Frau Lange hört zu (19): Bildung verpflichtet. Zum Denken.

Schon faszinierend, wer sich zurzeit als Anhänger – und aktiver Verbreiter – von Verschwörungsmythen entpuppt. Denn dabei handelt es sich nicht nur um Menschen, die unser Bildungssystem unterwegs im Galopp verloren hat. Sondern auch um gutbürgerliches Volk und Freunde der schönen Künste. Über den Irrtum, dass Abitur und Studium wirksamen Impfschutz gegen die Seuche der Irrationalität bieten: eine Polemik mit Musik.

von Gabriele Lange

So, heute wird es kein langes Stück. Mich plagt ein Zipperlein. Nein, Corona ist es nicht. Mich plagt aber auch die wachsende Verzweiflung über eine zweite Epidemie, die uns befallen hat. Die Epidemie der Verschwörungshysterie. Wenn ich mir die Bilder einer Demo aus München oder vom Samstag aus Berlin angucke, dann tut mir eines dabei besonders weh: Es sind richtig viele Leute dabei, die sich ausdrücken können. Die einen bürgerlichen Eindruck machen. Sie mischen sich mit Esoterik-Freaks, Althippies, Partyvolk, Hipstern, Rechtsradikalen, Nazis – Himmelherrgott, da tragen Leute ein Plakat mit einem Hakenkreuz aus Masken und Injektionsspritzen! Impfgegner schmücken sich mit einem Judenstern. „Frau Lange hört zu (19): Bildung verpflichtet. Zum Denken.“ weiterlesen

Lieses Klassikwelt 45: Journalismus

von Kirsten Liese

Anfang Juli erschien ein Buch unter dem Titel „Wie ich meine Zeitung verlor“, geschrieben von dem preisgekrönten Reporter und Romancier Birk Meinhardt. Es gibt mir Anlass, über meinen Beruf nachzudenken, da ich mir ähnliche Fragen stelle wie der Autor: Was läuft falsch im Journalismus? Wie kann es sein, dass Medien, die doch beanspruchen, Mittler der Wirklichkeit zu sein, oftmals wesentliche Details ausblenden, verschweigen oder leugnen und damit „selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, die sich vor unseren Augen vollzieht“? Warum begreifen sie nicht, „dass sie ohne Unterlass mit erzeugen, was sie so dröhnend verdammen?“ Meinhardt hatte sich von der Süddeutschen Zeitung getrennt, nachdem das Blatt zwei seiner Geschichten zensierte.

Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke, stelle ich fest, dass das journalistische Selbstverständnis, unter dem ich einmal angetreten bin, längst nicht mehr von allen Beteiligten dieser Branche geteilt wird. Und auch ich wurde schon zensiert. „Lieses Klassikwelt 45: Journalismus“ weiterlesen

Mühseliges Wellenreiten – wie könnte es funktionieren? Wege zum Neubeginn

von Dr. Holger Voigt,
Mediziner und Autor für klassik-begeistert.de

„Auch aus Steinen, die Dir in den Weg gelegt werden, kannst Du etwas Schönes bauen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Wo stehen wir eigentlich?

Ist nun eigentlich die erste Pandemiewelle durchgelaufen oder nicht? Steht eine zweite Welle unmittelbar bevor, oder sind wir gar schon mittendrin und haben es nur noch nicht bemerkt? Oder gibt es – wie Virologe Professor Hendrik Streeck gar vermutet – eine Art „Dauerwelle“ mit wechselnden Amplituden? Fragen über Fragen, und auf jede Frage nur wenige, eher provisorische Antworten. Dafür aber mehr und mehr Mutmaßungen und neue Fragen. Und dann noch die kaum in das Bewusstsein gedrungene Warnung aus China vor einem neuen Pandemie-fähigen Schweinegrippe-Virus. Wo soll das alles noch hinführen, wenn dann noch die auferlegte, nur mühsam eingehaltene Verhaltensdisziplin immer mehr abbröckelt? Immer weniger wird auf Abstandsgebote geachtet, und selbst in Supermärkten läuft mittlerweile oft sogar das eigene Personal mit Nasen-Mundschutzmasken herum, die eher als Halskrause getragen werden. Hat man das tödliche Risiko schon ad acta gelegt? „Bisher hat es mich nicht getroffen – dann wird es also auch in Zukunft so sein…?“ „Mühseliges Wellenreiten – wie könnte es funktionieren? – Wege zum Neubeginn“ weiterlesen

Frau Lange hört zu (18): Kassandra und die selbstsicheren Dummköpfe

Juhu. Corona ist besiegt. Jedenfalls bei uns. Also wieder rein ins Vergnügen. USA, Brasilien, Türkei … Tönnies? Was da passiert, hat doch nichts mit uns zu tun! Einfach die Nachrichten und diese nervenden Kassandras ignorieren. Und so ziehen die Trojaner fröhlich die Masken aus – ähm – das Holzpferd in die Stadt. Eine Polemik über die Selbstgefälligkeit der Inkompetenz. Natürlich mit Musik.

von Gabriele Lange

Als Galileo darauf bestand, dass sich die Erde um die Sonne dreht, setzten Priester und Dummköpfe alles daran, diese Erkenntnis zu unterdrücken, sperrten das Genie ein und demütigten ihn.

