Frau Lange hört zu (18): Kassandra und die selbstsicheren Dummköpfe

Frau Lange hört zu (18): Kassandra und die selbstsicheren Dummköpfe

Juhu. Corona ist besiegt. Jedenfalls bei uns. Also wieder rein ins Vergnügen. USA, Brasilien, Türkei … Tönnies? Was da passiert, hat doch nichts mit uns zu tun! Einfach die Nachrichten und diese nervenden Kassandras ignorieren. Und so ziehen die Trojaner fröhlich die Masken aus – ähm – das Holzpferd in die Stadt. Eine Polemik über die Selbstgefälligkeit der Inkompetenz. Natürlich mit Musik.

von Gabriele Lange

Als Galileo darauf bestand, dass sich die Erde um die Sonne dreht, setzten Priester und Dummköpfe alles daran, diese Erkenntnis zu unterdrücken, sperrten das Genie ein und demütigten ihn.

Philipp Glass, Galileo Galilei

Als Ignaz Semmelweis ab 1847 versuchte, andere Ärzte davon zu überzeugen, sich zwischen Leichensezieren und Geburtshilfe die Hände zu waschen, um zu vermeiden, die werdenden Mütter zu infizieren, bezeichneten seine Kollegen diese Ideen selbstsicher als „spekulativen Unfug“. Nach langem Widerstand griffen sie dann doch zu Wasser und Seife. Doch da war Semmelweis schon an Depressionen erkrankt und unter unwürdigen Umständen in einer psychiatrischen Klinik gestorben (über ihn gibt‘s eine Oper).

In der Wissenschaft setzt sich die Wahrheit irgendwann durch. Es dauert halt manchmal einige Zeit. Hätte man früher auf Semmelweis gehört, wäre vielen, vielen Frauen der Tod im Kindbett erspart geblieben.

Am Anfang der Pandemie hieß es: „Otto Normalverbraucher braucht sich keine Maske aufzusetzen“. Das war dadurch begründet, dass man befürchtete, dass Masken die Menschen sorglos machen würden. Man wusste einfach noch nicht genug über die Verbreitung des Coronavirus. Und: Es gab schlicht nicht genug Masken. Was vorhanden war, wurde dringendst für das medizinische Personal benötigt. Inzwischen weiß man mehr. In Asien – und in der deutschen Stadt Jena – setzte man frühzeitig auf Masken. Erfolgreich – hier gab es deutlich weniger Infektionen als anderswo.

„Ich glaube nicht, dass derselbe Gott, der uns Sinne, Vernunft und Verstand gab, uns ihren Gebrauch verbieten wollte.“

Galileo Galilei

Was macht Wissenschaft aus? Man forscht, scheitert, lernt dazu, denkt um, erntet Widerspruch, kommt ans (Zwischen-)Ziel – oder beginnt wenn nötig von vorn. Lars Fischer, ein großartiger Wissenschaftsjournalist, hat mal geschrieben: „Wenn man beim Recherchieren nicht ein, zweimal seine Ansicht ändert, recherchiert man möglicherweise schlecht.“ Eine solche Haltung erfordert Selbstbeherrschung und weise Demut.

Es ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig, eigene Erkenntnisse laufend zu hinterfragen, sich von anderen kritisieren zu lassen – und sich selbst öffentlich zu korrigieren. Für seriöse Wissenschaftler ist das gelebte Normalität. Allerdings gibt es auch welche, die stellen ihr Ego über ihren Beruf. Auch Ärzte sind nicht vor dieser Versuchung gefeit. Dann wird es gefährlich. Denn beim bildungsfernen oder denkfaulen Publikum kommen vor allem jene gut an, die simple Lösungen anbieten, die jene Antworten geben, die man gerne hören will. Eine große Gruppe verwechselt die Suche nach Erkenntnis mit einem Wettkampf, in dem es um den schnellen Sieg geht. Nicht um eine mühselige Annäherung an die Wahrheit. Die Dummen jubeln derweil lieber einem wie Escamillo zu, der nie an sich zweifelt.

