Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg beschenkt das Publikum mit einem brillanten Konzertabend

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano, Nobuyuki Tsujii,  Elbphilharmonie Hamburg, 28. Oktober 2019

Foto: © Ralph Larmann

Elbphilharmonie Hamburg, 28. Oktober 2019
2. Philharmonisches Konzert

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Nobuyuki Tsujii Klavier
Dirigent Kent Nagano

von Dr. Holger Voigt

Das Timing war optimal: Nur Tage vor Abreise des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg zu einer mehrwöchigen Japan-Tournee präsentierten sich Dirigent, Orchester, und der japanische Pianist Nobuyuki Tsujii in zwei Konzerten in der Hamburger Elbphilharmonie (27., 28. Oktober 2019) in einer hervorragenden Verfassung auf Weltklasse-Niveau. Ohne Frage: In Japan wird dieses Orchester mit Sicherheit eine glänzende Visitenkarte hinterlegen.

Das Programm umfasste Werke der Klassik, der Romantik und der Postromantik – bereits in die Moderne weisend: Beethoven – Liszt – Mahler, eine hochinteressante Zusammenstellung, die genügend Raum für musikhistorische Betrachtungen eröffnete.

Kurz vor Beginn des „Beethoven-Jahres 2020“ (250. Geburtstag) erklang nun auch in der Elbphilharmonie Hamburg Ludwig van Beethovens Overtüre zum Bühnenschauspiel „Egmont“ nach Johann Wolfgang von Goethes gleichnamigem Trauerspiel. Goethe hatte eine Bühnenschauspiel-Musik vorgesehen, die nicht begleitend, sondern szenisch verbindend sein und die Charakterzeichnungen verdeutlichen sollte – fast schon in die Welt der Oper hineinragend, aber eben nur „fast“.

Das beim Wiener Burgtheater in Auftrag gegebene Werk, enstanden von 1809 – 1810 und am 15. Juni 1810 in Wien uraufgeführt, hat sich in der Folge – sieht man einmal von einigen jüngeren und aufsehenerregenden Neuinszenierungen ab – nicht vollständig in ungekürzter Form erhalten lassen; übrig geblieben ist von der gesamten Bühnenmusik lediglich die Overtüre, die schlussendlich im Konzertsaal gelandet ist, wo sie – vom Drama losgelöst – ein Solitärdasein als häufig gespieltes Orchesterstück fristet.

Ludwig van Beethoven konnte sich zeitlebens stets für die Ideale der französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, begeistern; er war damit so etwas wie ein kreativer Epigone der Aufklärung. Stellte er jedoch fest, dass seine Ideale verraten wurden, war es schnell vorbei mit seiner Begeisterung. Bekannt ist die nachträglich wegradierte Widmung an Napoleon Bonaparte in seiner 3. Sinfonie („Eroica“), nachdem ihm bekannt wurde, dass sich Napoleon autokratisch selbst als Kaiser Napoleon I. gekrönt hatte. An der Stelle der vormaligen Widmung findet sich nurmehr ein Loch in der Partitur, das von einer äußerst heftigen Reaktion zeugt.

Historisch weit entfernt von Radio, Fernsehen, Internet und sozialen Netzwerken bildete sich Beethoven durch nahezu zügelloses Lesen: Er war ein wahrhaftig „Belesener“. Er begeisterte sich für Goethes „Egmont“, aber auch für viele andere Werke des „Dichterfürsten“, wie er von ihm bezeichnet wurde. Sich mit ihm im Gespräch persönlich austauschen zu können, war ein inniger Wunsch, der tatsächlich auch in Erfüllung gehen sollte. Die Begegnung verlief allerdings anders als erwartet.

