Frau Lange hört zu (17): Denn ich bin nur ein Egoist …

Frau Lange hört zu (17): Denn ich bin nur ein Egoist …

„Das Ego eines Mannes ist der Urquell des menschlichen Fortschritts.“ Dieser Satz stammt von Ayn Rand, einer Urprophetin der quasi-religiösen Ideologie des Neoliberalismus, die unser Denken, unseren Umgang miteinander in den letzten Jahrzehnten schleichend beschädigt hat. Die Pandemie taucht die Folgen in ein grelles Licht. Eine Polemik mit Musik.

von Gabriele Lange

„So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht.“

Margaret Thatcher

Tausende Menschen riskieren dicht aneinander gedrängt ihre Gesundheit. Die meisten ohne Maske, weil ein narzisstischer Vampir sein erfrischendes Bad in der Menge vermisst hat. Ein Egomane, dem die Schicksale seiner Fans egal sind. Sie jubeln ihm zu. Denn sie wären gern wie er.

„Undefied, no signs of regret
Your swollen pride assumes respect“

Portishead, Cowboys

Die quasi-religiöse Ideologie des Neoliberalismus hat die Welt verändert. Wie sehr, das zeigen uns Klimakrise und Pandemie. Wir brauchen: Zusammenarbeit, Rücksichtnahme, Verzicht, Menschlichkeit. Eigentlich. Doch diese Fähigkeiten und Eigenschaften wurden in den letzten Jahrzehnten entwertet. In unserer sozialdarwinistischen Wettbewerbsgesellschaft gelten sie als Schwäche, ja Dummheit. Ich bin zu hart?

„Wach’ auf, du verrotteter Christ!
Mach dich an dein sündiges Leben,
zeig’ was für ein Schurke du bist,
der Herr wird es dir dann schon geben.“

Brecht/Weill, Dreigroschenoper, Der Morgenchoral des Peachum (Helmut Qualtinger)

Wer Flüchtende vor dem Ertrinken rettet, kann sich vom Innenminister anhören, er leite einen „Taxi“-Dienst nach Europa. Wer erklärt, dass spritsaufende PS-Boliden und unbegrenzte Flugreisen nicht mit dem Klimaschutz vereinbar sind, wird vom Chefredakteur der „Welt“ als naiver Feind der individuellen Freiheit hingestellt. Und wer darauf verweist, dass für Discounterschnitzel Menschen, Tiere und Natur einen hohen Preis zahlen, der will bloß „uns“ das Grillvergnügen madig machen.

„Allgemeiner Altruismus ist … sinnlos. Niemand kann sich wirklich um alle anderen kümmern“

Friedrich August von Hayek

Dann kriegen eben mehr als tausend importierte Billigarbeiter, die unter unerträglichen Bedingungen schuften, Covid 19. Sind doch nur Rumänen und Bulgaren, sagt der Ministerpräsident. Die Leute aus dem Landkreis bejammern derweil die „Diskriminierung“, weil sie als Urlauber nicht willkommen sind.

„Nur dadurch lebt der Mensch,
Dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist“

Brecht/Weill, Dreigroschenoper (Harald Paulsen)

Teile unserer Welt sind bereits zurückgestürzt in ein Elend, das wir überwunden glaubten. Auch hier, in Europa. Wer sich mit den Bedingungen in unseren Schlachthöfen auseinandersetzt, sollte Upton Sinclairs „Jungle“ („Der Dschungel“) lesen. Dann merkt er: Die Hoffnungslosigkeit, der Horror, den er ab 1905 beschrieb, und die wir überwunden glaubten, existieren heute wieder. Über die Arbeitsbedingungen in den Versandzentren großer Online-Verkäufer oder den Textilfabriken in Bangladesch denkt allerdings auch kaum einer nach, wenn er neue Gadgets oder T-Shirts ordert.

„Im weiten Weltall
Fühlt sich der Yankee heimisch,
Lebt er doch überall
Kühn seinem Handel.“

Madama Butterfly, Puccini, Dovunque al mondo (Beniamino Gigli)

In den 80ern ging das so richtig los. Shareholder-Value ist Trumpf, du musst schön sein, du musst schnell sein, du musst die richtigen Sachen tragen. Sonst kannst du dich nicht durchboxen zu deinem verdienten Platz ganz vorne. Wie es den anderen dabei ergeht, an denen du vorbeiziehst, die du beiseite schubst, die deine Ellbogen in den Rippen spüren – wen kümmert’s?

1990 brachte Chanel das Parfum „Egoiste“ auf den Markt. In den 70ern hätte sowas keiner kaufen wollen. In den 90ern wurde es Kult. Im Werbespot für die Version „Egoiste Platinum“ bekommt der narzisstische Schönling zwar einen Schwinger aufs Kinn. Aber nur von seinem eigenen Schatten. Beide Spots sind effektvoll untermalt von Prokofjews „Tanz der Ritter“ aus Romeo und Julia.

Den bösartigen Kern dieser selbstverliebten Wettbewerbsideologie und Konsumsucht legte Bret Easton Ellis in seinem Roman „American Psycho“ brutal offen (brillant verfilmt von Mary Herron mit Christian Bale).

Was in den 80ern, 90ern immer noch vielen unangenehm auffiel, wurde im Social-Media-Zeitalter dann zum Normalzustand.

