Frau Lange hört zu (19): Bildung verpflichtet. Zum Denken.

Frau Lange hört zu (19): Bildung verpflichtet. Zum Denken.

Schon faszinierend, wer sich zurzeit als Anhänger – und aktiver Verbreiter – von Verschwörungsmythen entpuppt. Denn dabei handelt es sich nicht nur um Menschen, die unser Bildungssystem unterwegs im Galopp verloren hat. Sondern auch um gutbürgerliches Volk und Freunde der schönen Künste. Über den Irrtum, dass Abitur und Studium wirksamen Impfschutz gegen die Seuche der Irrationalität bieten: eine Polemik mit Musik.

von Gabriele Lange

So, heute wird es kein langes Stück. Mich plagt ein Zipperlein. Nein, Corona ist es nicht. Mich plagt aber auch die wachsende Verzweiflung über eine zweite Epidemie, die uns befallen hat. Die Epidemie der Verschwörungshysterie. Wenn ich mir die Bilder einer Demo aus München oder vom Samstag aus Berlin angucke, dann tut mir eines dabei besonders weh: Es sind richtig viele Leute dabei, die sich ausdrücken können. Die einen bürgerlichen Eindruck machen. Sie mischen sich mit Esoterik-Freaks, Althippies, Partyvolk, Hipstern, Rechtsradikalen, Nazis – Himmelherrgott, da tragen Leute ein Plakat mit einem Hakenkreuz aus Masken und Injektionsspritzen! Impfgegner schmücken sich mit einem Judenstern.

Das muss doch bei Menschen, die etwas Bildung genossen haben, blankes Entsetzen auslösen? Tut es oft nicht. Wer sich auf Facebook oder Twitter umsieht, stellt fest: Es gibt Unternehmensberater, Firmenchefs, Lehrer – und Leute, die viel Ahnung von den schönen Künsten haben. Die verbreiten ungeprüft die wildesten Gerüchte, teilen Videos aus den obskursten Quellen. Bezeichnen seriösen Journalismus als „Fake News“, behaupten, dass die Medien „lügen“, nur weil sauber recherchierte Inhalte nicht zu ihren aktuellen Lieblingsmärchen passen. Und sie fühlen sich als arme Opfer in Ketten, wähnen sich unterdrückt wie die unschuldige christliche Jungfrau Almirena in Händels Rinaldo

Lass mich mit Tränen
mein Los beklagen,
Ketten zu tragen,
welch hart Geschick!

Ach, nur im Tode
find ich Erbarmen,
er gibt mir Armen
die Ruh zurück.

Händel, Rinaldo (Cecilia Bartoli)

Sie sind aufgebracht, weil gewohnte Sicherheiten nicht mehr gelten. Nachdem sie sich beim Virus nicht beschweren können, übertragen sie ihren Hass auf die Politik und die Forscher. Auf imaginierte Weltverschwörungen. Ja, man kann allerhand Kritisches zum Weltwirtschaftsforum sagen. Oder über Söder. Oder über Spahn. Oder China… Aber statt sich damit aufzuhalten, erst mal konkrete Kritikpunkte herauszuarbeiten, sich kundig zu machen, benehmen sie sich wie Dreijährige in der Trotzphase, die ihre Schuhe heute nicht in den Kindergarten anziehen wollen. Nur: Die kleine Lena-Marie findet spätestens draußen im Regen raus, dass Mama vielleicht doch Recht hat. Aber die Tatsache, dass ein Virus übertragbar ist, bevor man Symptome hat, dass man die Gefahr nicht sehen kann, überfordert offenbar auch kultiviertere Hirne.

Diese gebildeten Menschen, die in der Lage sind, im Feuilleton auch Konstruktionen mit fünf Nebensätzen und acht Fremdwörtern zu verstehen, strampeln und toben, wenn man sie mit Fakten und Argumenten konfrontiert. Statt zu prüfen, nachzudenken, abzuwägen – und erst dann eine Meinung zu äußern, wird alles einfach zur Lüge erklärt, was ihnen nicht ins Konzept passt. Der andere ist halt noch nicht bei der richtigen Erkenntnis angekommen. Das sind übrigens gerne mal Leute, die den Niedergang von Kultur und Bildung beklagen, sich über schlampigen Journalismus aufregen (ja, wäre alles im sachlichen Rahmen diskutierbar) und die in anderen Kontexten durchaus zu rationaler Gesprächsführung fähig sind.

O zittre nicht, mein lieber Sohn!
Du bist ja schuldlos, weise, fromm.

Mozart, Zauberflöte (Diana Damrau)

Tamino ist ein edler, privilegierter Jüngling. Die rachedurstige Königin der Nacht erzählt ihm Lügen und schickt ihn auf eine vermeintlich noble Mission. Klar zieht er los, die Schöne vor dem Dämon zu retten. Der Leichtgläubige gefällt sich in der Rolle des Retters. Da kann er seine Prinzenrolle fein mit Edelmut und Tapferkeit aufladen.