Er, der impulsive Idealist und Humanist – und darin ein wahrer Non-Konformist – traf auf einen etablierten, bestens im Staatswesen eingerichteten und vernetzten Konformisten, der wohl seine Ideale selbst nicht zu leben schien. Goethe betrachtete „Tonsetzer“ als eine Art von „Handwerkern“, die wohl keine bedeutenden Kunstschöpfungen hervorzubringen imstande seien. Der Weg zum „Tonschöpfer“ war gesellschaftlich noch nicht beschritten worden. Zudem gehörten beide unterschiedlichen Generationen an, wennngleich Goethe Beethoven um 5 Jahre überlebte. Man sprach also nicht auf Augenhöhe miteinander.

Foto: Dr. Holger Voigt © Alamy Ltd. – Zeichnung von Carl Rohling

Legendär ist die Anekdote eines gemeinsamen Spazierganges im Juli 1812 im Kurbad Teplitz: Als auf der Kurpromenade die Kaiserfamilie des Weges kam, traten die kurenden Gäste – Goethe unter ihnen – ehrfurchtsvoll zur Seite und begrüßten den Kaiser mit einem Hofknicks bzw. einer tiefen Verbeugung unter Abnahme des Hutes. Für Beethoven schlicht eine nicht akzeptable Geste devoten Untertanentums. Er, der „freie Künstler“, verweigerte den Gruß und setzte seinen eingeschlagenen Weg unbeirrt fort.

Beethovens Begeisterung für Goethe ließ alsbald merklich nach; die ursprüngliche Idee, aus der Bühnenmusik später vielleicht gar eine ganze Oper „Egmont“ zu machen, wurde fallen gelassen. In der Folge näherte sich Beethoven mehr an Friedrich Schiller an, dessen radikaler Humanismus ihm näher war. Nicht Goethe, sondern Schiller wurde letztlich Teil seiner 9. Sinfonie.

Hochdramatisch erklang zu Konzertbeginn mit perfekter Dynamik das Eingangsmotiv der Overtüre. Tatsächlich klingend wie eine echte Opernovertüre, die kompositorisch schon ihrer Zeit weit voraus zu greifen scheint. Maestro Nagano gab ein langsames Introduktionstempo vor, was die dramatische Wirkung umso mehr steigerte – ein massives Ausrufezeichen stand auf einmal im Raum – bedrohlich, realistisch und unausweichlich.

Beim Übergang in die Themenverarbeitung wurde das Tempo „freigegeben“ und gab dabei den Streichern die Möglichkeit, die dramatischen Wendungen des Trauerspiels im Sinne einer Overtüre gleichsam sinfonisch zu erzählen. Brillant, wie Nagano alle Orchestergruppen zusammenführte und die treffenden Akzente an Dynamik und Spielfluss zu setzen vermochte.

Mit einer geradezu heroischen Steigerung kam die Overtüre zu einem betonten Abschluss, der dem Werk seine volle Wucht einverleibte. Auf den Punkt war auf einmal Stille. Grandios vom Orchester gespielt, das ich selten so kraftvoll gehört habe. Das war Beethoven pur – es hätte ihm gefallen! Aufbrandender Applaus für einen großartigen Auftakt des Konzertabends; für meine Begriffe aber viel zu wenig Applaus durch das Publikum, das an diesem Abend auch später die Leistungen der Musiker nicht angemessen zu würdigen in der Lage war.

Der japanische Pianist Nobuyuki Tsujii ist in Deutschland wohl nur Musikkennern ein Begriff. Dabei ist die außergewöhnliche Geschichte des jungen Künstlers – er ist seit Geburt aufgrund einer Fehlbildung der Augäpfel blind – durchaus aufsehenerregend, da er sich auch vor den schwierigsten Werken nicht versteckt und atemberaubende Interpretationen zu Gehör gebracht hat. 2009 war Nobujuki Tsujii Gewinner der Van Cliburn International Piano Competition und feierte 2011 ein begeisterndes Debüt in der Carnegie-Hall. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg wird mit ihm zusammen die anstehende Japan-Tournee bestreiten.

