Schneller, höher, weiter

Rekorde in der Corona-Zeit: Gute-Laune-Tipps für Klassik-Fans – Teil 3  klassik-begeistert.de

Rekorde in der Corona-Zeit: Gute-Laune-Tipps für Klassik-Fans – Teil 3

von Reinhard Berger

Hundert Meter in 9,58 Sekunden. Zu Fuß! Schneller als Usain Bolt ist nie ein Mensch gelaufen. Mag sein, aber nur, wenn Sie noch nie Lang Lang, Evgeny Kissin und Friedrich Gulda gehört haben. Diese Pianisten toppen jeden Rekord – mit den Fingern! Heute geht es um „Höher, weiter, schneller“, Rekorde in der Musik, die nicht unter dem olympischen Gedanken stehen.

Schweißtreibend

Selten treibt es mir als Zuhörer den Schweiß auf die Stirn. Aber wenn ich Emma Kirkby höre, verkrampfe ich und denke: Bitte halt durch! Und sie hält durch. Nie zuvor habe ich einen Menschen so schnell und präzise singen hören wie diese Barock-Sopranistin, die einst Schullehrerin war und als Hobby in einem Chor sang. Später stieg sie bei der Umfrage „Die größten Sopranistinnen“ in die Liga von Maria Callas auf. Ihre Koloraturen (schnelle Läufe) zum Beispiel in Händels „Gloria“ sind nicht zu übertreffen, im Schlusssatz „Cum Sancto Spiritu“ rast sie jedem Lautsprecher davon.

The Artistry of Emma Kirkby, 4 CDs mit Höhepunkten der Barockmusik, BIS, 2009.

Rasende Konkurrenz

Mondscheinsonate von Beethoven, Dauerbrenner für Klavierschüler. Geht ganz gut, gell? Aber nur bis zum Ende des zweiten Satzes. Dann kommt das, was Profis seit Generationen auf die symbolische Rennstrecke treibt: Das Presto agitato, der letzte Satz. Friedrich Gulda, der Jazzpianist unter den Klassikkünstlern, schafft ihn in sechs Minuten und 53 Sekunden. Und das in einer Präzision, dass mir der Atem stockt. Evgeny Kissin (7’02) ist damit um neun Sekunden geschlagen. Maurizio Pollini liegt mit 7’11 knapp dahinter. Daniel Barenboim lässt es bedächtig angehen: 7’43.

Gulda spielt Beethoven. Friedrich Gulda, Wiener Philharmoniker, Horst Stein. Alle Klaviersonaten und -konzerte. DECCA, 2005.

Evgeny Kissin. Beethoven, Franck, Brahms. RCD Red Seal, 1998.

Ludwig van Beethoven, Maurizio Pollini. Sonaten.Deutsche Grammophon, 1992.

Beethoven, Sonaten. Daniel Barenboim. Deutsche Grammophon, 1984.

Qualfrei

Es gibt keine Atempause. Schon gar nicht bei der Mezzo-Sopranistin Cecilia Bartoli. Wenn die mit Mozart loslegt und ihre Stimme, die einen Umfang von zweieinhalb Oktaven (!) hat, von der Leine lässt, dann bleibt mir die Spucke weg. Mein Lieblingshit: „Exsultate , jubilate“, KV 165. Vielleicht hat sich Mozart eins ins Fäustchen gelacht, als er die Hoch-Tief-Arie schrieb und mit irren Läufen noch eins draufsetzte, um die armen Sängerinnen zu quälen.

Cecilia Bartoli, mozart portraits. Wiener Kammerorchester, György Fischer. DECCA, 1994.

Cecilia Bartoli © Kristian Schuller

Verwirrend

Robert Schumann hat etwas geschafft, was keinem vor ihm gelang: Er hat ein echtes Klavierkonzert geschrieben und ein zweites, nur ohne Orchester. „Konzert“ beschreibt zweierlei: Eine musikalische Aufführung und – darum geht es hier – eine musikalische Gattung. Dabei treten ein Soloinstrument oder mehrere Soloinstrumente in einen Dialog mit dem Orchester. Zum Beispiel bei einem Konzert für Klavier und Orchester. Und dann kam Schumann und wirbelte die Musikwelt durcheinander: Mit seinem „Konzert ohne Orchester“, der „Grand Sonata No. 3“. Ein „klangmächtiges Riesenwerk“, wie der Spiegel einmal schrieb. Ich mag es am liebsten vom Tastenkönig Vladimir Horowitz.

Horowitz plays Schumann. RCA Victor, BMG Music, 1989.

Hexerei

Manchmal sind Komponisten auch Wahrsager. Beethoven soll über seine „Große Sonate für das Hammerklavier“ (1817/18) gesagt haben, man könne sie frühestens in fünfzig Jahren spielen. Und Franz Liszt komponierte 1885 ein Musikstück, was zu Zeiten der klassischen Lehre unmöglich war: Die „Bagatelle ohne Tonart“. Plötzlich hört die Dur-Moll-Welt auf zu existieren und nimmt die Zukunft vorweg – jenseits der gewohnten Harmonik. Ein Ende hat das Stück übrigens nicht. Es hört einfach auf. Witzig.

Volodos plays Liszt. Arcadi Volodos, Sony BMG Music, 2007.

Alle Angaben beziehen sich auf CDs. Manche Stücke sind bei YouTube zu hören und mit unterschiedlichen Interpreten als Downloads erhältlich.

Reinhard Berger, 6. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
(c) HNA

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