Der Universalkünstler Arik Brauer verlässt die Bühne

Nachruf auf den Maler, Musiker und Liedermacher Arik Brauer  klassik-begeistert.de

Der bedeutendste Maler des Phantastischen Realismus war auch Musiker und Liedermacher.

Arik Brauer in der Galerie Latal (Zürich 1991)
Foto: Monica Boirar (c) / wikipedia.de

von Dr. Charles E. Ritterband

Am Sonntag ist in Wien Arik Brauer im Alter von 92 Jahren verstorben – ein Universalkünstler im wahrsten Sinne des Wortes: Er galt als der bedeutendste Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, aber es gibt in meinem Wiener Freundeskreis doch einige, die seine Musik sogar noch höher schätzten als seine Malerei. Auch meine allererste Begegnung mit Arik war jene mit seinem Gesang – und erst in zweiter Linie mit seiner Malerei: Ein Wiener Bekannter schenkte mir damals ein sehr besonderes Vinyl-Schallplattenalbum. Schon dessen buntes, exotisches Cover faszinierte mich – für mich ein erstes, kleines Eingangstor in Arik Brauers Bilderwelt. Sehr eigenwillig und durchaus sehr politisch („dies ist ein beinhartes Protestlied“) in ihrer Aussage die Chansons, auf jenen Vinyl-Platten im Dialekt des populären Arbeiterviertels Ottakring: „Sie ham a Haus baut“ und „Hinter meiner, vorder meiner“ – die Aufnahmen brachten Arik zweimal die begehrte Goldene Schallplatte ein. Brauer, der sich nach dem Krieg kurz den österreichischen Kommunisten, der KPÖ zu- und sehr bald wieder enttäuscht von diesen abgewandt hatte, schrieb später seine Chansons in der „Sprache der Arbeiterklasse“, in der „die Poesie der Strasse“ verborgen sei.

Der österreichische Schriftsteller H.C. Artmann hatte ihn ermutigt („Buali, des muast mochn“ – Junge, das musst du machen) seine Dialektlieder zu veröffentlichen – mit überraschend großem Erfolg, den er selbst nicht erwartet hatte. Die Gesangskarriere Brauers erreichte in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt. Eigentlich hatte er sich selbst nie als Pop-Sänger gesehen, sondern immer als Maler. Dennoch wurde Arik Brauer zu einem der Gründer und Protagonisten des sogenannten Austropop, und zwar in dessen politischer Ausrichtung. Selbst nachdem er mit seiner Malerei Weltruf erlangt hatte, pflegte er weiter den Gesang: Im Jahr 2000 trat er mit seinen Töchtern und Timnas Partner und früherem Ehemann Elias Meiri unter dem Namen „Die Brauers“ auf.

Eine begnadete Familie

Erst viele Jahre nachdem ich jene Schallplatte geschenkt gekriegt hatte, sollte ich Arik Brauer persönlich begegnen. Wir besuchten zusammen an einem lauen Sommerabend einen typisch Wiener „Heurigen“ in einem Weindorf am Stadtrand. An seiner Seite die damals noch sehr jungen Töchter Timna und Ruth, die ihrerseits als Künstlerinnen Berühmtheit erlangen sollten. Timna ging den vom Vater musikalisch vorgezeichneten Weg weiter und wurde zu einer bedeutenden Chansonnière, die 1986 als österreichische Kandidatin mit „Die Zeit ist einsam“ für den Eurovision Song Contest angetreten war. Und Timnas Tochter Jasmin ist inzwischen selbst eine wunderbare Chanson-Sängerin, ihre Schwester Ruth hat erfolgreich die Laufbahn der Schauspielerin eingeschlagen – eine hochkarätige Künstlerfamilie.

Zehn Fragen an die österreichisch-israelische Chansonnière Timna Brauer klassik-begeistert.de

Arik Brauer war in erster Linie Maler, aber auch Sänger, Tänzer, Dichter und Bühnenbildner für die Wiener Staatsoper und das Theater an der Wien. Sein Stil ist einzigartig, seine Bilder erzählen mit einer unerschöpflichen Palette von wunderbaren Farben und Motiven Tausende von Geschichten, Mythen und Legenden, die oft die Bibel, aber immer wieder auch die persönliche Geschichte zum Thema hatten – so die Ermordung seines Vaters in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager, ein erschütterndes Gemälde. Man denkt vor seinen Gemälden an Pieter Breughel den Älteren und an orientalische Miniaturmalerei – die vielfältigen Einflüsse sind unverkennbar, aber Brauers Stil ist dennoch einzigartig. Arik Brauer hinterlässt nicht nur ein epochales Werk, sondern auch  ein kleines, von seinem stets heiteren Geist beseeltes Hausmuseum im sogenannten Cottageviertel in Wien-Döbling.

Abenteuerliches Leben – vielfältige Kunst

Am 4. Januar 1929 im Wiener Bezirk Ottakring als Sohn eines aus Litauen stammenden Schusters geboren – in eine Familie die sich zum „Roten Wien“ bekannte und die ihm den Weg zum „lebenslangen Antifaschismus“ wies. Die NS-Zeit überlebte er untergetaucht in einem Versteck. Bis 1951 studierte Arik Brauer an der Akademie der bildenden Künste in Wien und gründete unter anderem mit Ernst Fuchs und Rudolf Hausner die Wiener Schule des Phantastischen Realismus – zusätzlich absolvierte er eine Gesangsausbildung.

Mit dem Fahrrad reiste er durch Europa und Afrika, lebte dann als Sänger und Tänzer in Israel und heiratete Naomi Dahabani, eine Israelin jemenitischen Ursprungs. Er zog nach Paris und trat mit ihr als Gesangsduo „Neomi et Arik Bar-Or“ auf. 1964 kehrte er nach Wien zurück und gestaltete ein Haus als Gesamtkunstwerk in der Künstlersiedlung Ein Hod bei Haifa. Daneben wirkte er als Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste. An der Gumpendorfer Strasse gestaltete er, ähnlich wie sein Zeitgenosse Hundertwasser, ein Wohnhaus. Eine kleine Litographie, die mir Arik Brauer damals zum Heurigen mitgebracht hatte sowie die von ihm gestaltete und für mich persönlich signierte Pessach-Haggada ist eines der kostbarsten Erinnerungsstücke an den Künstler und Freund.

Der Autor Dr. Charles E. Ritterband und Arik Brauer im Privatmuseum.

Arik Brauers Bilder gehören seit Jahrzehnten zu den begehrtesten Gemälden auf dem Kunstmarkt, sie hängen in verschiedenen Museen und kürzlich hat das Jüdische Museum Wien seinem Leben und Werk eine große Ausstellung gewidmet. Die führenden Politiker Österreichs haben Arik Brauer gewürdigt; Bundeskanzler Kurz erklärte, er sei von dessen Tod „tief betroffen“. Bundespräsident Alexander Van der Bellen sagte, Brauers Bilder seien „zum festen Bestandteil unseres kollektiven Bewusstseins“ geworden. Bis an sein Lebensende blieb Arik Brauer bescheiden, liebenswürdig und persönlich – heiter, fit und quirlig. Er starb im Kreis seiner Familie – seine letzten Worte sind überliefert: „Es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht.“

Dr. Charles E. Ritterband, 26. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.