Priester: Ja, Ja! Sarastro herrschet hier!
Tamino: Doch in dem Weisheitstempel nicht?
Priester; Er herrscht im Weisheitstempel hier.
Tamino: So ist denn alles Heuchelei!
(…)

Priester: Erklär dich näher mir, dich täuschet ein Betrug.
Tamino: Sarastro wohnet hier, das ist mir schon genug.
Priester: Wenn du dein Leben liebst, so rede, bleibe da! Sarastro hassest du?
Tamino: Ich hass ihn ewig! Ja. –
Priester: So gib mir deine Gründe an.
Tamino: Er ist ein Unmensch, ein Tyrann!
Priester: Ist das, was du gesagt, erwiesen?

Mozart, Zauberflöte, Fritz Wunderlich et al.

Ertappt man die Verschwörungslügenerzähler und ihre Fans, weist man ihnen gefälschte „Beweise“ nach, deckt Unlogik und Fehler auf, werden sie wütend. Sie sind doch edel, hilfreich und gut. Sie ertragen die Anfeindungen der verblendeten Schafe nicht, sie flippen aus. Denn es geht nicht um die Fakten, es geht um ihre Selbstsicherheit. Und um ihre Rolle als edle Retter der Prinzessin, ähm … des Abendlandes. Fühlt sich halt viel besser an als: Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht.

Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen

Mozart, Zauberflöte (Edita Gruberova)

Sie fühlen sich wie eine verkannte Primadonna assoluta. Und sind in Wirklichkeit Florence Foster Jenkins als Königin der Nacht (nur nicht so nett. Der Film mit Meryl Streep ist übrigens sehenswert). Die merkte auch nicht, dass sie das mit der Rachearie vernünftigerweise hätte lassen sollen.

Bildung ist ein Geschenk. Ein Privileg. Wer das vergessen hat, sollte sich mal in anderen Weltgegenden umsehen. Ich weiß, was sie wert ist. Mein Vater hat sich nach Krieg und Flucht und sieben Jahren mieser Pommerscher Volksschule mühsam hochgearbeitet. Ich war die erste in seinem Familienteil mit Abitur und Studium. Das Wissen, die Werkzeuge, das Schöne habe ich mir hart erarbeitet und erjobbt. Bildung ist für mich kein dekoratives Element des Lebenslaufs, kein Orden, den man sich entspannt an die Brust heften kann – und damit ist es dann gut mit dem ganzen Denkerstress. Ich halte nichts davon, sich mit einem komfortabel selbstgefälligen „wir Bildungsbürger…“ zu begnügen. Bildung ist Verpflichtung. Zur Kritik und zur Selbstkritik. Zum Unbequemsein.

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit – aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Das wäre mein Lieblingszitat von Albert Einstein. Wenn es von Albert Einstein wäre. Denn natürlich habe ich das erst mal nachgeprüft, bevor ich es verwenden wollte. Und siehe da: Es ist komplizierter. Er hat wohl etwas Ähnliches gesagt. Einige Dichter und Wissenschaftler haben parallele Aussagen gemacht. Und irgendwann hat jemand alles zu einem Satz zusammengefügt und diesen Einstein zugeschrieben. Weil es halt so schön passte. Wahrscheinlich hätte es kaum jemand gemerkt, wenn ich die Zitiertradition einfach fortgeführt hätte. Aber genauso geht es eben nicht.

„O glücklich, wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!“

Das ist wirklich von Goethe. Aus Faust I.

Tamino jedenfalls wird dann doch von Sarastro überzeugt. Brüderlichkeit und Vernunft sind nun die Ideale. Gegenüber Hasspredigern bleibt man allerdings gemeinsam unversöhnlich… Und das ist auch gut so.

In diesen heil’gen Hallen,
Kennt man die Rache nicht. –
Und ist ein Mensch gefallen;
Führt Liebe ihn zur Pflicht.
Dann wandelt er an Freundeshand,
Vergnügt und froh ins bess’re Land.
In diesen heiligen Mauern
Wo Mensch den Menschen liebt,
Kann kein Verräter lauern,
Weil man dem Feind vergibt.
Wen solche Lehren nicht erfreu’n,
Verdienet nicht ein Mensch zu seyn

Mozart, Zauberflöte, (Thomas Quasthoff)

Gabriele Lange, 3. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Frau Lange hört zu (18): Kassandra und die selbstsicheren Dummköpfe

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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Aktuell schreibt sie auch über Themen wie Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz. Musikalisch mag sie sich ebenfalls nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie (hoffentlich bald wieder) etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

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