Wenn es laut kracht in der Nacht – Ein Opernabend in Grafenegg

Piotr Beczala, Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Sascha Goetzel,  Grafenegg, 20. August 2020

Foto: Piotr Beczala © Julia Wesely

„Nach den Schlussverbeugungen des Dirigenten kam Herr Beczala wieder aufs Podium und verzauberte das Auditorium mit einem glanzvollen „Nessun Dorma“ aus Puccinis „Turandot“ – tatsächlich einer der Höhepunkte des Abends. Und das Publikum freute sich, dass es den Chorteil vor dem hohen h mitsingen und mitsummen durfte.“

Grafenegg, 20. August 2020

Piotr Beczala, Tenor

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich
Sascha Goetzel, Dirigent

von Herbert Hiess

Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich hat an diesem Abend eindrucksvoll bewiesen, wie wechselhaft es ist und wie sehr es tatsächlich von einem Dirigenten abhängig ist, der ihnen sagt, wie sie spielen und klingen sollen.

Vorweg ein paar Anmerkungen zur Akustik im Wolkenturm, die zeitweise (elektronisch modifiziert?) hinsichtlich des Orchesters sehr unausgewogen klingen kann. So ist es extrem bläser- und schlagwerklastig. Eine Balance war zumindest bei diesem „Opernabend“ schwer auszumachen, auch klang das Schlagwerk manchmal schal und blechern.

Zu Beginn gab es die berühmte Ouvertüre zu Rossinis „Wilhelm Tell“, deren Finalstretta recht wunschkonzerttauglich (und daher auch sehr bekannt) ist. Angefangen hat es mit einem wunderschönen Cellosolo, dessen Thema dann insgesamt von den tiefen Streichern aufgefangen wird. Das anschließende Gewitter sollte von einem gewaltigen Paukencrescendo übergeleitet werden, das leider nicht vorhanden war.

Nahtlos ging es von einem undifferenzierten Mezzoforte zu einem gewaltigen Fortissimo, das dann nur mehr von Schlagwerk und Blech dominiert wurde. Im darauffolgenden ruhigeren Teil brillierten das Englischhorn und die Soloflöte aufs Feinste, bis sie dann von der bereits erwähnten Stretta abgelöst wurden. Effektvoll klang die Ouvertüre aus, wobei die Piccoloflöte hier wieder „hervorstach“.

Als nächste Nummer hörte man dann den von vielen herbeigesehnten polnischen Startenor Piotr Beczala, der die Leiden des Draufgängers Turridu aus der „Cavalleria“ besang. Mit seiner traumhaften Technik und dem baritonalen Timbre und nicht zuletzt dank seiner Erscheinung ein wahrhafter Liebhaber. Verständlich, dass ihm da Santuzza den Vorzug gegenüber dem farblosen und gewalttätigen Alfio geben würde. Das anschließende Intermezzo (das eigentlich vor der Arie kommt) war wunderschön gespielt; leider hat hier die Orgel gefehlt.

Die darauffolgende Arie des Andrea Chénier aus dem dritten Akt der gleichnamigen Oper von Umberto Giordano war ein Bravourstück höchster Gesangskunst. Beczala hat hier grandios den Übergang zum Verismo geschafft. Gerade diese Arie vereinigt sowohl lyrische und dramatische Passagen. Die Stimme des polnischen Tenors ist hier auch gegenüber den Orchestermassen extrem durchschlagskräftig.

Sascha Goetzel © Ozge Balkan

Beim anschließenden Verdi-Block verschuf man dem Tenor eine Pause, indem man Herrn Goetzel den Triumphmarsch und die Ballettmusik aus dem 2. Akt der Oper „Aida“ spielen ließ. Die Ballettmusik klang recht fein, doch in den Marsch-Passagen war das Blech wieder viel zu dominant – schade.