Hier in der Elbphilharmonie stand das Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur von Franz Liszt auf dem Programm. Dieses am 17. Februar 1855 uraufgeführte Konzert ist ein hochromantisches Werk, das bereits in der Pianostimme orchestral-sinfonisch angelegt ist und den „verhinderten“ Sinfoniker Liszt erkennen lässt. Die Orchesterbegleitung tritt – durchaus im Unterschied zu anderen Klavierkonzerten – abschnittsweise weit in den Hintergrund, da der sinfonische Effekt allein durch das Klavier vermittelt wird.

Nobuyuki Tsujii © Giorgia Bertazzi

Kaum, dass er seinen Platz eingenommen hatte, versank Nobuyuki Tsujii in eine virtuelle Klang-Cloud, in der er sich sichtlich wohl zu fühlen schien. Beeindruckend die Sicherheit des Anschlags, die modulative Aussteuerung von Dynamik und Sensibilität, das Versunkensein im Reich der musikalischen Expression. Mit ruckartigen, wechselnden Kopfbewegungen nach links und rechts schien er förmlich jeden Ton einfangen, ja gar einatmen zu wollen und seinerseits durch einen ganz persönlichen, intimen Ausdruck zu erweitern.

Das war schon in der puren Betrachtung eine wahre Freude. Wer immer an der Kraft von Musik zweifeln sollte, konnte hier miterleben, dass Musik alle Grenzen überwinden kann. Das Philharmonische Staatsorchester war unter der aufmerksamen Leitung von Maestro Kent Nagano ein hochsensibler Klangpartner, wie man es sich besser nicht hätte wünschen können.

Großer Applaus für den bewundernswerten Solisten, der mehrmals wieder auf das Podium zurückgeklatscht wurde und schließlich einen riesigen Blumenstrauß erhielt. Dann setzte er sich erneut und spielte als Encore den Eingangssatz der Klaviersonate Nr. 14 op. 27 Nr. 2 in cis-Moll (“Mondscheinsonate“) von Ludwig van Beethoven in einer so anrührenden und unglaublich sensiblen Weise, dass einem der Atem stockte.

Nach der Pause stand Gustav Mahlers 5. Sinfonie cis-Moll auf dem Programm – also füllte sich das Podium nun in großer Besetzung.

Im sinfonischen Schaffen Gustav Mahlers markiert die 5. Sinfonie cis-Moll die Rückkehr zu einer rein sinfonischen Form ohne Singstimme oder Chor. Das in Abteilungen unterteilte, fünfsätzige Werk mit drei Abteilungen repräsentiert fast so etwas wie die Mahlersche DNA: Es findet sich in ihr eine große Anzahl typischer Stilelemente, die auch bereits in früheren Werken zur Ausführung kamen. Gleichwohl zeigt sich diese Sinfonie bunter und vielgestaltiger, doch ist sie dadurch nicht unbedingt unbeschwerter. Dennoch mündet und endet sie in einem fast schon optimistisch erscheinenden Finale.

Die 5. Sinfonie illustriert durch musikalische Engramme den beschwerlichen Weg der menschlichen Existenz auf der Straße des Lebens, was man beinahe schon naturalistisch visualisieren könnte (Naturbilder). Alles, was sich dem durch das Leben Schreitenden sensuell darbietet, wird von Mahler erfasst und unmittelbar in Musik umgesetzt. Da immer neue Eindrücke entstehen, sind auch die Motive oft nur kurzlebig, bisweilen nur in bizarrer Verkürzung als Fetzen wahrnehmbar. Zwischen Albtraum und Tagtraum schreitet der Erlebende den mühevollen Weg voran, nicht wissend warum und wohin. Es kommt nicht von ungefähr, dass das fanfarenhafte Eingangsmotiv in einen Marsch überführt wird, der sich als beherrschender Grundrhythmus immer wieder neu zu justieren scheint. Dezidiert ist von Mahler sogar ein „Trauermarsch“ benannt worden.

