Bayreuth: "Jeder Ton zeigt eine Verbindung zu einem Teil der Seele" – ein Gespräch mit dem Ensembleleiter Vladimir Ivanoff

„Jeder Ton zeigt eine Verbindung zu einem Teil der Seele“ – Ein Gespräch mit dem Ensembleleiter Vladimir Ivanoff

Vladimir Ivanoff beim Festival junger Künstler in Bayreuth 2020. Foto: Werner Schubert

„Wenn man ausdrücken möchte, was ins Dunkel, durch die Nacht zu gehen heißt, dann braucht die Musik eine bestimmte Art der Tiefe. Die Klaviermusik von Chopin und Rachmaninow verfügt über solche Tiefe. Auch die Musik arabischer Komponisten beschäftigt sich mit der Tiefe der Seele. Jeder Ton zeigt eine Verbindung zu einem bestimmten Teil der Seele.“

Festival junger Künstler Bayreuth, 2. August 2020

Konzertbericht aus Bayreuth und Interview mit dem Lautenisten, Perkussionisten und Ensembleleiter Vladimir Ivanoff

von Jolanta Łada-Zielke

Vladimir Ivanoff, geboren 1957 in Sofia, ist ein bulgarisch-deutscher Musiker, Arrangeur, Ensembleleiter und Musikwissenschaftler. Seit seiner Kindheit lebt er in Deutschland. 1987 absolvierte er das Studium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er studierte auch an der Hochschule für Musik in Karlsruhe und an der Schola Cantorum Basiliensis, wo er Renaissancelautespielen erlernte.

In seinen zahlreichen Projekten verbindet er die Musik verschiedener Epochen, Stilen und Kulturen. Er gründete mehrere Ensembles von denen das berühmteste Sarband (1986) ist. Seit 2013 ist Vladimir Ivanoff Stammgast des Festivals junger Künstler in Bayreuth.

2013 sah ich einen Livestream von seinem Projekt „Sarazenin“. Vladimir Ivanoff bearbeitete darin musikalisch das gleichnamige unvertonte Libretto Richard Wagners, das die Geschichte der christlich-muslimischen Beziehungen auf Sizilien zur Zeit König Manfreds (1258-1266) erzählt. Später erfuhr ich, dass Ivanoff auch die musikalischen Werke des polnischen Komponisten Wojciech Bobowski aufführte und aufzeichnete.

Am Abend des 2. August 2020 erlebte ich ein interessantes Konzert von einem seiner Ensembles im Rahmen des Festivals junger Künstler in Bayreuth. Der ganze Auftritt fand unter dem Titel „Nacht auf Erden – Ein musikalischer Spaziergang“ statt. Im Programm standen Klavierwerke von Frédéric Chopin und Sergei Rachmaninow, die Filmmusik „Cinema Paradise“ von Ennio Morricone und Stück dreier Komponisten aus dem Nahen Osten. Ihre Namen sagten mir zwar nichts, aber ihre Musik hat mit den romantischen Werken sehr gut harmoniert.

Abdalhadi Deep (Gesang), Ottavia Maria Maceratini (Flügel), Laila Mahmoud (Quanun), Fadhel Boubaker (Oud), Vladimir Ivanoff (Percussion).

Chopin und Rachmaninow wurden nicht nur am Flügel sondern auch gleichzeitig am Quanun und am Oud gespielt. Im Fall von Chopin ermöglichte das vor allem das Tempo rubato. Das war eine besondere Darstellung der Nacht und Dunkelheit wie ein Spaziergang durch einen Wald voll von ungewöhnlichen Tönen und Geräuschen… Vladimir Ivanoff moderierte das Konzert und begleitete die Musiker an der Perkussion. Einen Tag später führte ich ein Interview mit Vladimir:

Wie ist Ihnen die Idee zu diesem Konzert gekommen?

Ich finde es interessant, eines von Chopins Nocturnes – zum Beispiel Nr. 20 in cis-Moll – mit arabischer Instrumentierung zu kombinieren. Bei Rachmaninow ist es genauso. Ich finde, die arabischen Instrumente passen zu der slawischen Melodik der beiden Komponisten. Da besteht auch eine seelische Verwandtschaft. Natürlich kann man nicht sagen, dass die Préludes von Rachmaninow türkisch oder arabisch klingen. Man findet jedoch in der Musik aus dem Nahen Osten mehr Gemeinsamkeiten mit seinen Préludes und Nocturnes als zum Beispiel mit einer Klaviersonate von Mozart.

Ist das vielleicht auch eine Eigenschaft der romantischen Klaviermusik, die oft auf Volksmusik basiert, dass sie tiefe menschliche Gefühle zum Ausdruck bringt und so universal ist, dass nichts dagegen spricht, sie mit arabischer Musik zu verbinden?

