Lieses Klassikwelt 45: Journalismus

Lieses Klassikwelt 45: Journalismus

von Kirsten Liese

Anfang Juli erschien ein Buch unter dem Titel „Wie ich meine Zeitung verlor“, geschrieben von dem preisgekrönten Reporter und Romancier Birk Meinhardt. Es gibt mir Anlass, über meinen Beruf nachzudenken, da ich mir ähnliche Fragen stelle wie der Autor: Was läuft falsch im Journalismus? Wie kann es sein, dass Medien, die doch beanspruchen, Mittler der Wirklichkeit zu sein, oftmals wesentliche Details ausblenden, verschweigen oder leugnen und damit „selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, die sich vor unseren Augen vollzieht“? Warum begreifen sie nicht, „dass sie ohne Unterlass mit erzeugen, was sie so dröhnend verdammen?“ Meinhardt hatte sich von der Süddeutschen Zeitung getrennt, nachdem das Blatt zwei seiner Geschichten zensierte.

Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke, stelle ich fest, dass das journalistische Selbstverständnis, unter dem ich einmal angetreten bin, längst nicht mehr von allen Beteiligten dieser Branche geteilt wird. Und auch ich wurde schon zensiert.

Noch Anfang der 1990er Jahre, als ich in den Journalismus einstieg, galt das Gebot der Neutralität. „Sagen was ist“, lautete ein Leitsatz des Verlegers Rudolf Augstein. Und meine Ausbilder an der Bayerischen Akademie der Presse in Zeiten meines Volontariats wurden nicht müde zu betonen, dass die Medien dazu da seien, die Mächtigen zu kontrollieren und ihnen auf die Füße zu treten. Und so war es damals auch. Skandale, Korruption, unlautere Machenschaften und Affären wurden oftmals publik, weil gewiefte gute Journalisten ihnen auf die Schliche kamen. Besonders der Spiegel erwarb sich damit große Verdienste. Aber das ist lange her.

Heute ist der Enthüllungs- einem „Haltungsjournalismus“ gewichen. Er hat den Humus dafür bereitet, dass, ebenfalls aus dem Haus des Spiegels, ein Claas Relotius zum Fälscher werden konnte, aber das scheint die Verfechter dieser Richtung nicht zu beunruhigen. Jedenfalls kritisieren zunehmend auch in Redaktionen großer amerikanischer Medien junge Reporter die objektive Berichterstattung als nicht mehr zeitgemäß. Das entnehme ich einem aufschlussreichen Artikel, den kürzlich Christian Meier unter dem Titel „Der Neutralitätskomplex“ in der Welt veröffentlichte. Exemplarisch zitiert er den New Yorker Korrespondenten Philipp Oehmke, der als „denkfaul und selbstgefällig“ bezeichnet, wer auf einen „Ausgewogenheitsanspruch poche“. Und begrüßt, wenn „Vertreter der alten Ordnung aufs Abstellgleis gehievt werden“. Aus dem Postulat „Sagen was ist“ wird somit kurzerhand die höchst manipulative Formel „Sagen, was sein sollte“. – Aus meiner Sicht eine Bankrotterklärung an jedweden seriösen Journalismus.

Aber bleiben wir nicht nur im Theoretischen, reden wir über ein konkretes Beispiel. Besonders verstört hatte mich Mitte Mai der Fall Stephan Kohn. Der damalige Referent des Bundesinnenministers Horst Seehofer hatte ein über 80-seitiges Dokument unter Mitwirkung eines Gremiums an Experten erstellt, in dem er die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung höchst kritisch bewertete. Ob er diesen Prüfbericht in Seehofers Auftrag trat, wie er behauptet, oder aus eigenem Antrieb, sei einmal dahin gestellt. Mit seinem scharfen Urteil brachte er seinen Minister jedenfalls offenbar derart in die Bredouille, dass der seinen Mitarbeiter vor die Tür setzte und dessen Expertise als „Privatmeinung“ diskreditierte.