„Oui, les toreros peuvent s’entendre;
Pour plaisirs, ils ont les combats!“

Georges Bizet, Carmen

Virologen und Epidemiologen stehen unter extremem Druck. Denn die Zahl der Toten steigt weltweit. Dort wo Einschränkungen aufrechterhalten werden müssen, erlebt die Wirtschaft deutliche Einbußen – die Politiker verlangen rasche Antworten von ihren Beratern. Manche von ihnen versuchen auch, sich mit Hilfe von PR-Profis und geltungssüchtigen Forschern zu profilieren.

Wer sachlich und ernsthaft seine Arbeit macht, erlebt derzeit bösartige Kampagnen auf Hetze spezialisierter Publikationen und üble Beleidigungen, ja Morddrohungen selbstgewisser Deppen. Die disziplinierte Mai Thi Nguyen-Kim hat kürzlich die Komikerin Carolin Kebekus gebeten, das auszudrücken, was sie und andere Wissenschaftler dabei fühlen. Sehenswert. Seriösen Journalisten geht es übrigens oft ähnlich: Da recherchiert man sorgfältig, um die Leser verlässlich zu informieren – und dann findet einer irgendeinen Link auf Youtube, sieht was bei Sputnik oder hört was beim Friseur. Und hält sich nun für berufen, einem zu erklären, dass man Fakenews verbreite.

„Erst wir ham’s Leben völlig umgestellt
– Das war sehr leicht, wir ham‘ uns nämlich dumm gestellt –
Die Fragen ignorier’n wir
Die Antworten soufflier’n wir“

Georg Kreisler, Anders als die andern

Wo Maßnahmen gewirkt haben, herrscht Wunschdenken: Die Leute haben keine Lust mehr auf die Krise – und sie wollen das Präventionsparadox nicht begreifen. Was ist das? Ganz einfach: Monatelang Sex. Keine Schwangerschaft. Super. Dann können wir das Kondom, die Pille doch weglassen. Ist ja bisher immer gut gegangen. Klingt bescheuert? Ist es auch. Genauso bescheuert, wie der Typ, der im Zug keine Maske aufsetzt. Wie die Frau, die an der Wursttheke erst stundenlang diskutiert, bevor sie das Ding über die Nase zieht. Wie die Freundin, die meint: „WIR können doch ohne den blöden Stoff…“

Als ob es Viren interessiert, wie lange man sich kennt. Oder wie prominent man ist. Anna Netrebko findet Einschränkungen blöd. Im Mai forderte sie auf Instagram: „#stopstupidrules #brackequarantine“. Offensichtlich hat sie nicht nur Probleme mit der englischen Rechtschreibung, sondern auch mit der Logik. Die Regeln sollen sie – und uns – schützen. Sie hat das Recht, davon genervt zu sein. Nur: Mit Viren kann man nicht diskutieren. Die nutzen schlicht jede Chance, die man ihnen gibt. Ist ihr offenbar egal. Sie macht Urlaub in der Türkei – trotz hoher Reisewarnstufe. Nach ihrem Instagram-Profil war sie dort auch ohne Maske in Geschäften unterwegs (ihr Profil war am 19.7. nicht mehr erreichbar. Offensichtlich gab es etwas Gegenwind und sie hat es abgeschaltet…) Sie spazierte am Tag nach der Rückreise bereits durch Wien. Obwohl üblicherweise zwei Wochen Selbstisolation verlangt sind. Ein Abstrich am Flughafen genügt ihr. Von Inkubationszeit hat sie wohl noch nie gehört.

„Als der Zirkus in Flammen stand
Ist auch ein Vogel Strauß verbrannt
Denn der gute Vogel tauchte
Während sein Hinterteil schon rauchte
Seinen Kopf standhaft in den Sand!“

Georg Kreisler, interpretiert von Tim Fischer

Riccardo Muti scheint auch kein Freund von Masken zu sein. Er behauptet, man bekäme darunter zu wenig Sauerstoff, rät davon ab, sie zu tragen – und nimmt sie ab, wenn alle anderen sie aufbehalten. Das dürften Ärzte und Pfleger interessant finden, die oft länger als 10 Stunden anspruchsvolle Arbeit mit ordentlich aufgesetzter Maske leisten. Wie nur, wie … schafft ein Chirurg dann etwa eine hochkomplexe mehrstündige Herzoperation, ohne aus Sauerstoffmangel die falschen Gefäße zusammenzunähen? Wie halten maskierte Arbeiter Jahr um Jahr in der Lebensmittelherstellung und in den Reinräumen der Pharma- und Chipproduktion aus? Ganz einfach: Die Behauptung ist Unfug.

