Die Schöne ist erwacht

Foto: André Josselin: Lisa Batiashvili
Elbphilharmonie, 2. September 2020
NDR Elbphilharmonie Orchester
Lisa Batiashvili Violine
Dirigent Alan Gilbert

Sergej Prokofjew Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19
Johannes Brahms Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68

Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

von Harald N. Stazol

Wenn die Nachbarin, die Grande Dame des Hauses, ganz aufgeregt schon um 8 Uhr morgens atemlos fragt: „Wie war es denn gestern in der Elbphilharmonie?“ – kann man treppauf nur ebenso atemlos antworten: „Epochal! Ravissant! Incredible!“ – und ganz gegen landläufige Meinung neigt der Rezensent gewöhnlich nicht zur Übertreibung. Denn was man hier, am Abend der Wiedererweckung unserer Schönheit an der Elbe, hören konnte, nein, durfte, war phantastisch.

 

Hören durfte, weil das 1. Violinkonzert von Sergej Prokovieff wohl in meinem Leben so schnell nicht mehr aufgeführt werden werden wird, ein überaus virtuoses Werk, so dass es schon einer Virtuosin bedarf, Lisa Batiashvili, die wunderhübsche junge Frau im grün schillernden Kleid (Größe 36, meine Damen…). Manchmal macht sie einen Trippelschritt nach vorne, dann sieht man goldene Schuhspitzchen hervorlugen – nach dem Designer wird noch gefahndet, während der Glissandi und diffizilsten Läufen und zirpenden Flageolettes, die der Komponist 1917 in geradezu revolutionärem Stile absolut modern niederschreibt, im Jahre des größten sozialen Umbruches der neueren Geschichte.

Vielleicht fühlt er sich ja befreit von der Formstrenge des Petersburger Konservatoriums, das die Klassik auch der Strukturen wie Satzform, Tonlagenwechsel und die uns so eingängigen, sich verwebenden Melodien so vertraut machen – aber davon wird ohnehin noch zu sprechen sein! Was für ein Bruch mit der Tradition der junge Mann da in eine gerade zerbrechende Welt wirft! Man wäre bei der Uraufführung gerne dabeigewesen.

Noch einmal zur Seltenheit der Ausführungspraxis: Auf YouTube findet man einzig, aber eine einzigartige, Einspielung von der Stargeigerin Hillary Haan, die auch sehr schön ist.

Im übrigen sei dringend zu einem Opernglas geraten, um die Solistin bei ihrer übermenschlichen Kunstfertigkeit einmal von Nahem auf die Finger zu sehen – wenn man sie denn sehen könnte. Nach allüberall anbrandenden Beifall und grazilster Verbeugung ein wenig umgebaut, denn nun muss Verstärkung her: Es dräut Die 2. Symphonie von Brahms. Man kann auch Jubeln in der Elphi, vor Vorfreude, ist sie mir doch ein Liebling, und wenn das NDR Elbphilharmonie Orchester Johannes Brahms spielt, dann kann man eine nordische Reinheit erwarten. Und so geschieht es.

Aber zunächst zur 2.: Leonard Bernstein, der Mahlerspezialist, mag manchem Kollegen Vorbild sein, in den unterschiedlichsten Wogen, ganz individuell die Tempi wechseln, mal schneller, mal weniger schnell. Carlos Kleiber taktete dort Karajanartig durch wie ein Schweizer Präzisions-Uhrwerk. Günter Wand versteht sich von selbst.

Alan Gilbert, Foto: Peter Hundert (c)

Aber hier nun der Klang! Es hat ja ohnehin die Anmutung eines Privatkonzertes, so spärlich sind die Reihen besetzt (mit nur etwa 600 Menschen im Publikum statt 2.100), und man beginnt noch mehr das Privileg zu haben, dieses glanzvollen Debütabends teilhaftig zu werden. Und siehe! Die Elphi klingt plötzlich ganz anders!

Ich bin kein Akustiker, aber mir leuchtet der Gedanke ein, dass, wenn der Große Saal birst vor Menschen, die Schallwellen viel mehr geschluckt werden – heute ist dies je eben nicht der Fall! Das merkt man schon im ersten Satz, und so laut kann man kein Headset aufdrehen und nicht den Verstärker, sonst käme der Stuck runter oder der Nachbar rauf – kurzum! Solches Fortissimo war nie! Sie geben gerade wirklich alles, denkt man. Von wegen zu klein besetzt, wozu sich das “Hamburger Abendblatt” beklagt. Und, nach weitesten Wagenradbewegungen seiner Arme, einem Dirigat voller liebevoller Verve, übrigens ohne Partitur, darf der Saal-Souverän Alan Gilbert  auch gerne – noch einmal hat sich der ganze Klangkörper nach oben geworfen, mehr geht nicht, und da stampft der Maestro mit dem rechten Fuss auf. Ganz nun mit – und -fort und hin –gerissen. So, wie der ganze Saal. Und ja:

In Hamburg kann man jubeln!

Harald N. Stazol, 3. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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