Meine Lieblingsoper 54: Engelbert Humperdinck – Hänsel und Gretel: Hokus pokus Hexenschuss

Meine Lieblingsoper 54: Engelbert Humperdinck – Hänsel und Gretel  klassik-begeistert.de

Warum eigentlich Weihnachten? Gingen die Kinder nicht Erdbeeren sammeln – und zwar im Wald, nicht im Gewächshaus? Das soll Weihnachten sein? Oder gab es während des Engelballetts etwa einen Zeitsprung? Jedes Jahr nimmt mich das und noch vieles mehr wunder in dieser wundersam vielfältig lesbaren Oper.

Fotos: (c) Bettina Stöß, Deutsche Oper Berlin

von Sandra Grohmann, Berlin

Meine Lieblingsoper? Ach herrje! Wer Oper liebt, wird häufig Lieblingsopern hören – gern auch jeden Abend eine andere. Je nach Stimmung, je nach Prägung. Apropos Prägung. Mit welcher Oper haben Sie denn angefangen? Und welche Opern haben Sie für Ihre Kinder ausgewählt?

Mir war es zum Beispiel sehr wichtig, das Frauenbild meiner Kinder nicht schon früh mit dem Leiden romantischer Heroinnen zu verderben. Für derartigen Unfug ist, finde ich, später im Leben immer noch genügend Zeit, und großartige Musik gibt es auch ohne weibliche Märtyrer. Daher war für mich immer glasklar, dass meine Kinder mit der selbstbewussten Susanna aufwachsen sollten. Jetzt sagen Sie nicht: Aber die Gräfin! Denn immerhin stirbt die Gräfin bei allem Liebeskummer nicht, und wenn Violetta jemand wie Susanna gehabt hätte (statt Annina), hätte sie auf den alten Germont vielleicht anders reagiert. Augen auf bei der Wahl des Personals, kann ich da nur sagen.

Wie auch immer. Der Figaro wurde dann doch nicht die erste Oper meiner Kinder, denn – wie hätte es anders sein können – als allererste Oper gab es einen meiner all-time-favourites, ein Stück, das viele Häuser trotz seines eigentlich gar nicht kindertauglichen Inhalts ganz ausdrücklich für die Kleinen und Allerkleinsten auf die Bretter bringen: Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck mit dem zauberhaften und zugleich sehr alltagsnahen, zuweilen verschmitzt-komischen Libretto von Humperdincks Schwester Adelheid Wette. Jeden Dezember steht es als unbedingtes Muss im Kalender, die Karten werden stets zu Saisonbeginn geordert, denn jede Aufführung ist im Nu ausverkauft.

Wer die Oper heuer live erleben will, der muss allerdings alle Familienmitglieder zusammentrommeln und dann zum Klavierauszug greifen. So absurd ist das nicht: Immerhin war „Hänsel und Gretel“ in einer Urfassung für häusliche Aufführungen gedacht. Das Stück lässt sich auch heute noch mit nur vier Mitwirkenden wirkungsvoll in Szene setzen: Hänsel/Sandmann, Gretel/Taumann, Mutter und Vater, von denen einer auch die Hexe übernimmt. Na? Mit den Proben lässt sich der Lockdown bis Weihnachten prächtig überbrücken, und gelegentliche schräge Töne machen nichts. Publikum ist schließlich nicht zu erwarten.

Warum eigentlich Weihnachten? Klar, immerhin das dritte Bild des zweiten Akts (oder der dritte Akt, je nach Lesart) dreht sich um das Lebkuchenhaus der Hexe Rosina Leckermaul. Und essen Sie Lebkuchen etwa im Juli? Eben. Selbst September ist mir noch zu früh. Allerdings – was haben wir miterlebt, bevor das Knusperhäuschen auftauchte? Gingen die Kinder nicht Erdbeeren sammeln – und zwar im Wald, nicht im Gewächshaus? Das soll Weihnachten sein? Oder gab es während des Engelballetts etwa einen Zeitsprung?

Jedes Jahr nimmt mich das und noch vieles mehr wunder in dieser wundersam vielfältig lesbaren Oper. Dass die Hexe, immer wieder einmal mit einem Tenor besetzt, als pädophiler Krimineller interpretiert werden kann, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Es hat drastische Inszenierungen gegeben. Auch die Idee der Doppelinszenierung (eine zauberische für die ganze Familie, eine Horrorversion mit Altersfreigabe ab 18) hat sich mancherorts durchgesetzt. Selbst dass es sich bei der Hexe um eine Seite der Mutter handeln könnte, hat sich herumgesprochen – praktischerweise spart es zudem eine Sängerin ein, wenn man beide Figuren mit demselben Mezzosopran oder Alt besetzt. Doch ist die Mutter wirklich die Böse?