Wer darauf hinweist, dass die Pandemie erst im Anfangsstadium ist, dass sie weltweit immer mehr Menschenleben fordert – und dass wir gemeinsam daran arbeiten müssen, das Maß an Kontrolle zu erhalten, das wir hier mühsam erreicht haben, der darf sich als Kassandra beschimpfen lassen. Tja. Von Mythologie haben Dummkopfe leider auch keine Ahnung. Sonst wüssten sie: Nicht Kassandra lag falsch. Sondern die Trojaner, die den vermeintlichen Abzug der Griechen bejubelten und das Holzpferd fröhlich hinter ihre dicken Mauern zogen.

„Unglück! in Wahnsinn und Trunkenheit
Die Menge verlässt die Mauern und Priamos führt sie an!
Unglücklicher König! in der ewigen Nacht, …
Du hörst mir nicht zu, du willst nichts verstehen, …
Irreführende Zeichen! Tückische Ruhe!
Der Tod schwebt bereits in der Luft“

Hector Berlioz, Les Troyens, Jessye Norman

Kassandra hätte auf Maskenpflicht bestanden. Sie würde heute an Sorglosigkeit und Dummheit verzweifeln.

Das Tragische aber ist: Je weniger intelligent beziehungsweise kompetent jemand ist, desto selbstsicherer tritt er (sie) üblicherweise auf. Denn das Komfortable an der Dummheit ist: Sie erkennt sich nicht selbst. Dazu fehlen ihr die Werkzeuge und das Wissen. Je weniger jemand weiß, desto mehr neigt er dazu, sich zu überschätzen – das haben die Psychologen Justin Kruger und David Dunning vor 20 Jahren herausgefunden.

Frustrierte Forscher machten sich über den Stress mit diesen Menschen 2017 bei der Verleihung des satirischen IG-Nobelpreises mit der „Incompetence Opera“ Luft. Zur Melodie von Puccinis „Nessun Dorma“ sang der Tenor Ray Bauwens begleitet von einem Wissenschaftler-Chor den „Dunning-Kruger-Song“:

„Some people’s own incompetence
Somehow gives them a stupid sense
that anything that they do
is first rate.
They know it’s great.
But… No, it’s not.“

Vor der Zeit von Social Media fehlte vielen Dummköpfen die Bühne. Wenn der Sepp am Stammtisch behauptete, die Erde sei flach, hieß es: „Jetzt hod er wieda oa Mass zvui drunga!“ (Übersetzt: Sepp ist besoffen.) Und erzählte die Liesel, dass sie die negative graue Aura vom Bürgermeister ganz deutlich sehen könne, erntete sie ein: „Joo… mei.“ Jetzt gehen die auf Facebook und finden Tausende Gleichgesinnte. Die bestärken sich gegenseitig in ihrem Wahn. Und fühlen sich als unterdrückte Wissende.

Dass ein Mann, der im Innenministerium arbeitet, in seiner Freizeit ein Pamphlet zum Thema Corona verfasst hat, sagt nichts über seine Qualifikation, nur viel über sein Geltungsbedürfnis. Der Mann besitzt übrigens keinerlei medizinische Sachkunde. Aber fein: Man nimmt mit, was man hören und glauben will.

Ein Sucharit Bhakdi stellt erst in Youtube-Videos unbelegte Behauptungen auf. Das wird in den üblichen Filterblasen geteilt, erntet viele Klicks – also wirft er rasch ein Buch auf den Markt. Die PR-Strategie schlägt ein. Weil das Werk nun die Bestsellerliste anführt, gibt es einen Rückkopplungseffekt: Naive Leute halten Bhakdi nun für besonders glaubwürdig. Einspruch: Dass ein Buch ein Spiegel-Bestseller ist, heißt genau das: Es wurde oft verkauft. Es sagt nichts darüber aus, ob es inhaltlich Substanz besitzt.

