Meine Lieblingsoper 24: Mozarts COSÌ FAN TUTTE

Meine Lieblingsoper 24: Mozarts COSÌ FAN TUTTE

von Peter Sommeregger

Hätte mir jemand in meiner frühen Stehplatz-Zeit an der Wiener Staatsoper prophezeit, Così fan tutte würde eines Tages zu meinen Lieblingsopern zählen, ich hätte ihn ausgelacht. Gerade erst hatte ich die Musikdramen Richard Wagners kennengelernt, schwelgte gleichzeitig in Strauss’schen Kantilenen. Mozart, nun ja, der gehörte natürlich irgendwie dazu, aber als einmal eine Walküren-Aufführung abgesagt werden musste und dafür Don Giovanni angesetzt wurde, war ich richtig verbittert.

Damals, in den 1960er-Jahren fanden noch Opernaufführungen im Redoutensaal der Wiener Hofburg statt. Es waren fast ausschließlich Mozart-Opern, die dort in stilisierten, sehr vereinfachten Inszenierungen gegeben wurden. Durch die gute Besetzung verführt ließ ich mich zum Besuch einer Così-Aufführung hinreißen. „Enttäuschung“ ist ein schwaches Wort für meine damaligen Empfindungen. Was sollte dieser naive Mummenschanz, diese völlig unlogischen Wendungen? Die Musik, sicher, die war schön, aber für mich musste es damals noch großes Seelendrama sein. Es hat lange gedauert, bis ich begriff, dass die Così vielleicht eines der größten Seelendramen ist, weil es den Menschen in seiner Schwäche und Verführbarkeit zeigt.

Mit meiner negativen Beurteilung dieser Oper stand ich, historisch gesehen, keineswegs allein. Selbst der historische Kritikerpapst Eduard Hanslick brach Ende des 19. Jahrhunderts in einem umfangreichen Essay den Stab über dieses Werk, das schon davor immer seltener auf den Spielplänen zu finden war. Während dieser Zeit der Spätromantik und danach war Frivolität auf der Bühne nicht angesagt. Allein schon das damalige Frauenbild hätte Charaktere wie Fiordiligi, Dorabella und Despina nicht akzeptiert. Dabei wurde ausgeblendet, dass Lorenzo Da Pontes Libretto angeblich sogar auf einer wahren Geschichte aus der gehobenen Wiener Gesellschaft basierte.

Erst bei näherer Beschäftigung mit der Handlung wird einem klar, dass die Unglaubwürdigkeit der Verwechslungskomödie die handelnden Personen gnadenlos entlarvt: Triebgesteuert agieren sie blind wie balzende Auerhähne und können nicht sehen, weil sie nicht sehen wollen. Der griechische Dirigent Teodor Currentzis hat es im Begleitheft zu seiner Einspielung der Così wunderbar auf den Punkt gebracht: „Innerhalb eines einzigen Tages stolpern Leute, die für ihre Geliebten sterben würden, durch eine lächerliche Maskerade und heiraten am Ende ihnen sehr vertraute wildfremde Menschen.“ Es ist nur konsequent, dass der Dirigent dieses Paradoxon deutlich in seine Interpretation einfließen lässt.

Dem äußeren Anschein nach gibt es für die beiden ursprünglichen Paare in der Oper ein Happy-End, aber in den letzten Jahrzehnten ist man doch dazu übergegangen, das Ende eher offen zu lassen. Das Maß an Vertrauensbruch und Ambivalenz der Gefühle, das jeder für sich erfahren hat, würde ein fröhliches Schwamm-drüber-Finale auch sehr unglaubwürdig machen. Hört man genau auf Mozarts Musik, scheint er der gleichen Meinung gewesen zu sein. Der Komponist, der in seinem kurzen Leben viel von der Welt und den Menschen gesehen und erfahren hat, wusste sicher genau, warum ihn dieses Libretto reizte. In das verkitschte Mozart-Bild des 19. Jahrhunderts passte es dagegen nicht.

In der langen Phase der Ablehnung dieses Meisterwerkes gab es Versuche, der Musik, deren Genialität man wenigstens nicht verkannte, ein anderes Libretto zu unterlegen. Für die Dresdner Hofoper bearbeitete der Sänger und Pädagoge Carl Scheidemantel die Oper und quetschte die Musik in Calderons Komödie „Die Dame Kobold“. Aber auch dieser Versuch hatte keinen nachhaltigen Erfolg. Eine behutsame Renaissance der Oper ist nicht zuletzt Richard Strauss zu danken, der sich als Dirigent intensiv mit Mozarts Musik auseinandersetzte.

© Wiener Staatsoper

Nach dem zweiten Weltkrieg war die Così, wie sie liebevoll genannt wird, schon wieder Teil des Kernrepertoires. Bei den Salzburger Festspielen feierten über die Jahre besonders das Schwestern-Duo Elisabeth Schwarzkopf und Christa Ludwig, in einer späteren Produktion Gundula Janowitz und Brigitte Fassbaender wahre Triumphe. Karl Böhm, dem diese Oper ein Herzensbedürfnis war, dirigierte beide Produktionen, die jüngere ist auch als Mitschnitt auf CD erschienen.

Elisabeth Schwarzkopf © Max Albert Wyss – Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern

In Wien hörte ich eine sehr gelungene Aufführung mit Janowitz/Fassbaender, in München später unter Sawallisch die unvergessliche Margaret Price und ebenfalls die Fassbaender. An der Komischen Oper Berlin gefiel mir sehr die etwas schräge Inszenierung Peter Konwitschnys mit Maria Bengtsson und der leider inzwischen verstorbenen Stella Doufexis.

Bei den zahlreichen Platten-Aufnahmen schätze ich die historische Einspielung Fritz Buschs aus dem Glyndebourne der Dreißiger-Jahre. Sie ist besonders reizvoll, weil Busch die beiden Schwestern vom Stimmtypus her austauscht. Er gibt die Fiordiligi der dunkleren Stimme, die Dorabella einem lyrischen Sopran. Es funktioniert! Unter den jüngeren Aufnahmen finde ich die Aufnahme von Currentzis wegen ihres dramatischen Ansatzes besonders geglückt, aber die Kataloge halten bei dieser Oper für jeden etwas bereit. Geradezu genial ist Jean-Pierre Ponelles letzter Opernfilm, hier begegnet man einer höchst virtuosen Edita Gruberová und einem hoch intelligenten und anspruchsvollen Regie-Konzept. Aktuell leidet auch diese Oper unter den Zumutungen aktualisierender Verunstaltungen, aber so machen’s (gottlob) nicht alle!

Peter Sommeregger, 4. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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