Meine Lieblingsoper (46): "Tristan und Isolde" von Richard Wagner

Meine Lieblingsoper (46): Tristan und Isolde von Richard Wagner

Birgit Nilsson, Mirella Freni, Edita Gruberova, Plácido Domingo, Luciano Pavarotti: Der Hamburger Mediziner und Klassik-Connaisseur Dr. Ralf Wegner hat die großen Weltstars der Opernwelt seit Ende der 1960er-Jahre alle live erleben dürfen: vor allem in der Staatsoper Hamburg, die in den 1970er-Jahren noch zu den weltbesten Opernhäusern zählte und sich heute um Anschluss an die deutsche und europäische Spitze bemüht. Begeben Sie sich in ein wunderbares Stück Operngeschichte und reisen Sie mit in eine Zeit, die scheinbar vergangen ist.

von Ralf Wegner

Ich halte Tristan und Isolde für die schwierigste und wohl auch, aus einem gewissen Blickwinkel heraus betrachtet, langweiligste Oper Wagners. Zumindest sollte diese Oper nicht für einen Opernanfänger die erste Wahl sein. Es ist aber auch beruhigend, dass sich manches Musikalische erst mit zunehmendem Lebensalter und entsprechender Reife erschließt.

Anja Silja in Hamburg (1968)

Anja Silja wird ja der Satz zugeschrieben, man würde bei dieser Oper stundenlang zwei sich ansingenden Nilpferden zuschauen. Sie bezog sich offensichtlich auf das Problem, dass die gesangstechnischen Anforderungen dieser beiden Partien auch einer gewissen körperlich fülligeren Resonanz bedürfen. Deshalb wird Isolde wohl nur selten von Sopranistinnen in der Blüte ihrer Jugend gesungen. Anja Silja hatte natürlich beides, die Strahlkraft der Stimme im jugendlichen Alter und eine schlanke Figur: Sie sang die Isolde bereits mit 21 Jahren.

Meine erste gesehene Tristan-Aufführung im Jahre 1966 erinnerte eher an den Ausspruch von Frau Silja. Mit Hans Beirer und Hanne-Lore Kuhse saßen, meiner Erinnerung nach, zwei ausgesprochene Schwergewichte auf der Bühne. Beirer, der damals alle Wagnerhelden sang, füllte mit seiner gewaltigen Stimme zwar das Opernrund, ein sich bis zum Tremolo steigerndes Vibrato vermochte er aber nicht mehr zu beherrschen. Frau Kuhse war damals erst 41 Jahre alt, vermutlich hat sie gut gesungen.

Drei Jahre später wagte ich mich an die nächste Tristan-Aufführung, wegen Birgit Nilsson, die als Isolde mit ihrer glanzvollen, in der Mittellage farbreichen Schwedenstahlstimme das Publikum in einen geradezu rauschhaften Zustand versetzte. Leider war ihr Tristan ein Totalausfall: Claude Heater. Dieser damals 42 Jahre alte, schlanke, gut aussehende Tenor konnte zwar einen Tristan mimen, aber nicht singen. Warum er sich längere Zeit an der Wiener Staatsoper halten konnte und auch in Bayreuth als Siegmund besetzt wurde, blieb mir schleierhaft. Denn ich hatte ihn bereits ein Jahr zuvor, 1968, an der Deutschen Oper in Berlin als Götterdämmerungs-Siegfried erlebt: Als Hagen (Josef Greindl) ihm endlich den Speer in den Rücken stieß, gab es vom Publikum Zwischenbeifall. Ich gehe davon aus, dass der bemitleidenswerte Tenor auf der Bühne davon wohl nichts mitbekommen hatte.

Eine bessere Wagnersopranistin als Birgit Nilsson habe ich nicht gehört. Wenn sie nicht gewesen wäre, gebührte Sabine Hass (Juni und September 1995) und Waltraud Meier (2013 in München und 2014 in Berlin) meine Isoldenkrone. Eine schlechte Isolde gab es nicht, also auch Ingrid Bjoner, Nadine Secunde, Deborah Polaski und Linda Watson sangen zu ihrer Zeit sehr gut. Vielleicht liegt das aber auch an der rauschhaften Musik, die einen im Laufe der Aufführung innerlich immer stärker bewegt und bei Isoldes Verklärung „Mild und leise“ schließlich emotional aus der Bahn wirft.

