Ladas Klassikwelt (44): Romantik heißt Sehnsucht…

Ladas Klassikwelt (44): Romantik heißt Sehnsucht…

„An diesem Abend entdeckten wir noch etwas: die Sehnsucht… zum normalen Leben zurückzukehren, Zuneigung ohne Angst vor einer Infektion zu zeigen, die Musik frei zu hören und zu spielen.“

Ein Klavierabend von Ottavia Maria Maceratini im Rahmen des Festivals junger Künstler Bayreuth

von Jolanta Łada-Zielke

Das Festival junger Künstler Bayreuth ist vorbei. Die Veranstaltung hinterließ schöne Erinnerungen, ein wenig Verlangen und ein paar neue Adressen in meinem Notizbuch. Ich erinnere mich auch an einige Namen junger Musiker, die ich diesen Sommer zum ersten Mal gesehen und gehört habe und von denen ich sicherlich wieder hören werde.

Eine davon ist die Pianistin Ottavia Maria Macerartini. Ich sah sie zum ersten Mal im Konzert „Nacht auf Erden“. Als Musikerin des Ensembles von Vladmir Ivanoff führte sie Chopins Nocturnes und Rachmaninoffs Präludien in Begleitung traditioneller arabischer Instrumente auf. Der Höhepunkt des Abends war eine Vokalimprovisation des Sängers Abdalhadi Deep aus Damaskus über die ersten vier Takte des Nocturne cis-Moll, die mehrmals gespielt wurden. Danach floss der Rest des Stücks unter Maceratinis Fingern hervor.

Sie wurde von der Syrerin Laila Mahmoud begleitet, die den Quanun (eine orientalische Zither) spielte. Ich war begeistert von der Art und Weise, wie die orientalische Gesangstechnik mit dem Klaviersound eines Chopin-Stücks kombiniert wurde. Ein solches Arrangement verleiht romantischen Stücken einen neuen, originellen Klang.

Ottavia Maria Maceratini beim Festival junger Künstler Bayreuth 2020. Foto: Werner Schubert

Ottavia Maria Maceratini gab auch ein eigenes Recital mit dem Titel „Farben der Liebe“, in dem sie romantische und impressionistiche Klavierwerke von Beethoven, Chopin, Schumann und Liszt aufführte. Sie verfügte dabei über einen Konzertflügel E-272 aus der Bayreuther Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne.

Die Pianistin begann ihren Auftritt mit einer kurzen Einführung, in der sie dem Publikum ihre Gedanken über die Bedeutung bestimmter Wörter wie „cool“ und „Liebe“ mitteilte. Für sie bedeutet der Begriff „Romantik“ keine Dinge, die angenehm anzusehen sind, wie zum Beispiel blühende Rosen oder ein goldener Strand unter Palmen; Romantik heißt Sehnsucht für sie. Ottavia wünschte uns allen, dass wir während ihres Auftritts über all das nachdenken, was wir am meisten vermissen.

Als erstes Stück spielte sie Beethovens „Mondscheinsonate“. Das zur Verstärkung des Klaviers verwendete Mikrofon war zunächst zu empfindlich eingestellt; deshalb waren die tiefen Töne des Adagio sostenuto etwas verzerrt. Aber die Akustiker verbesserten dies schnellstmöglich.

Dann floss die Ballade Nr. 3, Op. 47 von Chopin aus den geschickten Fingern der Künstlerin, gefolgt von zwei Werken Robert Schumanns: drei Fantasiestücke Op. 111 und die Arabeske Op. 18. Das Konzert endete mit einer stürmischen Aufführung von Franz Liszts „Après une lecture du Dante: Fantasia quasi Sonata“.

„Jeder Ton zeigt eine Verbindung zu einem Teil der Seele“ – Ein Gespräch mit dem Ensembleleiter Vladimir Ivanoff

Der Bildschirm über der Bühne zeigte eine Nahaufnahme der Tastatur und Octavias Finger liefen darüber. Ich bewundere immer Pianisten, die im Presto-Tempo spielen können, aber so, dass kein Ton auf dem Weg zum Höhepunkt seine Relevanz verliert. Die präzise Ausführung, Musikalität, geschickter Umgang mit Dynamik – all dies findet sich in Ottavia Maceratinis Spiel. An diesem Abend entdeckten wir noch etwas: die Sehnsucht… zum normalen Leben zurückzukehren, Zuneigung ohne Angst vor einer Infektion zu zeigen, die Musik frei zu hören und zu spielen.

Aufgrund der Notwendigkeit, die Räume häufig zu durchlüften, gaben die meisten am Festival teilnehmenden Künstler keine Zugaben. Das Publikum verließ die Konzertsäle ein wenig unbefriedigt, was jedoch immer noch besser ist als übersättigt. So war es auch am Klavierabend von Ottavia Maria Maceratini, die ich hoffentlich noch oftmals auf der Bühne sehen und hören werde.

Jolanta Lada-Zielke, 23. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern und Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.


Foto: (c) Ottavia Maria Maceratini

Ottavia Maria Maceratini wurde 1986 in Recanati (Italien) geboren. Im Alter von fünf Jahren erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht von Ermanno Beccacece an der Civica Scuola die Musica Beniamino Gigli. Während ihrer Schulausbildung gewann sie 28 Wettbewerbe in Italien. 2005 begann sie ihr Studium an der Hochschule für Musik und Theater in München bei Professor Elisso Wirssaladze.

Bis heute hatte sie zahlreiche Konzerte mit verschiedenen Orchestern und führte als Solistin in Rom, Mailand, München, Berlin, Wien, Verona, Tiflis, Florenz und auf dem Schloß Elmau auf.

2011 erschien ihr Debüt-Album „One Cut“, in der sie verschiedene Stilrichtungen und Ausdrucksumfänge in Beziehung bringt. Auf ihrem zweiten Album „Untitled“ (2012) bringt sie drei Hauptwerke Robert Schumanns mit zwei Vogelminiaturen von Jean-Philippe Rameau und Maurice Ravel zusammen.

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