Richtig lustig wird es, wenn fremdsprachige Videos geteilt werden, weil da angeblich bestätigt wird, was man zu wissen glaubt. Etwa der Clip eines „Sgarbi Scatenato“, der das italienische Parlament als Forum nutzt, um die Zahl der Coronaopfer im Land abzuleugnen. Das finden die Angehörigen der inzwischen rund 35.000 Toten in Italien sicher besonders einfühlsam. Ebenso die Ärzte und Pfleger, die sich kaputtgearbeitet und die eigene Infektion riskiert haben, um Leben zu retten. Merke: Nur weil der Typ im Parlament sitzt, muss er nicht alle Tassen im Schrank haben (ich könnte da auch einige Figuren aus dem Bundestag anführen…) Übrigens: Wer diesen Stuss teilt, sollte wenigstens wissen, wie der Herr heißt. „Sgarbi Scatenato“ heißt „tobender Sgarbi“. Der Name des Eiferers lautet Vittorio Sgarbi…

Wer den einen Quatsch glaubt, ist bereit, auch andere unsinnige Stories für bare Münze zu nehmen. Der steht auch bald in Austausch mit anderen Gläubigen. Und die schaukeln sich gegenseitig hoch. Da braut sich ein Mob zusammen aus Masken- und Impfverweigerern, die zugleich oft rechtsradikal, rassistisch, antisemitisch sind. Mit Geraune und Lügen versorgt werden diese immer gefährlicheren Trottelbrigaden nicht nur von selbstverliebten Märchenerzählern, sondern von skrupellosen Geschäftemachern, die durch die vielen Klicks auf ihre Sensationspostings Werbeeinnahmen generieren – und durch politische Akteure, die das klare Ziel haben, Demokratien durch Verwirrung, Fehlinformationen und schädliche Gerüchte zu zerstören. Die Schnittmenge aus jenen, die lieber Märchen glauben, als ihr Gehirn zu benutzen, und Leuten, die „starke“ Männer anhimmeln, ist ohnehin groß.

Dunning Kruger Blues – Corona Edition 2020, Tommy Krappweis

Vielleicht ist es ja auch kein Virus? Da hat doch jemand erzählt, dass an diesem „5G“ schon Vögel und Bienen sterben! Strahlung ist per se böse. Da ist bestimmt was dran. In Italien gibt es mehr 5G-Masten als bei uns. In Italien gab es mehr Corona-Tote. Super. Einfach weit weg von 5G-Masten, und ich muss keine Maske aufsetzen.

Wer das kaufte, kauft auch: Der Storch bringt die Babys. Weil: Auf dem Land gibt es mehr Störche. Und mehr Geburten. Alles klar? Nein. Die Welt ist komplizierter. Zum Beispiel ziehen Leute aufs Land, wenn sie Kinder haben wollen, weil sie da mehr Platz haben als in der Stadt…

Leute, die sowas verbreiten, würde ich gern mal fragen, was sie eigentlich unter „5G“ verstehen. Die Antworten wären vermutlich amüsant. Übrigens finde ich es auch urkomisch, wenn sich jemand vor 5G fürchtet, der seine Verschwörervideos auf dem Handy guckt. Und laufend mit dem Flugzeug fliegt. Da wird er nämlich mit jeder Menge Strahlung bombardiert und geht echte Gesundheitsrisiken ein. (Ja, im Zusammenhang mit dem Mobilfunkstandard gibt es Probleme, die diskutiert werden müssen. Die haben nichts mit Covid-19 zu tun…)

Aber das Dunning-Kruger-Selbstbewusstsein lässt sich so schnell nicht brechen. Da gibt es doch einen „Bio-Physiker“ namens Dieter Broers. Der sagt das auch. Jupps. Der hat übrigens 2012 den Untergang gemäß Maya-Kalender vorhergesagt. Oder einen Bewusstseinssprung. So genau wusste er das nicht. Aber ein „Synchronisationsstrahl“ aus dem Weltall werde uns treffen. Und mit russischen Sehern hat er auch gesprochen…

Himmelherrgott. Wenn alles wahr ist, was irgendein Kerl im Internet erzählt, dann war die Mondlandung eine Hollywood-Inszenierung, Chemtrails sind real und Bill Gates will uns alle chippen.