Philipp Glass, Galileo Galilei „Frau Lange hört zu (18): Kassandra und die selbstsicheren Dummköpfe“ weiterlesen

Frau Lange hört zu (17): Denn ich bin nur ein Egoist …

„Das Ego eines Mannes ist der Urquell des menschlichen Fortschritts.“ Dieser Satz stammt von Ayn Rand, einer Urprophetin der quasi-religiösen Ideologie des Neoliberalismus, die unser Denken, unseren Umgang miteinander in den letzten Jahrzehnten schleichend beschädigt hat. Die Pandemie taucht die Folgen in ein grelles Licht. Eine Polemik mit Musik.

von Gabriele Lange

„So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht.“

Margaret Thatcher

Tausende Menschen riskieren dicht aneinander gedrängt ihre Gesundheit. Die meisten ohne Maske, weil ein narzisstischer Vampir sein erfrischendes Bad in der Menge vermisst hat. Ein Egomane, dem die Schicksale seiner Fans egal sind. Sie jubeln ihm zu. Denn sie wären gern wie er.

„Undefied, no signs of regret
Your swollen pride assumes respect“

Portishead, Cowboys

Die quasi-religiöse Ideologie des Neoliberalismus hat die Welt verändert. Wie sehr, das zeigen uns Klimakrise und Pandemie. Wir brauchen: Zusammenarbeit, Rücksichtnahme, Verzicht, Menschlichkeit. Eigentlich. Doch diese Fähigkeiten und Eigenschaften wurden in den letzten Jahrzehnten entwertet. In unserer sozialdarwinistischen Wettbewerbsgesellschaft gelten sie als Schwäche, ja Dummheit. Ich bin zu hart? „Frau Lange hört zu (17): Denn ich bin nur ein Egoist …“ weiterlesen

Ladas Klassikwelt 39: Wie Wäscheklammern beim Musizieren helfen können

Foto: Bachology auf Youtube

„Trotz der Distanz zwischen den Sängern gelang es uns, einen schönen, gemeinsamen Klang zu erzeugen. Wir waren wirklich froh, dass wir wieder „analog“ zusammen üben konnten. Virtuelle Proben können dies nicht ersetzen.“

von Jolanta Lada-Zielke

Aus Sicherheitsgründen finden Chorproben zurzeit virtuell oder seit Kurzem bei Sommerwetter auch im Freien  statt. Überall ist das nicht möglich. Die Verwaltung einiger Regionen erlaubt zum Beispiel das Training von Tai-Chi-Gruppen, aber kein gemeinsames Singen, das immer noch als Möglichkeit der Ausbreitung des Coronavirus angesehen wird. „Ladas Klassikwelt 39: Wie Wäscheklammern beim Musizieren helfen können“ weiterlesen

Mehr als ein Notprogramm

Foto: © Dario Acosta

Grafenegg Festival 2020

von Herbert Hiess

Corona hat wohl echte Chancen, das „Unwort“ des Jahres zu werden, deswegen soll es auch nicht zu oft verwendet werden. Neben vielen Erkrankungen und Todesfällen hat es nicht zuletzt einen enormen wirtschaftlichen Schaden verursacht. Durch das de facto „Auftrittsverbot“ leiden vor allem tausende freischaffende Künstler und auch viele festangestellte Ensemblemitglieder. Für die Kunst- und Kulturveranstalter ist es das Katastrophenjahr schlechthin; viele haben sich das Beethoven-Jahr 2020 wohl anders vorgestellt. „Mehr als ein Notprogramm
Grafenegg Festival 2020“
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"Wenn wir diese ungünstige Zeit richtig nutzen, können wir dem Publikum nach der Pandemie etwas Besseres bieten"

Foto: © Peter Shannon

Von Beethoven, den Beatles und der Heilkraft der Musik: Der Dirigent Peter Shannon im Interview

Peter Shannon, geboren 1969, begann seine musikalische Ausbildung als Chorknabe im Kirchenchor in Cork. Anschließend studierte er Dirigieren in Dublin, dann in Weimar, und in Karlsruhe. Er wurde zum Dirigenten des Collegium Musicum Orchestra in Heidelberg ernannt, arbeitete auch als Gastdirigent mit dem Warschauer Rundfunk-Sinfonieorchester, dem Irish Radio Concert Orchestra und dem Irish National Symphony Orchestra zusammen. In Deutschland leitete er die Göttinger Philharmoniker, das Philharmonie-Orchester in Baden Baden, Köln, Weimar, und Jena, sowie das Orchester der Staatsoper Halle. Von 2008 bis 2018 war er erster künstlerische Leiter und Dirigent der Savannah Philharmonic in Georgia. Mit diesem Orchester hat er das soziale Projekt „Philharmonic in the Streets“ durchgeführt, dessen Ziel eine vielfältige Zusammenarbeit zwischen den Musikern und Jugendlichen war. Er hat Musikfestivals in Norwegen, Italien, Deutschland und Dänemark durchgeführt, darunter „The Voices of Europe“ von 2009 bis 2011.

