Jolanta Lada-Zielke, 18. November 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Meine Lieblingsoper (46): Tristan und Isolde von Richard Wagner

© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 49, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern und Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.


1 Felix Mendelssohn-Bartholdy, Briefe, Herausgegeben von Rudolf Elvers, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1984, S. 42-43.

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