Warum, auch das frage ich mich alle Jahre wieder, fallen wir eigentlich immer auf musikalisch dankbare Rollen herein? In Humperdincks / Wettes Hänsel und Gretel ist der Vater ein „ralalakelnder“ Trunkenbold, der das wenige Geld, das er mit den von Hänsel mehr schlecht als recht zusammengebundenen Besen verdient, zur Verzweiflung der Mutter sofort ins Wirtshaus trägt. Dass ausgerechnet er einen der eingängigsten, wie man wohl sagen darf, Schlager der an Ohrwürmern ohnehin reichen Oper singen darf („Hunger ist der beste Koch“, und ich sage Ihnen: das kann man beim Plätzchenbacken stundenlang vor sich hinsummen), darf gern als Illustration des Charismas gelten, mit dem ein verantwortungsloser Hallodri die Welt bezaubert. Hänsel bringt es auf den Punkt: Von dem schleimigen, wenn nicht zynischen „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand euch reicht“, das der Vater so gern predigt, wird man „nicht satt“. Selten ist für die Opernbühne so deutlich „Wasser predigen, Wein trinken“ auskomponiert worden. Ra-lalala.

Trotzdem ist es die sorgenzerfressene, strenge und ernste Mutter, die für meinen musikalischen Lieblingsmoment sorgt, und zwar mit ihrem eindrucksvollen Auftritt. Als sie (erster Akt, zweite Szene) nach Hause kommt, die Tür auffliegt und die übermütigen Kinder ihrer gewahr werden, stürzt das Orchester, das eben noch den Tanz mit übermütigen Sechzehnteln anstachelte, tonmalerisch in die herbe Welt der Erwachsenen ab. Es ist, als rasselten alle erschrocken ineinander und erstarrten einen kleinen Moment – halbe Note – der Rest sind Herzklopfen und Atemlosigkeit, vom Orchester hörbar gemacht.

Viel ließe sich noch sagen zu den Kindern, Sand- und Taumännchen, vierzehn Englein. Man erwarte keine Auflösung der Widersprüche. Die Stärke des Märchens, wie vielleicht überhaupt jedes Werks, liegt in den unlösbaren Fragen, die es aufwirft. Noch heute erwarte ich deshalb von jeder Inszenierung unbeirrbar, dass sie diese Vielschichtigkeit zeigt, ohne eine Antwort zu geben. Dass sie, bei aller Psychologie, ein Märchen auf die Bretter bringt und den Zauber des Sandmanns, des Abendgebetes, des wie aus dem Nichts auftauchenden Pfefferkuchenhauses versinnlicht, möglichst ohne in Klischees und Kitsch abzudriften. Doch, doch, das gibt es!

Mein eigener Klassiker ist die von Andreas Homoki stammende Version an der Deutschen Oper Berlin, und ich empfehle sie selbst Operngängern, die seinerzeit (wie ich) kein Fan davon waren, Homoki an der Komischen Oper Berlin auf Harry Kupfer folgen zu lassen. Seine Visualisierung von „Hänsel und Gretel“ aber hält sich nicht ohne Grund schon seit vielen Jahren. Die klare Bildsprache erschließt sich Kindern ebenso wie Erwachsenen sofort, und zwar jedem nach seinem Horizont: Wie das Grau des ersten zum Orange-Grün des zweiten Aktes wird; wie das Haus des ersten Aktes zum Wald des zweiten wird; wie die fürsorglichen, aber tapsigen Clowns im Abendgebet die Rolle der Engel übernehmen. Wie die Kinder streiten und spielen, wie die Stimmung umschlägt. Und auch der obligatorische Gruseleffekt beim Auftritt der Hexe ist herrlich gelungen – einer Hexe, die mit ihren überlangen Fingern, ihren turmhoch toupierten Haaren und ihrem ausgebildeten Buckel den Kindern schon im Vorspiel zum zweiten Akt heimlich durch den Wald folgt. Gänsehaut für die Kleinen und breites Grinsen bei den Großen sind vorprogrammiert.

„Hänsel und Gretel“: Immer wieder schön in der Deutschen Oper Berlin

Das mit dem Klavierauszug war übrigens ernst gemeint. Als Kulissen empfehlen sich Ihre Küche (erster Akt) und der Weihnachtsbaum (Wald, zweiter Akt) sowie das Lebkuchenhaus, das Sie in den nächsten Tagen vielleicht bauen. Wer indes nicht selbst singen und spielen möchte, greift zu einer der vielen mit herausragenden Stimmen besetzten Aufnahmen. Selbst die kleine Rolle des Sandmanns ist von Meisterinnen wie Kiri Te Kanawa veredelt worden, und Edita Gruberová ist nicht nur zur Mehrfachtäterin in Sachen Gretel geworden, sondern war sich auch nicht zu schade für das Taumännchen – in der Aufnahme von 1977 mit Brigitte Fassbaender (die das Werk später selbst inszenierte), Lucia Popp, Walter Berry und Anny Schlemm in den Hauptrollen der Familie Besenbinder und den alles kommentierenden Wiener Philharmonikern unter Solti. Meine eigene Kindheit begleitete die Staatskapelle Dresden unter Otmar Suitner. Eine Aufnahme empfehlen? Das kann ich nicht, so reich ist die Auswahl. Daher meine Empfehlung: Beim Streamingdienst reinhören und sich an der Auswahl freuen. Hokus pokus Hexenschuss.

Sandra Grohmann, 17. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Jonas Kaufmann, it’s Christmas!, der Tenor singt 42 Weihnachtslieder klassik-begeistert.de

Meine Lieblingsoper (53): „Tosca“ von Giacomo Puccini

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.