Let me entertain you, Robbie Williams

Robbie Williams glaubt das wohl inzwischen alles. Und noch mehr. Lustig? So lange, bis man darüber nachdenkt, wie viele Fans dem abnehmen, was er verzapft.

Das Tragische ist: Leute, die solchen Unsinn verbreiten, sind nicht per se dumm oder bösartig. Sie verfügen oft über eine gewisse Bildung. Nur ist die halt leider einseitig. Ja. Unsere Welt ist kompliziert geworden. Und nicht jeder kann gleichzeitig umfassend über künstliche Intelligenz, Wagner-Opern, Gentechnik, Social Media, Literatur, internationale Krisenherde, Biodiversität und Elektromobilität informiert sein. Nicht mal Ärzte haben wirklich Ahnung von anderen Fachgebieten (ich erinnere nur an die Lungenärzte mit Rechenschwäche). Aber gerade wenn man sich intensiv in ein Thema eingearbeitet hat, sollte man (verdammt noch mal) Respekt davor haben, dass das in anderen Bereichen ebenfalls eine Menge Arbeit ist. Und sich nicht nach zwei Videos und ein paar Hörensagen-Geschichten berechtigt fühlen, Experten ihren Job zu erklären.

„Die Natur ist unerbittlich und unveränderlich, und es ist ihr gleichgültig, ob die verborgenen Gründe und Arten ihres Handelns dem Menschen verständlich sind oder nicht.“

Galileo Galilei

Forscher, Ärzte, Krankenpfleger und die Verantwortungsvollen unter unseren Politikern möchten in dieser noch sehr lange ernsthaft bedrohlichen Lage Leben schützen. Auch die Leben der Maskenverweigerer und Verschwörungsmythenweitererzähler. Obwohl ihnen das manchmal echt schwer fallen dürfte. Ich bewundere diese Leute für ihre harte Arbeit. Und ihre offenkundig stählernen Nerven. Ich hätte sie nicht.

Mir geht es eher wie Xerxes.

Crude furie …! Händel, Serse, Valer Sabadus

Gabriele Lange, 21. Juli 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Frau Lange hört zu (17): Denn ich bin nur ein Egoist …

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Frau Lange hört zu (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Hauters Hauspost (c) erscheint jeden Donnerstag.
Sophies Welt (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Lieses Klassikwelt (c) erscheint jeden Freitag.
Der Schlauberger (c) erscheint jeden Samstag
Spelzhaus Spezial (c) erscheint jeden zweiten Samstag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Aktuell schreibt sie auch über Themen wie Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz. Musikalisch mag sie sich ebenfalls nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie (hoffentlich bald wieder) etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

6 Gedanken zu „Frau Lange hört zu (18): Kassandra und die selbstsicheren Dummköpfe“

  1. Geschätzte Frau Kollegin!
    Hut ab vor Ihrem wie gewohnt blendenden Beitrag mit den umsichtig ausgesuchten Videos! Nur der Ausdruck „Dummköpfe“ erscheint mir etwas zu hart und zu streng. Carl Friedrich von Weizsäcker meint, dass der mühevolle Fortschritt zu einer immer klareren Weltsicht immer mit Phasen des Unbehagens und der Krisen begleitet wird. So war das heliozentrische System Galileis zu der damaligen Zeit noch eine Theorie und keine gesicherte Erkenntnis. Selbst Kepler hatte trotz der Messergebnisse lange Zeit mit sich ringen müssen das Idealbild der kreisförmigen Planetenbahnen zugunsten der elliptischen Bahnen aufzugeben.
    Mit besten Grüßen,
    Lothar Schweitzer

