Unsere Lieblingsoper (40): „Iolanta“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Unsre Lieblingsoper (40): „Iolanta“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Von den uns bekannten Opern Pjotr Iljitsch Tschaikowskis, „Eugen Onegin“, „Mazeppa“, „Die Zauberin“ und „Pique Dame“, war letztere lange Zeit unsere Favoritin – bis wir am Vormittag des 27. September 2009 in Moskau auf der Ersatzbühne des Bolschoi-Theaters die zwei Jahre vor seinem Tod komponierte lyrische Oper in einem Akt „Iolanta“ erlebten.

Seither trachten wir danach, diesem Edelstein wieder zu begegnen. Zweimal war das im Jahre 2011 der Fall. Zuerst Anfang Januar diesmal mit Tochter Katja an der Semperoper im „weißen“ Dresden, denn damals wurde der Schnee absichtlich von der Stadtverwaltung nicht weggeräumt, sondern liegengelassen und bedeckte die Straßen und Bürgersteige der Stadt. Langläufer glitten zu ihrer Arbeitsstätte. Das zweite Mal im Sommer darauf zu den Salzburger Festspielen. Beide Male waren es nur konzertante Aufführungen, man konnte jedoch – vor allem in Dresden – auch ohne Angabe einer Regieleitung von halbszenischen Aufführungen sprechen. So wurden ein allzu konventionelles Modell wie in Moskau oder ein modernistisches In-Szene-Setzen umgangen.

In Salzburg glaubte man die eineinhalbstündige Oper mit Strawinskys „Le Rossignol“ als Oper davor kombinieren zu müssen, dessen Libretto unseres Erachtens dem tiefen Sinn des Andersen-Märchens nicht gerecht wird. Im Januar 2012 im Theater an der Wien nahm ganz unvermittelt im Finale lieto der „Iolanta“ ein kriegerischer Angriff die nach der Pause angesetzte tragische Oper „Francesca da Rimini“ von Sergei Rachmaninow vorweg. Der Regisseur kann anscheinend dem Leben keine positiven Seiten abgewinnen.

Die Königstochter Iolanta ist blind geboren. Ihr Vater König René verbietet in Gegenwart seiner Tochter vom Licht zu reden, obwohl ein Arzt eine Heilung Iolantas für erfolgreich hält, wenn sie von ihrem Makel wüsste. Graf Vaudémont verliebt sich in die Prinzessin und bittet sie nichtsahnend ihm eine rote Rose zu pflücken, die ihn an die liebliche Röte ihrer Wangen erinnern soll. Sie schenkt ihm eine weiße. Jetzt wird der Graf gewahr, dass sie nicht sehen kann. Voller Mitleid glaubt er ihr von der Schönheit des Lichts erzählen zu müssen.

Iolanta wäre aus Gehorsam ihrem Vater gegenüber bereit sich einer schwierigen Behandlung zu unterziehen, nur kann sie sich nicht sehnlichst herbeiwünschen, was sie gar nicht kennt, was jedoch für eine Heilung notwendig wäre. Erst als Iolanta erfährt, dass ihrem geliebten Vaudémont ohne ihre Heilung die Todesstrafe drohe, will sie alles ertragen, um ihn zu retten. Der König offenbart Vaudémont, dass er seine Todesdrohung nicht wahrmachen will, die allein dazu dienen soll, dass seine Tochter ihre Heilung voll Sehnsucht erwartet.

Iolanta kann sehen. Sie besingt die zauberhafte Welt, die für sie sichtbar geworden ist. Alle stimmen mit einem Gotteslob in die Freude ein.

Das Werk soll nachdenklich machen, geht ins Metaphysische. Die Welt würde für uns auch anders aussehen, wären unsre Organe für Magnetfelder sensibel. Wir sind in gewisser Weise auch blind für das hinter der erfahrbaren Welt Liegende. Wir sehen unser Leben gewissermaßen aus der Froschperspektive, nicht vom Blickpunkt und der Betrachtungsweise der Ewigkeit. Der theoretische Physiker Univ. Prof. Dr. Josef Tomiska weist in seinem Werk „Physik, Gott und die Materie“ darauf hin, dass unsre Welt noch völlig anders geartet sein kann, was unsre Fantasie nicht hervorzubringen vermag.

PS: Absichtlich konzentrieren wir uns dieses Mal ausnahmsweise nur auf das Werk, ohne die zahlreichen InterpretInnen zu nennen. Wir wollen aber einer Mitwirkenden der Salzburger Aufführung gedenken. Die Altistin Maria Friderike Radner war damals auf dem Weg zu großen Erfolgen an der Met und an der Scala. Bayreuth stand bevor. Am 24. März 2015 wurde sie im 34. Lebensjahr mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn Felix nach ihrer „Erda“ in „Siegfried“ im Gran Teatre del Liceu auf dem Rückflug nach Düsseldorf durch den unverantwortlichen Selbstmord des Piloten mit allen Passagieren in den Alpes-de-Haute-Provence mit in den Tod gerissen.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 02. Juli 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Meine Lieblingsoper (39): „Carmen“ von Georges Bizet

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.