Peter Shannon stammt aus einer Mediziner-Familie und führt mit Erfolg eigene Projekte durch, die Musik mit Medizin verbinden. Er hat Programme für Krebs-Patienten entwickelt, darunter auch Kinder, für die er Mozarts „Zauberflöte“ adaptiert hat. Seit seiner Rückkehr nach Irland 2019 leitet er das Irish National Symphony Orchestra und führt zahlreiche Meisterkurse durch. Er pendelt regelmäßig in die USA und auf das europäische Festland, um dort zu dirigieren. Seit sechs Jahren ist er zudem künstlerischer Leiter des Jackson Symphony Orchestra in Tennessee.

Im Gespräch mit Jolanta Łada-Zielke erzählt Peter Shannon von seiner Situation während der Corona-Krise und von seinen vielfältigen Projekten.

von Jolanta Łada-Zielke

Welche Konzertprojekte mussten Sie wegen des Corona-Virus absagen?

Ich musste meine zwei Konzerte mit dem Jackson Symphony Orchestra in Tennessee in den September verschieben. Eins von ihnen heißt „Imagine the Beatles Solo Years“. Sein Programm enthält Beatles-Lieder, arrangiert für ein großes Orchester und eine Band. Das sind Solo-Stücke wie „My Sweet Lord”, „Band on the Run“, oder „Live and let die”, die nach der Trennung der Beatles entstanden sind, als jeder der vier Musiker seine individuelle Karriere weiterführte. Für das andere Projekt waren zwei Symphonien Beethovens – die Erste und die Neunte – vorgesehen. Das Beethoven-Konzert hätte in der ersten Maiwoche stattfinden sollen und wir alle haben gehofft, dass die Pandemie bis dahin vorbei wäre. Es war witzig, wie ich mich auf diese zwei Konzerte gleichzeitig vorbereitet habe; einmal habe ich Beatles-Lieder am Klavier gespielt und zehn Minuten später Beethovens Neunte einstudiert. „Interview am Donnerstag (17): Der Dirigent Peter Shannon“ weiterlesen

Meine Lieblingsmusik 31: Zeitgemäße Musik – der Soundtrack zur Krise (III): WAHNSINN!

Jetzt sollen wir also wieder richtig raus – die Wirtschaft ankurbeln. Viele gehen es vorsichtig an, tragen Maske und halten Abstand. Andere drängeln sich in den Geschäften, als herrschte wegen der paar Wochen Shoppingpause größte Not und gähnende Leere in den Schränken. Und dann gibt’s Menschen, die sehr laut sehr seltsame Dinge sagen. Zeit für ein paar passende Songs.

von Gabriele Lange

Happy days are here again…?

I’m going slightly mad, Queen

“I’m knitting with only one needle
Unraveling fast, it’s true
I’m driving only three wheels these day
But my dear, how about you?
I’m going slightly mad…”

Kurz bevor er an der letzten großen Seuche starb, die auch die wohlhabenden Länder erfasste, sang Freddie Mercury, schmal geworden, die Spuren der Krankheit überschminkt, aber mit ungebrochenem Charisma, leiser als früher, aber immer noch kraftvoll: „I’m going slightly mad“. Den Song fühle ich gerade. Denn wir leben in einem irritierenden Zwischenzustand. In den USA, in Russland, in vielen Ländern weltweit wütet das Virus mit ungebremster Kraft. Hier aber tun die meisten so, als wäre wieder alles ganz normal, stürmen Bau- und Elektromärkte und können es nicht abwarten, sich Haare und Nägel machen zu lassen. So als sei das Virus besiegt. Happy days are here again? Da können Wissenschaftler renommierter Institute noch so deutlich warnen – Priorität hat, dass es wieder Fußball gibt und man bald wieder im Wirtshaus hocken kann. Spinn ich? „Meine Lieblingsmusik 31: Zeitgemäße Musik – der Soundtrack zur Krise (III): WAHNSINN!“ weiterlesen

Wenn Philharmoniker in der Schwimmhalle gastieren

Bild: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg auf Youtube

von Guido Marquardt

Ein leises Blubbern und Gluckern von der Ablaufrinne. Eine unberührte, spiegelglatte, blaue Wasserfläche: So hat wohl kaum ein Hamburger je die riesige Alster-Schwimmhalle erlebt. Man nennt sie ja auch „Schwimm-Oper“. Und so gehört sie zu den Orten, an denen sich Ensemblemitglieder der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters derzeit in Minimalbesetzung einfinden. Minus mal minus ergibt bekanntlich plus: Vielleicht ist es diese Logik, nach der die aktuell nicht live erlebbare Musik an nicht besuchbaren Orten gastiert, um daraus Videos und Streams zu erstellen, die eine bittersüße Mischung aus Trost und Sehnsuchtserweckung liefern. „Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Dongwon Kang, Christian Seibold,
Alster-Schwimmhalle“
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