Richard Wagner, Tristan und Isolde, Staatsoper Unter den Linden, 20. Juni 2019

Einen herausragenden Tristan auf der Opernbühne zu erleben ist da schon schwieriger. Nach meinen Aufzeichnungen waren es Heinz Kruse (zweimal 1995, unter Christian Thielemann und Lothar Zagrosek, jeweils mit Sabine Hass als Isolde) und Peter Seiffert 2014 in Berlin unter Daniel Barenboim mit Waltraud Meier als Isolde. Auch Spas Wenkoff (1980), John Treleaven (2007) und Christian Frantz (2012) waren gut, Robert Dean Smith empfand ich ein Jahr später in München als zu leise. Anfang 2020 sang Andreas Schager unter Valery Giergiev in der Elbphilharmonie einen überzeugenden Tristan, aber nur den zweiten Aufzug und von einer schwachen Isolde begleitet.

Die Bässe haben es im Vergleich mit den Tenören leichter. Sind sie gut mit profunder sonorer Tiefe, ist man begeistert, fehlen diese sängerischen Meriten, lässt sich darüber eher hinwegsehen, vor allem beim betrogenen und verzeihenden König Marke. Alle Gehörten sangen gut bis ausgezeichnet, der Reihe nach: Arnold van Mill, Theo Adam, Hans Sotin, Kurt Moll, Harald Stamm, Franz-Josef Selig, Peter Rose, Kwangchul Youn, René Pape und Mikhail Petrenko.

© Westermann, Staatsoper Hamburg

Der erste Aufzug dieser Oper hängt unglaublich durch, vor allem in der Hamburger Inszenierung von Ruth Berghaus. Sie hat sich offensichtlich ein Weltraumschiff vorgestellt, mit dem Tristan die Marke versprochene Isolde nach Cornwall holt. Für die Szenerie den Weltraum zu wählen, erschließt sich bei dieser fast schon transzendentellen Liebesgeschichte fast von selbst. Warum muss aber Brangäne ihre Herrin Isolde ständig in Segeltuch ein und auswickeln, das macht keinen Sinn und lenkt wegen der Zuschauer-eigenen Sinnsuche, auch nach mehrfachem Sehen, immer wieder ab.

Den zweiten Aufzug verlegte Berghaus in eine zunächst stillstehende Turbinenschaufel einer Weltraumstation. Das passt, zumal das Musikalische mit „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“ und Brangänes „Habet acht“ alle kritischen Gedanken hinwegspült. Meine beste gehörte Brangäne war Katja Pieweck (2007, 2012), obwohl auch Julia Juon (1995-2000), Petra Lang (2013) und Julia Matochkina ausgezeichnet sangen. Weniger zu singen hat Tristans treuer Gefährte Kurwenal, Sänger wie Wolfgang Koch (2007) oder Markus Eiche (2013) waren aber in der Lage, dieser Rolle ein herausragendes Gewicht zu geben.

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Was ist eigentlich das Besondere am Tristan? Die Aufführungen sind oder waren nie richtig schlecht. Die Musik trägt die Sänger und Orchestermitglieder, sie gibt ihnen Aufwind für nachhaltige künstlerische Höhenflüge. Als ich Ende der 1990er-Jahre arbeitsmedizinische Untersuchungen zur Gehörbelastung der Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters im Orchestergraben der Hamburgischen Staatsoper durchführte, drückte sich eine Geigerin so aus: Nein, Gehörschutz könne sie beim Tristan nicht tragen. Um zur künstlerischen Hochform aufzulaufen, brauche sie auch die Lautstärke des Orchesters; sie müsse darin emotional baden können. Genauso, wie wir Zuschauer. Und, um ehrlich zu sein, selbst Claude Heater habe ich als Tristan in Hamburg nicht so schlecht in Erinnerung wie als Siegfried 1968 in Berlin.

Ralf Wegner, 22. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Dr. Ralf Wegner

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