München: Prächtige Besetzung in netter Operetten-Drollerie

Oscar Straus, Der tapfere Soldat,  Staatstheater am Gärtnerplatz

Foto: Christian Pogo Zach (c)
Staatstheater am Gärtnerplatz, Premiere am 14. Juni 2018
Oscar Straus, Der tapfere Soldat – Operette – Buch von Rudolf Bernauer und Leopold Jacobson nach Motiven von Bernard Shaws »Helden«

von Tim Theo Tinn

1886 stehen sich Major Alexius Spiridoff (Bulgare) und der Schweizer Söldner (bei den Serben) Bumerli als Hauptmann gegenüber. Spiridoff und seine Reiter können die entscheidende Schlacht für sich entscheiden, weil in Bumerlis Kanonen blinde Munition steckt. Er flieht und landet ausgerechnet im Haus von Nadina, der Verlobten seines Gegners. Hier verrät er die wahren Hintergründe der vermeintlichen Heldentat. Am Ende angelt sich Bumerli Nadina und die hübsche Mascha den Spiridoff – und alles löst sich in Wohlgefallen auf.

Dieses Musiktheater basiert auf dem ironischen Theaterstück „Helden“ von Bernard Shaw, in dem auch der Schauder vor falschen Heldenbildern steckt. Demontiert werden diese (Pseudo-) Helden des Krieges in höchst vergnüglicher Weise mit antimilitaristischen, sozialkritischen Pointen, also eine Farce mit tiefgründigem Humor.

Die Inszenierung schuf Peter Konwitschny, dem der Ruf unbequemer, polarisierender, Furore schaffender Inszenierungen vorauseilt und der ein „Salto Mortale der Absurdität“ ankündigte (siehe Wikipedia: „… besonders gefährlicher Sprung in etwas Widersinniges/Unsinniges. Das kann ein außergewöhnliches, abstruses, der Logik widersprechendes oder seltsames Vorkommnis oder Phänomen sein, dem der Verstand des Einzelnen entgegen seiner Gewohnheit keinen Sinn, keine Bedeutung zu verleihen mag“.) Dies wurde vom Rezensenten nicht wahrgenommen.

Unbequeme Farce mit tiefgründigem Humor wurde auch nicht geboten. Der Abend ist ein temporeiches, sehr unterhaltsames, aber doch krudes szenisches Irgendwie. Getragen wird alles von einem hervorragenden Ensemble mit übersprudelnder Spiellaune in außerordentlich guter Personenregie, Körpersprache und Textbehandlung:  viel Klamauk, Schenkelklopferhumor, anbiedernde Drollerie, zeitweise artifizieller Blödsinn bis zu dünnbrüstigem Unsinn ohne Tiefgang und großartigem Slapstick insbesondere im dritten Akt. Über Humor in dieser Weise kann man nicht diskutieren. Im Gegensatz zum Rezensenten waren viele Besucher amüsiert und bespaßt.

Fazit: kein Maßstäbe setzender Abend, aber Unterhaltung, die ihr Publikum findet.

Das Einheitsbühnenbild erfüllte die Erfordernisse im Wesentlichen mit Pastellfarben und bot im dritten Bild drei im Boden eingebohrte abgestürzte Flugzeuge im Schlafzimmer.

Die historisierenden Kostüme erfüllen Operettenklischees und wirken phantasielos.

Das Orchester unter der musikalischen Leitung von Anthony Bramall: Das Orchester ist großartig, da sitzen meisterhafte Interpreten, die den akustischen Mantel des Abends ausbreiten. Das Dirigat fand stimmige Tempi und einen adäquaten Konversationston – Walzerseligkeit entstand nicht. Durchgängig war es zu laut, so dass die Sänger oft unverständlich blieben.

Irritierend war die synthetisierende akustische Verstärkung von Sprache und Gesang durchgängig im ersten Akt, die erfreulicherweise dann unterblieb.

Alle Darsteller sind szenisch und in der Textbehandlung hervorragend. Es ist eine Freude eine Besetzung zu erleben, die auch in anspruchsvolleren Partien reüssieren kann.

Oberst Kasimir Popoff – Bariton –, Hans Gröning: guter Sänger, erfüllt alle Anforderungen. Ausgehend von einer guten Mittellage wirken die Wege in andere Register noch etwas unausgeformt.

Aurelia, seine Frau – Alt –, Ann-Katrin Naidu: ausgesprochen attraktive Bühnenerscheinung, die gesangliche Ausgestaltung hat Klasse, gefällt, ist unangestrengt mit Noblesse.

Nadina, beider Tochter – Sopran –, Sophie Mitterhuber: eine hübsche junge Darstellerin, gesanglich optimal ausgeformt, jeder Registerwechsel erfolgt geschmeidig und dynamisch, es wird nach oben nichts eng und nach unten nichts gedrückt – so soll es sein.

Mascha, eine junge Verwandte – Sopran –, Jasmina Sakr: es besteht der gleich gute Eindruck wie bei Frau Mitterhuber. Kleine Einschränkung: beim Wechsel ins hohe Register entsteht eine überflüssige Schärfe, die durch Training der äußeren Kopf-Resonanzräume aufgehoben wird.

Major Alexius Spiridoff – Tenor –, Maximilian Mayer: noch ein schöner Mensch auf der Bühne. Leider hat die lyrische Stimmführung etwas verloren. Die Stimme läuft problemlos in allen Registern, der Übergang wird aber zu eng geführt, so dass der Klang etwas gestemmt wirkt. Das kann man verändern.

Bumerli  – Tenor –, Daniel Prohaska: sehr gut besetzt. Sieht gut aus und singt partienadäquat. Leider wirkt der Übergang ins höhere Register etwas forciert und nicht dynamisch. Da reduziert sich dann die angenehm breit geführte Stimme aus der Mittellage.

Hauptmann Massakroff – Bariton –, Alexander Franzen: szenisch äußerst präsent, gesanglich kann aufgrund der kleinen Partie nichts beurteilt werden.

Chor: wie immer, auch hier in geringerem Rahmen, ist dies ein sehr gutes Kollektiv.

Tim Theo Tinn, 15. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung, Anthony Bramall
Regie, Peter Konwitschny
Bühne / Kostüme, Johannes Leiacker
Licht, Michael Heidinger
Choreografische Beratung, Karl Alfred Schreiner
Choreinstudierung, Karl Bernewitz
Dramaturgie, Bettina Bartz, Michael Alexander Rinz
Oberst Kasimir Popoff, Hans Gröning
Aurelia, seine Frau, Ann-Katrin Naidu
Nadina, beider Tochter, Sophie Mitterhuber
Mascha, eine junge Verwandte, Jasmina Sakr
Major Alexius Spiridoff, Maximilian Mayer
Bumerli, Daniel Prohaska
Hauptmann Massakroff, Alexander Franzen
Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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