Drei Amerikaner, ein deutsches Orchester, ein französischer Pianist – und eine Hamburger Sturmflut

NDR Elbphilharmonie Orchester, Jean-Yves Thibaudet, Marin Alsop  Elbphilharmonie, Hamburg, 18. Februar 2022

Elbphilharmonie, Hamburg, 18. Februar 2022
Foto: Maxim Schulz ©

NDR Elbphilharmonie Orchester
Jean-Yves Thibaudet Klavier
Dirigentin Marin Alsop

Samuel Barber Second Essay for Orchestra op. 17

John Adams Fearful Symmetries für Orchester oder Kammerorchester

Leonard Bernstein
Sinfonie Nr. 2 für Klavier und Orchester »The Age of Anxiety«

von Harald N. Stazol

Als es meine schwarze, schwere Limousine fast hochhebt vor der Elbphilharmonie, Mademoiselle Sonntag hat mir ihren Wagen geschickt, nachdem meine Bürochefin schon angeordnet hat, dass ich auf jeden Fall mit einem Automobil „hin und zurück“ fahren solle, „sonst kannst Du die Story vergessen! Das ist der schwerste Sturm seit 30 Jahren!” Der Mercedes jedenfalls wackelt wie ein Schaukelpferd, ich will meiner schönen Begleiterin aus dem Fond helfen – allein, der Wind ist so stark, dass es mir zweimal nicht gelingt, die Tür zu öffnen, und Justin, der Fahrer, ruft nur über die gewaltig hereinströmenden Luftmassen, “Nein, mein Herr, Sie müssen warten”…

Nun flaut es ab, und der rettende Eingang ist ja schon in Sicht, schliesslich geht es um eine amerikanische Reise, “An American Journey”, da gilt es der Naturgewalt zu trotzen, Mademoiselle Sonntag unter die Kolonnaden zu ziehen – an eine Zigarette ist trotz Gasflamme des Schlüsselbund-Duponts nicht zu denken, Mrs. Simpson, meine zweite Begleiterin, kommt zu Fuß von der Stadthausbrücke, „ich musst mich am Geländer festhalten, und ich hatte mal ein Frisur…“ Nichts nun also, als die Rolltreppe hinan, denn ich denke: Die Elphi ist gerade der sicherste Ort in der Stadt, jedenfalls garantiert die Etagen des alten Kaispeichers, der ja gerade für so etwas ausgelegt ist, und ich möchte den Herren von Herzog & de Meuron nicht zu nahe treten – man fragt sich schon, ob es den ganzen Konzertsaal oben druff wegwehen könnte. Und das ist kein Witz, machen doch die geschwungenen Glastüren auf der ersten Ebene des Einlasses schon auf Orgelpfeifen und erzittern, während die Profis an der Pforte uns schnell und entschieden in Sicherheit nach oben lassen.

Dann völliger Wandel. Ruhe. Man langt an, taucht ein, geht die Treppen hinan, es ist, als sei man in einer anderen Welt, dem Orkan enthoben.

Doch nun hebt drinnen ein Tornado an, der sich mit Samuel Barber sanft ankündigt, sich über John Adams gewaltig aufstaut, bis Leonard Bernstein, die Halle erzittern lässt, aber wir greifen vor…

Georg Lukács hat die Kurzgeschichte als “amerikanische Erfindung” definiert, die durch die unvergleichliche Weite der Landschaft, deren Diversifizät von Alaska bis zum Grand Canyon oder Big Sur erstreckt, in denen Naturgewalten jederzeit überraschende Wendungen in der Erzählung verursachen können. Nun, wenn es über die bloße Nationalität der Komponisten hinausgeht, spannt sich ein lyrischer Brückenbogen, der vom Death Valley bis ins pulsierende New York führt – die Weite des Landes inspiriert alle drei Komponisten ja fast einer Epoche zu Weite in der Musik.

Als Samuel Barber sein “Adagio for Strings” an den großen Toscanini an die Carnegie Hall schickt, das Original der Partitur, hört er erstmal gar nichts aus New York, dann kommt das Papier kommentarlos zurück. Verzweifelt reist er dort hin, und verschafft sich Zugang zum Saal, in dem Toscanini probt – das “Adagio for Strings”. Er hatte schlicht vergessen, es dem jungen Komponisten zu sagen.

Heute Abend als Auftakt der “Second Essay for Orchestra, op. 17” – und da ist er wieder dieser sanfte Sensualist, der mich schon als Sechzehnjährigen mit eben dem “Adagio” auf einer CD der Deutschen Grammophon verzückte – und dem der “Appalachian Spring” von Aaron Copland beigefügt war, und der auch zu diesem Abend gut gepasst hätte – die leise Lebensfreude, flächig, manchmal melancholisch, gefällig, bar jeder Dissonanz, man gerät geradezu in eine Art Trancezustand, so unvergleichlich gut ist das NDR Elbphilharmonie Orchester an diesem Abend – und keinerlei Schwächen im Blech!

