Kann Musik die Liebe nähren?

Mirella Hagen, Robin Engelen, Festival junger Künstler Bayreuth,  Steingraeberhaus, 2. August 2020

Foto: Barbara Sabarth

Festival junger Künstler Bayreuth
Steingraeber-Haus, 2. August 2020

von Jolanta Łada-Zielke

„If Music Be The Food of Love” – dieses Lied von Henry Purcell hörte man zu Beginn des Liederabends von Mirella Hagen, der im Rahmen des 70. Festivals junger Künstler in Bayreuth stattfand. Aufgrund der Pandemie ist die Dauer des Festivals kürzer und das Programm wird ständig aktualisiert. Das Motto der Veranstaltung: „SOL. Summer of Love” bezieht sich auf das Beatles-Lied “All You Need Is Love”. Die Konzerte und Workshops werden so gestaltet, dass sie stets mit dem Hauptthema – Liebe – zu tun haben. Nur die Liebe kann uns nämlich helfen, diese schwierige Zeit zu überstehen und die Musik kann dafür die Nahrung sein. Die Menschen sind hungrig nach echten Kunst- und Musikerlebnissen, auch wenn sie immer noch die Masken- und Abstandspflicht erfüllen müssen.

Die Gäste der Bayreuther Festspiele erinnern sich an Mirella Hagen als den exotischen Waldvogel im „Siegfried“ von Frank Castorf (Premiere 2013) in einem Kostüm aus farbigen Federn in einem an den Berliner Alexanderplatz erinnernden Bühnenbild. Diese Figur war in Castorfs Inszenierung eine Prostituierte, mit der Siegfried (Lance Ryan) seine ersten sexuellen Erfahrungen hatte. Die Damen im Publikum drückten ihre Empörung aus: Immerhin war Brünnhilde die erste Frau in Siegfrieds Leben! Aber die Herren, besonders die jungen, begrüßten diese Idee.

Am Sonntag, zwei Stunden nach meiner Ankunft in Bayreuth, hatte ich die Gelegenheit, die Sopranistin in ihrem Liedernachmittag unter dem Titel „Liebe. L’amour. Amor“ zu erleben. Der Auftritt fand im Steingräber-Haus statt. Die von der Familie Steingräber gegründete Klaviermanufaktur produziert seit 1852 hochwertige Instrumente, die auch in den Konzerten des Festivals junger Künstler verwendet werden. Mirella Hagen sang zu den Klängen eines der ältesten Flügel, von ihrem Ehemann Robin Engelen begleitet, der auch ein erfolgreicher Dirigent ist. Während des Auftritts „stimulierte“ sich das Ehepaar gegenseitig durch ein witziges, liebevolles Spiel von Mimik und Gestik.

Pianoausstellung im historischen Steingraeber-Haus Bayreuth. Foto: Steingraeber & Söhne

Das Konzert bestand aus zwei Teilen, die die Liederzyklen zweier verschiedener Komponisten enthielten. Jeder Teil wurde mit einem Stück von Henry Purcell begonnen, das Hagen gemäß der Barock-Konvention erstklassig aufführte. Dann hörten wir einige Lieder von Alban Berg. Auch wenn man diesen Komponisten nicht mag, war es sicherlich nicht langweilig, die Interpretation von Mirella Hagen zu hören, Ich fesselte sie jedenfalls an den Stuhl.

Anschließend führten die Künstler die „Fiançailles pour rire“ von Francis Poulenc auf. Im Gegensatz zum Titel sind nicht alle dieser Lieder zum Lachen: „Dans l’herbe“ oder „Mon cadavre est doux comme un gant“ klingen eher traurig. Wirklich lustig ist nur die Geschichte des Stücks „Il vole“. Die Sopranistin gab die deutsche Übersetzung der französischen Texte.

Foto: Barbara Sabarth

Nach einer kurzen Durchlüftungspause sang Hagen die „Mädchenblumen“ von Richard Strauss und zum Schluss die „Cabaret songs“ von Benjamin Britten. Ich muss gestehen, das Programm war sehr bewusst gestaltet. Die Lieder, die Mirella Hagen im zweiten Teil sang, haben eine große Spannweite. Die Sopranistin achtete sehr darauf, die Bruststimme nicht zu früh einzuschalten, weil dies ihr Volumen an den hohen Tönen schwächen würde. Dies war besonders in Brittens Werken zu hören, die für eine richtige Interpretation eine angemessene Dosis Bruststimme benötigen.

Während des ganzen Liedernachmittags, der eine Stunde und zwanzig Minuten dauerte, merkte ich Mirella Hagens Gesang nur zwei Töne an, die etwas kraftlos und matt klangen. Im Großen und Ganzen sang sie großartig, mit Wucht, Hingabe und auch mit Witz, wo es nötig war.

Beide Musiker stillten den Hunger der Zuschauer nach Live-Musik und weckten gleichzeitig den Appetit auf mehr. Das begeisterte Publikum forderte eine Zugabe, so dass die Künstler ihr Lieblingslied von Berg „Die Nachtigall“ erneut aufführten. Die Rolle von Robin Engelen beschränkte sich dabei nicht nur auf die Begleitung seiner Frau. In der anspruchsvollen Klavierstimme konnte Engelen auch seine hervorragenden Klavierfähigkeiten unter Beweis stellen.

Foto: Barbara Sabarth

Als man sich diese beiden Künstler anschaute, hatte man den Eindruck, dass die Musik, die sie machten, wirklich Nahrung für ihre Liebe sein könnte; und zwar nicht nur im beruflichen Sinne.

Jolanta Lada-Zielke, 4. August 2020
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Posers Klassikwelt 8: Wer ist Catherine Foster?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.