    1. Geschätzter, lieber Herr Schweitzer,
      Danke! Und: Sie haben recht: Zu Galileis Zeiten hatten die Menschen es deutlich schwerer, diese extreme Erschütterung ihres Weltbilds zu verkraften und zu akzeptieren. Heute haben wir Zugang zu jeder Art von Information. Das ist für viele … zu viel. Streng bin ich allerdings mit Menschen, die eine gute formale Bildung genossen haben. Wer Abitur oder gar einen Studienabschluss hat, sollte die Werkzeuge benutzen, die man ihm / ihr in die Hand gegeben hat. Und nicht einfach irgendwelchen Märchenerzählern glauben…
      Beste Grüße,
      Gabi Lange

  2. Liebe Frau Lange,

    Sie scheinen erbost, wie einige in der aktuellen Situation handeln. Corona stößt viele, wenn nicht alle, vor den Kopf. Jeder reagiert anders. Die einen verkriechen sich, aus Angst um ihr Leben und ihre Gesundheit. Andere provozieren bewusst, relativieren vieles. Und wiederum andere nehmen die Situation gelassen. Zu denen zähle ich mich selbst.

    Wieso? Weil es nichts bringt, sich vor lauter Sorge den Tag vermiesen zu lassen. Ich trau es mich kaum zu sagen, sollten wir doch ein gewisses Basiswissen besitzen oder erlangen, vor allem in Bezug auf das tagespolitische Geschehen. Doch mein Medienkonsum hat sich seit der Corona-Pandemie auf ein Minimum reduziert. Ich habe keine Lust, mich wahnsinnig machen zu lassen. Anfangs bin ich auf den Zug der Hysterie aufgesprungen. Bin in Panik in den Supermarkt gelaufen, habe mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt. Mittlerweile nehme ich das sehr gelassen.

    Ich halte mich an die Regeln, folge den Vorgaben der Politik. Als emphatischer Mensch nehme ich natürlich Rücksicht auf die anderen. Aber das war’s dann schon. Es gibt schönere, wertvollere Dinge im Leben, als ständig in Sorge um sein Leben oder das der anderen zu sein. Irgendwann sterben wir alle. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Natürlich sollten wir das nicht bewusst provozieren. Ich glaube an eine Mischung aus Schicksal und Gesetz der Anziehung. Unsere Zeit zu gehen, ist vorbestimmt. Natürlich beeinflusst unsere Handlungsweise das Schicksal.

    Letztendlich bleibt mir nur zu sagen. Immer, wenn ich mit dem Tod konfrontiert werde, wenn ich Trost suche oder spenden möchte, schleichen sich Mozarts Worte in meinen Kopf. In einem Brief an seinen Vater, der erkrankt war, schreibt er:

    Mon tres cher Pere!

    da der Tod, genau zu nemmen, der wahre Endzweck unsers lebens ist, so habe ich mich seit ein Paar Jahren mit diesem wahren, besten freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes! und ich danke meinem gott, daß er mir das glück gegönnt hat mir die gelegenheit – sie verstehen mich – zu verschaffen, ihn als den schlüssel zu unserer wahren Glückseeligkeit kennen zu lernen.

    ich lege mich nie zu bette ohne zu bedenken, daß ich vielleicht – so Jung als ich bin – den andern Tag nicht mehr seyn werde – und es wird doch kein Mensch von allen die mich kennen sagn können daß ich im Umgange mürrisch oder traurig wäre – und für diese glückseeligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer und wünsche sie vom Herzen Jedem meiner Mitmenschen.”

    Wien, den 4. April 1787

    Jürgen Pathy

    1. Lieber Herr Pathy,
      wenn es nur die Verweigerer und mich selbst betreffen würde, wäre ich gelassener. Aber diese Leute gefährden durch ihr egoistisches Verhalten und ihre hysterische Ignoranz unzählige andere. Menschen, die sich nicht schützen können. Ein Blick in die USA oder nach Brasilien reicht, um einschätzen zu können, welche Folgen das haben wird. Und ich bin mit Überzeugung Journalistin. Das heißt: Ich recherchiere, prüfe, zweifle … und bin fassungslos, dass sich immer mehr Menschen mit formal guter Bildung auf so komplett irrationale Pfade verirren.

      Gabriele Lange

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.