Es ist jetzt 20.30 Uhr. In diesem Moment fällt eine 30 Meter Buche fast auf meinen Lieblingskiosk am Siemersplatz. Meine Freundin, die junge Mutter, mein Zigarettenmädchen, wäre ruiniert gewesen. Draußen gibt es 900 Noteinsätze. Das Wasser steigt, der Orkan peitscht – und wir hier sind auf Amerikareise, die ganze Route 66 entlang.

Dem geradezu lyrischem Barber folgt John Adams, geboren 1947, meine persönliche Neuentdeckung, aber ich liebe ja auch das Violinkonzert von Philip Glass, dass ich in Berlin einmal mit Gidon Kremer hörte – beides Meister der Minimal Music.

Man muss sich die Anforderung an ein Orchester vergegenwärtigen, die diese sich über 25 Minuten hinstreckende, ewig gleiche Rhythmik bei genausten Tempi erfordert – die Geigen sind fast am Headbangen, um im Takt zu bleiben, da waltet schon fast eine symphonische Jam-Session, und mir erscheint das Werk wie ein ständiges Pulsen, ein rasendes Herz, das von Geschehnissen, Stimmungen und Zeitläuften schlägt und schlägt und schlägt, bis es leise erstirbt – wobei der Einsatz einer Hammond-Orgel dem eine Anmutung der Siebziger verleiht, das aber ja erst 1988, am 29. Oktober uraufgeführt wird, natürlich in New York.

Maestra Marin Alsop nun schon die ganze Zeit unerbittlich, sie hält alle zusammen, wie mit Peitschenhieben, bis zur Erschöpfung, unser Stadtorchester läuft gerade voll im Training, ja in Bestform “Iron Man”.

Pause. Natürlich sind die Balkone geschlossen, so dass sich eine geheime Davidoff verbietet, also schnell mit meinen beiden Grazien hinunter, der Crémant, allein, wie ich zu den Tickets kam? Nun, meine Pressekarte ist ein schierer Glücksfall, dann meldet sich am Vorabend mein treuer Konzertbegleiter, er hätte noch zwei, und Schwups, habe ich an jedem Arm “Eye Candy”. Amerika macht gute Laune. 

Da glaube ich schon, die Hochwasser-Kanone im Hafen zu hören.

Jean-Yves Thibaudet (c) wikipedia.de

Jean-Yves Thibaudet – wer sich den Namen noch nicht gemerkt hat, der sollte es jetzt tun. Da steuert in virtuosem Einklang die Ausnahmedirigentin den Ausnahmepianisten, mit ihrer linken Hand, dirigiert bis fast ans Gesicht, bestimmt aber 80 Zentimeter nah, ihren Thibaudet, was bei diesem Bernstein eine gut Maßnahme sein mag. Auch hier Lebensbejahung, das Genie spielt geradezu mit Stimmungen – und spätestens jetzt lösen sich in mir alle Anspannung der vorigen Wochen, und manch Erinnerung steigt empor und entschwindet auf ewig – ist doch der Zeitbegriff bei Bernstein auch schon wieder aufgehoben – „Age of Anxiety“, das Zeitalter der Angespanntheit, Beunruhigung, so ist ja der ganze Abend überschrieben, und an diesem 18.2.22, den ich nie vergessen werde – ein Titel, passend wie nie.

Einmal scheint “Maria, Maria” aus der “West Side Story” auf, aber ich mag mich irren. Zwei Harfen, ein weiterer kleiner Flügel, und man wird mitgenommen, auch einen “Maskenball”-Satz gibt es – stürmischer Applaus.

 Nun rase ich mit meinen Demoiselles zum Aufzug, denn ich denke, dass wir im Betonflur unten vor der Konzertkasse die Lage erst mal checken können – nichts schlimmer, als die Rolltreppen Hinabströmenden, die direkt in Windgeschwindigkeiten von 130km/h sich gegenseitig bedrängend ausgespuckt werden. Doch dazu kommt es glücklicherweise nicht.

Da ist der Wagen. 

Drei Amerikaner, ein deutsches Orchester, ein französischer Pianist – und eine Hamburger Sturmflut. 

Und die Elphi steht noch.

Harald N. Stazol, 22.2.22, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

NDR Elbphilharmonie Orchester, Kirill Gerstein, Alan Gilbert Elbphilharmonie, Hamburg, 12. Januar 2021

Die Elbphilharmonie in Hamburg ist 5 Jahre alt klassik-begeistert.de, 11. Januar 2022

 

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Elbphilharmonie, Hamburg, 18. Februar 2022“

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