Rausch und ganz, ganz großes Hörer-Glück: Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker in der Elbphilharmonie

Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, Elbphilharmonie Hamburg, 21. Januar 2019

Foto: Daniel Dittus (c)
Elbphilharmonie Hamburg, 
21. Januar 2019
Münchner Philharmoniker
Valery Gergiev, Dirigent

Igor Strawinsky
Chant funèbre op. 5
Nikolai Rimski-Korsakow
Suite aus »Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija«
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43

von Sebastian Koik

Wenn die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev ein Konzert in der Elbphilharmonie geben, sind die Erwartungen hoch. Und sie werden vollkommen erfüllt – und mehr als das! Was in der zweiten Konzerthälfte passiert, ist eine Erfahrung, die eigentlich nicht in Worte zu fassen ist. Dennoch soll es hier versucht werden.

Beginnen wir von vorne. Im ersten Stück des Abends, Igor Strawinskys „Chant funèbre op. 5“, befindet sich der Hörer sehr schnell in musikalischen Welten äußerster Dramatik. Die Münchner Philharmoniker meistern enorme Dynamiksprünge, die Geigen und Bratschen spielen mit großer Schärfe. Es ist eine ungemein reife, kraftvolle, elegante, höchst souveräne und makellose Darbietung der Gäste aus dem Süden des Landes.

Das nächste Stück vom zweiten der drei russischen Komponisten des Programms ist eine Suite aus »Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija« von Nikolai Rimski-Korsakow. Zu Beginn ist die Musik luftig-leicht und herrlich ätherisch. Es ist Musik voller Licht und Leben. Die Musiker malen Bilder von Frieden, Idylle und heiler Welt in den Saal und die Herzen der Zuhörer – bis zu einem plötzlichen Eintreten von Gewalt und Krieg. Dann geht die Spannung ein klein wenig verloren, doch das Finale der Geschichte gelingt ebenso stark und mitreißend wie der Beginn.

Bis hierhin ist es wirklich ein beeindruckendes, fast makelloses Konzert. Doch was dann kommt, ist der reine Wahnsinn und eine Grenzerfahrung. Emotionale Sicherheitsgurte wären gefragt für die musikalische Reise an Grenzen des Seins mit Dmitri SchostakowitschsSinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43“. Vom Start weg ist enorme Dringlichkeit und Unmittelbarkeit in der Musik. Man hat in jedem Moment das Gefühl, dass es in jedem Moment um etwas ginge, ja, dass es geradezu in jedem Moment um ALLES ginge. Das Orchester spielt unter Gergiev mit großer Schärfe und unfassbarer Autorität: So und keinen Deut anders hat das alles zu sein. In Gergievs Deutung und der Ausführung der Musiker gibt es nicht das geringste Fragezeichen, alles ist Ausrufezeichen. Sowohl was die Komposition Schostakowitschs als auch was die Darbietung der Gäste betrifft, hat man das Gefühl, dass alles ganz genau so zu sein hat, wie man es hört. Die Musik ist im Moment des Geschehens Realität, es existieren keine Möglichkeiten daneben! Man ist mittendrin, statt nur irgendwie dabei.

Es hört sich an, als spielten die Musiker um ihr Leben. Die Münchner Philharmoniker unter Gergiev demonstrieren musikalische Perfektion und darüber hinaus eine geradezu übermenschliche Erfahrung. Im zweiten Satz kann man ein wenig durchatmen, doch dann werden der Saal und das Gemüt wieder extrem von Schostakowitschs Ideen attackiert, wie Peitschenschläge prasseln Streicher-Attacken auf das Publikum nieder.

Dann plötzlich weichere, friedlichere Celli, fröhlichere Flöten. Ganz stark sind die diversen Soli des jungen Ersten Fagottisten. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Und kaum je war Musik so anspruchsvoll und Konzentration fordernd. Das ganze extreme Geschehen kann man nicht wirklich fassen. Man wird damit konfrontiert , ohne dass man sich entziehen kann. Man wird förmlich von ihr überrollt.

Im Finale wird der Ritt noch wilder und fiebrig heiß. Wahnsinn füllt den Saal! Die Musik ist wie ein überwältigendes, alles verzehrendes Feuer, erschütternd – und ungemein beglückend. Es ist ein Rausch und ganz, ganz großes Hörer-Glück. Der geniale Komponist Schostakowitsch und sein kongenialer ausführender Partner in der Gegenwart Valery Gergiev führen in faszinierende Welten und Seins-Zustände. Das ist hochspannend, heiß, explosiv, faszinierend. Es fühlt sich gefährlich an – und ungemein lebendig. Beglückend. Für die Dauer dieser Sinfonie des Wahnsinns ist alles total. Diese Musik umfasst während ihrer Dauer ohne Ausnahme alles.

Ganz zum Schuss gibt es ein Verstummen und dann Stille. Sehr, sehr lange Stille. Eine kraftvolle, existentielle Stille.

Dann irgendwann blendet sich die Gegenwart der Normalität wieder ein, ein Teil der Stille wird zu einer ehrfürchtigen Stille. Ehrfurcht angesichts der Leistung des Komponisten Schostakowitsch und der begnadeten Musiker: Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker.

Jubel!

Sebastian Koik, 27. Januar 2019, für
klassik-begeistert.de

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