5 Jahre Elbphilharmonie: Elysisch geradezu

NDR Elbphilharmonie Orchester, Kirill Gerstein, Alan Gilbert  Elbphilharmonie, Hamburg, 12. Januar 2021

Elbphilharmonie, Hamburg, 12. Januar 2021

NDR Elbphilharmonie Orchester

Anu Komsi Sopran
Piia Komsi Sopran
Kirill Gerstein Klavier
Dirigent Alan Gilbert

John Adams
Tromba lontana / Fanfare für Orchester
Short Ride in a Fast Machine / Fanfare für Orchester
Thomas Adès
Konzert für Klavier und Orchester
Esa-Pekka Salonen
Wing on Wing

Foto: Elbphilharmonie, Hamburg, © eberhardt-travel.de

von Harald N. Stazol

Nun stellt sich ernsthaft und dringend die Frage, ob der Komponist den Dirigenten noch überragt, vor allem, wenn es ein und derselbe ist – denn da ist sie, die Überraschung des Abends, hier, zum Jubiläumskonzert von 5 Jahren Elbphilharmonie, zu der zu bemerken ist, dass, obschon der Abendroben und der bodenlangen Kleidern am ersten Abend, der zweite gleichen Programmes der Erstrebenswertere war, weil ja die langweiligen Reden entfallen – kurzum: Es gilt, Esa-Pekka Salonen in den Rang eines Meisters der Neo-Moderne zu heben.

“Wie wird er wohl klingen”, fragen sich die Liebhaber während der Pause, hat uns doch schon John Adams begeistert, offenbar wiederum ein Liebling des Dirigenten Alan Gilbert, war er doch schon beim Silvesterkonzert prominenter Notist mit seinen “Chairmen Dances” – nun also zwei Trompeter, rechts und links in den Rängen, diesen welteinzigartigen Klangraum erfüllend, im sich steigernden, Vivaldi-haften Echo, sich gegeneinander die “Zwei Fanfaren für Orchester” gebend, während unten, geschätzte 30 Meter entfernt, unsere wunderbare Stadt- und Staatskapelle, das NDR Elbphilharmonie Orchester, sich langsam zu Weltrang entwickelt. 

Selbst die Dissonanzen sitzen, sogar beim Klavierkonzert Thomas Adès’, das man ein wenig als das b-moll von Tschaikowski durch den Fleischwolf gedreht hören mag – blutig, aber frisch. “Könnt ihr noch?” fragt ein besorgter Schwiegersohn eine Reihe hinter dem Rezensenten seinen Oheim nebst Gattin, die ein wenig erschöpft nicken, hat doch die Grande Dame meines Hauses – sie selbst beim Festakt gestern, man gewann in der Lotterie – am Nachmittage schon vor der schieren Lautstärke gewarnt, “man ist danach so aufgeregt”… und wahrlich, das ist man.

Festkonzert, Elbphilharmonie, Hamburg: (c) Daniel Dittus

Adès scheint zur Zeit einer der Meistgespielten, und man verzeiht ihm den ersten, und seien wir ehrlich, auch den ungestüm-ungeordneten dritten Satz, für das Andante Gravemente des zweiten, der einem sehnsuchtsvollen Ächzen, dem Ohr äußerst einfühlsam, einer Ode an eine verlorengeglaubte Liebe ähnelt – tatsächlich entflieht der Geist nun in Erinnerungen, die wie in einer musikalischen Psychotherapie geradezu gelöst gen die weitgeschwungene Decke schweben –, aber dann wird man des kleinen Muttermals an der linken Wange des Xylophonisten gewahr (Gott lobe das Zeiss-Glas, vom Pferderennen etwas zweckentfremdet), und man begreift, dass dies ein ganzes Orchester voller glänzender Solisten ist.

Was bleibt denn auch übrig, bei diesen diffizilen Kompositionen, und es wirkt, als wollten sie alle ihr Äußerstes geben, nun am zweiten Abend – und jetzt haben sie das Programm auch voll drauf, weiterer Vorteil der deckungsgleichen zweiten Session. Da kann man getrost auf die Abendroben verzichten, obwohl man sie sich manches Mal geradezu herbeiwünscht, aber das steht auf einem anderen (Noten)-Blatt.

Alan Gilbert (c) Peter Hundert

Wenn man ehrlich ist, springt man ja bei jedem Stück an diesem Abend ins kalte Wasser, auch wenn mein Begleiter “die erste John Adams CD 1980” gekauft hat, ich sagte ja schon, meine persönliche Neuentdeckung, schmissig und schick, das Klavierkonzert eher ein Wechselbad der Harmonien, aber nun: der Finne.

Was heisst hier, der Finne? Die FinnInnen! Zwillingsschwestern, Anu und Piia Komsi, beide Sopranistinnen, in roter Robe und glitzernden Ohrgehängen, rechts und links der weitläufigen Bühne, die dem “Wing on Wing” des Esa-Pekka Salonen nun wirklich Flügel verleihen, ja, sich der Verdacht aufdrängt, der komponierende Dirigent, vielmehr, der dirigierende Komponist, habe das Werk auf diese beiden Offenbarungen von sanften Sirenen hingeschrieben.

Da entfaltet sich vor Sibelius’schen, flächigem Grunde eine Suite, die einen “aufgeregt” zurücklässt.

Elysisch geradezu.

Harald N. Stazol, 13. Januar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die Elbphilharmonie in Hamburg ist 5 Jahre alt klassik-begeistert.de, 11. Januar 2022

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.