Dann sah man wieder Herrn Beczala – dieses Mal mit der berühmten Radamès-Arie aus dem ersten Akt. Hier war er als Spinto-Tenor [Anm.: Mischung zwischen lyrischem und dramatischem Tenor] ganz in seinem Element. Diese ist eine der schwierigsten Arien Verdis und verlangt vom Sänger eine unheimliche Disziplin; dieser muss imstande sein, die gewaltigen Legatobögen auszufüllen. Am Schluss sang Beczala das b wunderschön rein pianissimo im Falsett.

Passend zur Turridu-Arie kam dann eine Arie aus „Pagliacci“, dem Einakter, der meistens mit der „Cavalleria“ an einem Abend gespielt wird. Die Canio-Arie ist zwar keine der schwersten – aber dafür extrem eindrucksvoll. Beczala sang hier mit der gewohnten Professionalität; hier hätte man vielleicht mehr von der Qual hören lassen sollen, die der arme Canio erleidet.

Francesco Cilèa, Adriana Lecouvreur, Anna Netrebko, Piotr Beczala, Elena Zhidkova, Wiener Staatsoper

Der darauffolgende Satz „Blumine“ von Gustav Mahler, den er ursprünglich zur ersten Symphonie hinzukomponierte, war zwar interessant anzuhören und wunderschön gespielt (ein wunderbarer Solotrompeter übrigens) – aber in diesem Programm irgendwie doch fehl am Platze. Die einzige Verbindung zur Oper könnte man mit viel Phantasie herstellen, weil der Komponist Gustav Mahler ehemaliger Hofoperndirektor in Wien war.

Die Prinzen-Arie aus Dvoraks „Rusalka“ war sehr eindrucksvoll – da merkte man deutlich, wie wohl sich Beczala im slawischen Element fühlt. Nicht zuletzt wegen der Sprache. Auch die slawischen Melodiebögen und Harmonien liegen ihm in Blut. Und da kam sein wunderbares baritonales Timbre voll zur Geltung.

Und die abschließende „1812“-Ouvertüre von Tschaikowski sollte zwar ein effektvoller Abschluss des Konzertes sein, aber „dank“ der Lärmorgien war man eher schon froh, als sie vorbei war. Herr Goetzel versuchte zwar, die lyrischen Teile mit Leben zu füllen – letztlich fehlten dann aber doch die großen Bögen. Und die Schluss-Kanonenschläge wurden auf einer zweiten Trommel gespielt. Man könnte berechtigte Zweifel anbringen, ob das Fell der Trommel die „Behandlung“ überstand.

Nach den Schlussverbeugungen des Dirigenten kam Herr Beczala wieder aufs Podium und verzauberte das Auditorium mit einem glanzvollen „Nessun Dorma“ aus Puccinis „Turandot“ – tatsächlich einer der Höhepunkte des Abends. Und das Publikum freute sich, dass es den Chorteil vor dem hohen h mitsingen und mitsummen durfte. Damit waren alle hochzufrieden und glücklich und gingen mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause.

Herbert Hiess, 21. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Jonas Kaufmann, Helmut Deutsch, Alice Sara Ott, Krzysztof Urbański Grafenegg Festival 15./16. August 2020

Programm:

Gioachino Rossini: Ouvertüre zu „Guglielmo Tell“

Pietro Mascagni: Arie des Turridu aus „Cavalleria Rusticana” (“Mamma, quell vino é generoso”)

Pietro Mascagni: Intermezzo sinfonico aus “Cavalleria Rusticana”

Umberto Giordano: Arie des Andrea Chenier aus der Oper „Andrea Chenier“ („Come un bel di di Maggio“)

Giuseppe Verdi: Triumphmarsch und Ballettmusik aus der Oper „Aida“

Giuseppe Verdi: Rezitativ und Romanze des Radamès aus der Oper „Aida“ („Se quel guerrier io fossi“)

Ruggero Leoncavallo: Arie des Canio aus der Oper “Pagliacci” (“Vesti la giubba”)

Gustav Mahler: “Blumine”

Antonín Dvorák: Arie des Prinzen aus der Oper „Rusalka“ („Vidino divná“)

Piotr Iljitsch Tschaikowski: Ouverture solennelle „1812“ Es-Dur op.49

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