In früheren Zeiten wären über diesen unerhörten Vorgang viele Journalisten gestolpert. Sie hätten Einsicht in das brisante Dokument verlangt, es genau studiert, angegebene Quellen nachrecherchiert, die entscheidenden Aspekte zur eigenen Urteilsfindung ihrer Leser zur Disposition gestellt, Interviews mit den Beteiligten eingefordert und Fragen gestellt. Und das hätte eine Kontroverse ausgelöst. Nichts aber von alledem geschah. Kein Zweifel, keine Skepsis regte sich in den Medien, einhellig schenkten deren Vertreter dem Ministerium Vertrauen, so dass sie gehorsam lediglich die Position des Bundesinnenministeriums veröffentlichten. Geht das eigentlich, verletzt ein solches Vorgehen nicht die journalistische Sorgfaltspflicht? Und beißt sich ein solches Vorgehen nicht mit der viel gepriesenen Streitkultur? Haben wir überhaupt noch eine Streitkultur, wenn Politik und Presse überwiegend nur noch in dasselbe Horn blasen?

Auch in meiner Domäne, dem Kulturjournalismus, verebbt das Misstrauen. Das musste ich beispielsweise im vergangenen Jahr auf einer Pressekonferenz der Salzburger Osterfestspiele erfahren. Zur Erinnerung: Der Aufsichtsrat der Festspiele ließ es darauf ankommen, über seine Verpflichtung von Nikolaus Bachler als neuem Intendanten seinen Künstlerischen Leiter Christian Thielemann zu brüskieren und loszuwerden, der sich klar gegen den favorisierten Kandidaten ausgesprochen hatte.

Ich fragte die anwesende Aufsichtsratsvorsitzende danach, warum sie um jeden Preis auf Bachler beharre, zumal ich wusste, dass Dominique Meyer, der scheidende Intendant der Wiener Staatsoper und Wunschkandidat Thielemanns, ebenfalls zur Verfügung für diesen Posten stand, er hatte es mir kurz zuvor selbst gesagt. Eine befriedigende Antwort auf meine Frage erhielt ich nicht, nur fadenscheinige Ausreden. Mithin ging ich davon aus, dass andere Kollegen nach meinem Vorstoß nachlegen würden, zumal dieses Thema die Musikwelt stark beschäftigte. Aber ich sollte mich täuschen. Lediglich ein paar harmlose, belanglose Fragen folgten. Ob sie sich das erklären könne, fragte ich eine japanische Kollegin neben mir, die sich ob der Antwort auf meine Frage ebenfalls sehr unzufrieden zeigte. Sie flüsterte mir zu: „Naja, Sie sind mutig. Die anderen trauen sich nicht“.

Soll ich das glauben? Ist nicht Mut eine unabdingbare Voraussetzung für diesen Beruf? Wie will ein Feigling den Mächtigen auf die Füße treten? Oder war der Grund doch ein anderer, drückte sich in der Zurückhaltung der Übrigen ein Einverständnis mit der Haltung der Aufsichtsratsvorsitzenden aus? Das allerdings würde die Sache nicht besser machen. Der weise Epicharmos jedenfalls sagte schon 500 v. Chr.: „Nüchtern sein und Misstrauen üben, das sind des Geistes Gelenke“.

Kirsten Liese, 23. Juli 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lieses Klassikwelt 44: Bruckner

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© Kirsten Liese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

Ein Gedanke zu „Lieses Klassikwelt 45: Journalismus“

  1. Stimme dem Gesagten in weiten Teilen zu. Was mich aber stört: die grenzenlose Schlamperei, das unglaubliche Nichtwissen. Was ich vermisse: die Abwesenheit von Sorgfalt in rein sachlichen Punkten. Wenn z.B. ein durchaus anerkanntes (amerikanisches) Medium für klassische Musik schreibt, dass Helmut Deutsch „recently“ mit Jonas Kaufmann zusammen arbeitet, wenn falsche Zusammenhänge mangels Wissen hergstellt werden, dann verliert doch jede geschriebene Zeile sofort an Wert. Als Leser kann ich mir nur Kritik in jenen Fällen erlauben, in denen ich die Fakten kenne. Was ist mit all dem anderen Geschreibsel? So / muss ich das glauben? Enthüllungsjournalismus ist ab und zu nötig, Richtigkeit der Fakten ist IMMER unabdingbar.

    Waltraud Riegler

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