„Die ganze Welt dreht sich um mich
Denn ich bin nur ein Egoist
Der Mensch, der mir am nächsten ist
Bin ich, ich bin ein Egoist“

Falco, Egoist

Wir merken den Wandel im Kleinen, im Alltag: Geblinkt wird nicht mehr. ICH weiß, wohin ich will, das reicht. An die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, wenn MEINE Karre schneller ist als der alte Smart da vorne? Da blende ich meine LED-Scheinwerfer voll auf und rück dem auf die Pelle, bis ihm der Angstschweiß ausbricht. Die Kartons zerkleinern, damit der Platz im Container für die Nachbarn reicht? Nö. Da breche ich auch zum 5. Mal den Deckel auf. Und wenn ich Lust darauf habe, dann lasse ich alle Nachbarn im Hof auch heute Abend wieder erst einen Liter krebserregenden Grillanzünder einatmen, räuchere ausgiebig meinen Billig-Halsgrat auf meinem 1600-Euro-Grill und überschreie dann mit meinen Kumpels noch ein paar Stunden meine Partymusik. Die wollen schlafen, weil sie morgen früh aufstehen müssen? Langweiler. YOLO!

All eyes on us, Will.i.am, Britney Spears

Perfekt geschminkt, toller Körper. An Klamotten, Urlaub und Besitz wird vorgezeigt, was gerade das Must-have ist. Und natürlich erlebt man nur die coolsten Sachen. Wer auf Instagram nicht ruckzuck frustriert ist, ist vermutlich gerade selbst damit beschäftigt, den angesagten Lebensstil vorzutäuschen. Auf Facebook oder in Telegram verschwinden die Verbitterten derweil in abgeschotteten Zirkeln, in denen sie sich gegenseitig bestätigen, dass sie den totalen Durchblick haben. Alle anderen sind verblendet, uninformiert, dumme Schafe.

„Freiheit, Freiheit“

Westernhagen

Wer in dieser Welt des erbarmungslosen Wettbewerbs nicht mehr mitkommt, will wenigstens über Geheimwissen verfügen. Freiheit ist dann nicht mehr die des anders Denkenden (Voltaire, Rosa Luxemburg), sondern die „Freiheit“, ohne Gegenrede, ohne Widerspruch zu leben. Denn die beschädigen das Allerheiligste: das Ego. Besonders die Abgehängten, jene, die nicht mithalten können im Rattenrennen, sind da empfindlich. Die Pandemie bietet nun eine hervorragende Gelegenheit, sich als Siegfried, der Drachentöter, zu inszenieren. Da erklärt man die mühsam errungenen Erkenntnisse der Wissenschaftler zur volksverdummenden Lüge. Denn ein Typ auf Youtube hat ja „bewiesen“, dass das alles ne Verschwörung ist. Alles Lüge! Aber ohne den federleichten Witz von Rio Reiser. Die meinen das leider todernst. Und sind auch nicht mit den klarsten Argumenten zu überzeugen. Denn ihr ganzes Selbstvertrauen basiert auf dem Rechthaben.

Oh! wie will ich triumphieren!
Wenn sie euch zum Richtplatz führen
Und die Hälse schnüren zu
… denn so hab ich vor euch Ruh

Die Entführung aus dem Serail, Mozart (Tobias Kehrer)

Dass ihre Freiheit da an Grenzen stößt, wo deren Entfaltung „die Rechte anderer verletzt“ (Grundgesetz, 2, 1) ist den selbsternannten Hütern der Verfassung egal. Dass sie das Recht von Kranken und Mitgliedern von Risikogruppen in Gefahr bringen („Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“, Grundgesetz, 2, 2) ebenso. Die Alten werden so oder so bald sterben. Und wer ein belastetes Familienmitglied hat, muss eben selbst aufpassen. Daran, dass das Virus auch sie selbst schwer erwischen kann, wollen sie keine Sekunde denken. Denn dann käme die fragile Sicherheit des ICH ins Wanken. Und das dürfen sie um keinen Preis zulassen.

Eine Maske schützt „nur“ die anderen. Und das ist schließlich irrelevant. Denn Solidarität ist für diese Leute ein Folterwerkzeug der Unfreiheit. Ihre Gehirne können die simple Tatsache nicht verarbeiten, dass sie nicht nur egoistische Individuen, sondern selbst ein Teil dieser „anderen“ sind.

So weigern sie sich, im Bus, Geschäft oder Sportstudio ihre Maske zu tragen. Kommen einem provozierend nahe, wenn man sie bittet, sich an die Regeln zu halten. Manchen geht es primär um ihre heilige Bequemlichkeit, sie kommen sich extra schlau vor, wenn sie ihre Maske unter die Nase ziehen. Andere spucken einem ihre Trottel-Weisheiten ins Gesicht. Und scheren sich einen Dreck darum, ob sie andere gefährden. Sie identifizieren sich mit dem strahlenden Heroen Siegfried – und sind doch höchstens wie Osmin. Oder wie Trump – der Prototyp des narzisstischen Egomanen.

Immer mehr seiner Fans erleben die unerbittliche Corona-Realität allerdings inzwischen so nah und so brutal, dass sie nicht mehr bereit sind, ihrem Führer überallhin zu folgen. Sie merken: Der Kaiser ist nackt. Der Zauberer ist ein Betrüger. Und so schlurft der „Stable Genius“ ohne Schlips und mit zerknülltem „MAGA“-Hut nach seiner misslungenen Show ins Weiße Haus. Ein einsamer, jämmerlicher Egoist.

The party’s over
It’s time to call it a day
They’ve burst your pretty balloon
And taken the moon away
It’s time to wind up the masquerade
Just make your mind up: The piper must be paid.

Nat King Cole

Nachsatz. Kurz habe ich mit dem Gedanken gespielt, den Text optimistisch ausklingen zu lassen. Irgendwas in die Richtung: Die Krise kann ein Umdenken auslösen. Die Menschen könnten was draus lernen. Aber … machen wir uns doch nichts vor

Gabriele Lange, 06. Juli 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Frau Lange hört zu (16): Allegro con brio! Alles (k)eine Frage des Alters…

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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie (hoffentlich bald wieder) etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

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