Das ist sehr schön gesagt. Und so war unser Konzert „Nacht auf Erden – Ein musikalischer Spaziergang“ gedacht. Wenn man ausdrücken möchte, was ins Dunkel, durch die Nacht zu gehen heißt, dann braucht die Musik eine bestimmte Art der Tiefe. Die Klaviermusik von Chopin und Rachmaninow verfügt über solche Tiefe. Auch die Musik arabischer Komponisten wie Cheikh Mohamad Imran, Abdu Dagher, und Sayyed Nakshabandi beschäftigt sich mit der Tiefe der Seele. Jeder Ton der türkischen und arabischen Musik zeigt eine Verbindung zu einem bestimmten Teil der Seele. Die klassische Musik, zum Beispiel von Bach, hat eine andere Tiefe. Ich habe eine solche Verbindung zum ersten Mal auf die Bühne gebracht.

Fadhel Boubaker (Oud). Foto: Werner Schubert

Warum haben Sie die Nacht und die Dunkelheit als das Thema gewählt?

Wir wollten zeigen, dass die Dunkelheit sowohl geheimnisvoll als auch bedrohlich sein kann. Manche Passagen in den Préludes von Rachmaninow sind unglaublich aggressiv und können diese Bedrohlichkeit ausdrücken. Aber auch die Dunkelheit vergeht und alles verändert sich ständig. Das hängt von der Einstellung des Menschen ab. Man kann in der Nacht durch den Wald spazieren und Angst haben oder man kann es mit Neugier machen.

Woher kommen die Musiker des Ensembles, mit dem Sie dieses Konzert gespielt haben?

Mit der Mehrheit von ihnen arbeite ich schon seit drei Jahren zusammen. Die italienische Pianistin Ottavia Maria Maceratini lernte ich vor fünf Jahren kennen. Wir machten zusammen Projekte mit der Musik von Eric Satie und Georgi Georgiev. Ottavia kann ganz toll sehr schwierige Stücke spielen und man merkt ihr keine Anstrengung an. Mit dem Oud-Spieler Fadhel Boubaker gründete ich zunächst ein Jazz-Sextett und später das Haz’art Trio, in dem auch der Kontrabassist Jonathan Sell und der Schlagzeuger Paul-Jakob Dinkelacker spielen. Die zwei Gruppen waren europaweit sehr erfolgreich. Laila Mahmoud (Quanun) und den Sänger Abdalhadi Deep kenne ich erst seit letztem Jahr. Eigentlich treffe ich immer am Festival junger Künstler tolle Musiker, die ich gerne in meine Projekte engagiere. Ich habe einige Ensembles gegründet, mache bestanden aus ganzen Familien.

Laila Mahmoud (Quanun). Foto: Werner Schubert

In vielen Ihrer Projekte trifft der Orient auf den Okzident…

Hier heißt das Projekt eigentlich nicht mehr „Orient trifft Okzident“, sondern eher „Band-Camp“. Wir spielen zusammen, dann kommt ein neuer Musiker, es gefällt ihm und er schließt sich uns ein.

Eine Ihrer Entdeckungen war der polnische Komponist Wojciech Bobowski (1610-1675), der von Türken gefangen genommen wurde und dann eine große Karriere unter dem Namen Ali Ufki machte?

Ja, ich habe Bobowski vor dreißig Jahren entdeckt. Es ist interessant, weil es ähnliche Fälle auch in Rumänien und Moldawien gab, aber von Bobowski wusste noch niemand. Ich habe einige CDs mit seiner Musik aufgenommen und 2013 einen Konzert-Zyklus zum 600. Jubiläum der Polnisch-Türkischen Beziehungen organisiert. Zu einem Konzert kam auch der damalige Bürgermeister von Bobowa und sagte mit Überzeugung, dass Bobowski dort geboren sein musste.

Glauben Sie, dass die Musik diese Welt retten kann und verbinden kann, was die Politik trennt?

Ich bin mit diesem Glauben aufgewachsen, auch wenn ich Lautenspiel studierte. Damals war das revolutionär, aber ich mochte mehr die alte Musik als „die blöde Romantik“ mit großen Orchestern. Meiner Meinung nach ist dieser Glaube, dass die Musik die Seele verändern kann, leider verloren gegangen. Heute existiert die sogenannte „Musikkultur“ nicht mehr. Es gibt immer weniger Menschen, die sich für Klassik interessieren. Manchen ist es egal, ob man zum Konzert der Berliner Philharmoniker oder von Lady Gaga geht. Aber ich mache das, obwohl das oft sehr anstrengend ist und man dabei wenig Geld verdient. Jetzt habe ich zum Beispiel fast alle türkischen Mitarbeiter verloren. Diese Musiker dürfen aus der Türkei nicht ausreisen, weil sie staatlich angestellt sind. Ich führe unendliche Diskussionen mit der Türkischen Botschaft in Polen zu diesem Thema, die noch zehn Jahre lang dauern können. Es ist also ein schweres Geschäft, aber ich mache das einfach weiter.

Und die Musik gibt Ihnen die Kraft dazu?

Ich glaube, das, was ich mache, gibt anderen Menschen die Kraft. Ich selbst verliere oft die Kraft, aber diese Art von Musik ist das Einzige, was ich machen kann und will. Und wenn ich das mit Leidenschaft mache, bewegt es die menschliche Seele und man verliert die Angst – auch vor der Nacht und Dunkelheit.

Jolanta Lada-Zielke, 5. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Mirella Hagen, Robin Engelen, Festival junger Künstler Bayreuth, Steingraeberhaus, 2. August 2020

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