Frankfurter Oper: Asmik Grigorian bezaubert in Tschaikowskis "Die Zauberin"

Peter I. Tschaikowski, DIE ZAUBERIN, Oper in 4 Akten  Oper Frankfurt, 21. Dezember 2022

Asmik Grigorian (Oper Frankfurt © Barbara Aumüller)

An der Oper Frankfurt wird Tschaikowskis Lieblingsoper “Die Zauberin” mit großem Erfolg aufgeführt. Die Inszenierung von Vasily Barkhatov ist fesselnd wie ein Thriller. Musikalisch ist die Aufführung von höchster Qualität, deren Garant der Dirigent Valentin Uryupin ist. Auf der Bühne stehen ihm großartige Sänger zur Verfügung, allen voran Asmik Grigorian in der Rolle der Nastasja, der vermeintlichen Zauberin.

Peter I. Tschaikowski
DIE ZAUBERIN
Oper in 4 Akten

Valentin Uryupin, Dirigent
Vasily Barkhatov, Inszenierung

Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Nastasja:                     Asmik Grigorian
Der Fürst:                   Iain MacNeil
Die Fürstin:               Elena Manistina
Prinz Juri:                  Alexander Mikhailov
Mamyrow:                  Frederic Jost

Oper Frankfurt, 21. Dezember 2022


von Jean-Nico Schambourg

Der deutsche Titel der Oper “Die Zauberin” ist eigentlich irreführend. Im Mittelpunkt der Handlung steht nicht eine Frau, die mit Magie, mit Zaubertränken und Ritualen die Menschen um sich herum verzaubert. Nein, die Witwe Nastasja bezaubert ihre Mitmenschen durch ihren Charme, ihre Freundlichkeit jedem gegenüber. An der Frankfurter Oper werden die Wesenszüge diese Figur umso deutlicher, da die junge Witwe von der großartigen Asmik Grigorian gesungen wird. Vom ersten Moment ihres Auftritts an zieht sie den Zuschauer in ihren Bann, szenisch und musikalisch. Ihre Stimme setzt sich problemlos durch, auch in den dramatischen Momenten bei vollem Orchesterklang und klingt dabei auch in den Spitzentönen nie schrill. Mit weicher Stimme bezaubert sie nicht nur den Fürsten und dessen Sohn Prinz Juri, sondern auch das Publikum.

Ihre Gegenspielerin ist an diesem Abend erneut Elena Manistina, die für Claudia Mahnke einspringt. Sie bringt ihre große Stimme ein, um eine Fürstin zu zeichnen, die auch nicht vor einem hinterhältigen Giftmord zurückschreckt, um die falsche, vorgespielte Familienidylle zu retten. Das russische Idiom ist natürlich bei ihr bestens aufgehoben.

Der Fürst wird gesungen von Iain MacNeil, Ensemblemitglied der Oper Frankfurt. Der junge Kanadier zeigt dabei eine phantastische Leistung. Seinem Bariton verleiht er zuerst die schmeichelnden Töne des verliebten Fürsten. Dann als abgewiesener Liebhaber weiß er die Brutalität des Herrschers auch in seine Stimme einzubringen. Höhepunkt seiner Leistung ist aber die Schlussszene, in der er den Wahnsinn des Fürsten, der seine Frau und seinen Sohn ermordet, gesanglich und szenisch aufregend kraftvoll gestaltet. Zu erwähnen auch seine Gelassenheit in der Szene im zweiten Akt auf dem Sofa mit Schäferhund, wo er sich nicht aus der Ruhe bringen läßt durch das aufdringliche Betteln des Hundes (teilweise mit Bellen) nach Leckerlis.

Prinz Juri wird gesungen von Alexander Mikhailov, der eine sichere, feste Tenorstimme sein Eigen nennt. Vielleicht hätte man sich in der Liebesszene mit Nastasja ein wenig mehr tenoralen Schmelz erwünscht, doch so passt seine stimmliche Zurückhaltung gut zur szenischen Darstellung eines, mit Frauen, unerfahrenen jungen Mannes, der sich dem mütterlichen Einfluss schwerlich entziehen kann.

Frederic Jost läßt in der Doppelrolle des Mamyrow und des Zauberers Kudma seine feste Bassstimme erklingen. Alle anderen Sänger der kleineren Rollen bestätigen das hohe Niveau der Oper Frankfurt.

Der Chor, einstudiert von Tilman Michael, singt ausgezeichnet. Besonders in den Szenen der Revolution und des Schlussaktes besticht der Männerchor mit bestem “slawischem” Chorklang. Das Orchester unter der Leitung von Valentin Uryupin spielt mal schwelgerisch, mal kämpferisch, mal melancholisch, so wie es Tschaikowski mit seiner großen russischen Oper gewollt hat.

Die Inszenierung von Vasily Barkhatov zeigt, dass diese Oper, trotz ihres drittklassigen Librettos,  absolut auf die heutigen Opernbühnen gehört, neben den großen Publikumserfolgen Eugen Onegin und Pique Dame. Das Thema der Oper könnte dabei nicht aktueller sein, zeigt sie doch die Vernichtung des liberal denkenden Menschens durch eine machtgeile Herrscherklasse, die ihr Ziel mit dem Segen der Kirche erreicht. Die Verschmelzung der verschiedenen Bühnenbilder,  die anfangs klar die sozialen Schichten von einander trennen (hier das Künstleratelier der liberalen Nastasja, da der klassische Salon der konservativen Herrscherfamilie), sowie zum Schluss die Vermischung von Träumen und Realität, all das gelingt Barkhatov wunderbar. Er schafft es damit den Zuschauer angeregt und nachdenklich über das Gesehene aus der Oper zu entlassen.

Das Frankfurter Publikum war begeistert von der Aufführung und spendete allen Teilnehmern großen Applaus, wobei natürlich die überragende Leistung von Asmik Grigorian besonders gebührend gefeiert wurde.

Jean-Nico Schambourg, 23. Dezember 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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