Im zweiten Satz, der formal noch zur Ersten Abteilung gehört – „Stürmisch bewegt. Mit großer Vehemenz“ – reißen die thematischen Fetzen in jeweils kurzen Abständen immer wieder ab, eine einheitlich konsolidierte thematische Ordnung will einfach nicht zustande kommen, bis dann urplötzlich – durch Einsatz der Bläser – alles umgekrempelt wird und sich bereits hier das finale choral-hymnische Schlussthema entwickelt, das allerdings nur kurz skizziert und alsbald wieder verworfen wird. Wer genau hinhört, wird erkennen, dass unterschwellig das Marschthema im Hintergrund erneut durch große Teile des Satzes führt. Der Weg ist also noch lange nicht am Ziel angelangt.

Der dritte Satz – dem Scherzo der Zweiten Abteilung – zeigt vordergründig eine Mahler-typische musikalische Konfiguration: Das Element des Tanzes – ein immer mehr ins Bizarre umgestalteter, fast ironisch intonierter Ländler, so als wolle Mahler sich sarkastisch selbst kommentieren.

Die Dritte Abteilung umfasst das (berühmte) Adagietto und direkt anschließend das Rondo – Finale – Allegro (vierter und fünfter Satz).

Das Adagietto öffnet das lyrische Rückhaltebecken Mahlers in anrührendster Weise, bis hin bis zum kaum hörbaren Pianissimo. Wunderbar gespielt von den Streichern des Philharmonischen Staatsorchesters. Fast bis zur Unhörbarkeit geht es zurück – und das sogar ohne unerwünschte Geräusche aus dem Zuschauerraum.

In bewegtem Tempo schließt sich nahtlos der Schlusssatz an mit einer bunten, fast tänzerischen Themenvielfalt, wobei diese im Rhythmus oft abgestoppt und wieder in Gang gesetzt werden. Kein Wunder, dass dieser Satz für John Neumeier, den Direktor des Balletts der Hamburgischen Staatsoper, Ausgangspunkt mehrerer Mahler-Choreografien gewesen ist. Durch das unablässige Hervorsprudeln zahlreicher Holzbläser-Themen und deren variationtsreicher Verarbeitung hellt sich die Gesamtstimmung immer mehr auf, bis dann alles schlussendlich in einem hymnenhaften Fortissimo-Bläserfinale endet, dem abschließend noch eine pointierte Schlusswendung folgt.

Das Philharmonische Staatsorchester spielte an diesem Abend auf absolutem Weltklasse-Niveau. Alles klang so akzentuiert und ausführungssicher, dass man vor Begeisterung nicht mehr aus dem Staunen herauskam.

Wo soll man anfangen: Die Hörner waren überirdisch wohlklingend, dazu dynamisch korrekt, laut – doch nicht zu laut, metallisch golden und zu alledem: mutig! Die Holzbläser zeigten die ganze Bandbreite Mahlerscher Grundarchitektur der Themengestaltung, transparent, sicher und ausdrucksstark, zudem mit wunderbaren solistischen Beiträgen, die Streicher sorgten für einen satten, aber auch lyrisch klingenden Klangboden, alles kam auf den Punkt, keine Orchestergruppe kam einer anderen in die Quere, übersichtlich und souverän abgestimmt durch ein beeindruckendes Dirigat Naganos. Was für eine packende Sinfonie, die die Seele bis zum Taumeln in Bewegung setzt.

Großer Applaus und Bravo-Rufe für das herausragende Orchester, das eine berauschende Leistung erbracht hatte. Leider schien ein Großteil des Publikums dieses nicht erkannt zu haben – sie klatschten höflich und saturiert. Trotz der vielen Bravos gab es keine Standing Ovation. Eine solche wäre aber mehr als verdient und angebracht gewesen.

Dr. Holger Voigt, 30. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.

PROGRAMM

Ludwig van Beethoven: Overtüre zu “Egmont“ op. 84

Franz Liszt: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur S 124

– Pause –

Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 5 cis-Moll

Zugabe des Solisten:

Ludwig van Beethoven: Sonate cis-Moll op. 27/2 „Mondscheinsonate“

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