Bedrohlich und düster: Kosky inszeniert Brecht/Weills „Mahagonny“ an der Komischen Oper Berlin

Rezension: Kurt Weill/Bertolt Brecht, Mahagonnyklassik-begeistert.de

Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Diese Oper ist absolut kein Wohlfühlstück, wie es vielleicht ein Teil des Publikums erwartet hat. In Koskys spannender, atmosphärisch dichter Inszenierung wirkt es wie ein Menetekel für das heraufziehende Unheil in der Entstehungszeit.

Kurt Weill/Bertolt Brecht
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Nadine Weissmann   Witwe Begbick
Allan Clayton   Jim Mahoney
Alma Sade   Jenny Hill
Barrie Kosky   Regie
Ainārs Rubiķis   Dirigent

Komische Oper Berlin. Besuchte Aufführung 9. Oktober 2021

von Peter Sommeregger

Weills Oper ist aus dem  erweiterten „Songspiel Mahagonny“ hervorgegangen, das der Komponist noch vor der „Dreigroschenoper“ auf Texte von Bertolt Brecht vertonte. Beide Werke stehen für die Zeit der Depression, der politischen Krisen und der moralischen Orientierungslosigkeit der Zwischenkriegszeit. Mahagonny nimmt auch erschreckend deutlich eine Vorahnung des heraufziehenden Dritten Reiches in seinen teilweise menschenverachtenden Texten vorweg. Drei Jahre nach der Uraufführung kamen die Nazis an die Macht und Kurt Weill verließ Deutschland in Richtung USA.

Barrie Kosky legt seine Regie stark stilisiert an, die Handlung lässt er zwischen Spiegelwänden spielen, was sehr eindrückliche Bilder schafft. Der Verzicht auf Requisiten verdichtet noch die Intensität der Abläufe, die wie immer bestens disponierten Chorsolisten des Hauses werden diesmal auch als Darsteller stark gefordert, so verschwimmt eindrucksvoll die Grenze zwischen Chorist und Solist einmal mehr.

Mit Jens Larsen hat man im Ensemble den perfekten Dreieinigkeitsmoses, der praktisch als Spielmacher agiert, bestens unterstützt von Ivan Tursic als Fatty, Tom Erik Lie als Bill und Tijl Faveyts als Joe. Als Witwe Begbick müht sich Nadine Weissmann ein wenig mit ihrer Partie, bei aller szenischen Präsenz bleibt sie stimmlich doch allzu unauffällig. Das gilt leider noch mehr für Alma Sade als Jenny Hill. Die ungeheuerlichen Textpassagen, die sie zu singen hat verlangen doch eher nach einer kräftigeren, individuelleren Stimme. Diese Jenny bleibt blass und etwas unterbelichtet.

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Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Das Ensemble wird eindeutig von Allan Clayton in der Rolle des Jim Mahoney dominiert. Ihm gelingt eine berührende Charakterstudie des unglücklichen Opfers der Handlung. Bis hin zu der bedrückenden Szene seiner kollektiven Hinrichtung strahlt er Präsenz und darstellerische wie stimmliche Intensität aus. Ihm gelingt auch am besten der ständige Wechsel zwischen Sprech- und Singstimme, die manchem der Sänger doch gewisse Probleme bereitet.

Die finale Hinrichtungsszene gestaltet Kosky bedrückend realistisch. Die gänzlich leere, schwarze Bühne erzeugt einen optischen Sog zum gemarterten Jim hin, man kann förmlich spüren, wie die brutale Handlung im Publikum wachsendes Unbehagen erzeugt.

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Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Diese Oper ist absolut kein Wohlfühlstück, wie es vielleicht ein Teil des Publikums erwartet hat. In Koskys spannender, atmosphärisch dichter Inszenierung wirkt es wie ein Menetekel für das heraufziehende Unheil in der Entstehungszeit.

Der Generalmusikdirektor der Komischen Oper, Ainārs Rubiķis, lotet die teils schroffe Partitur Weills bis ins kleinste Detail aus und verliert dabei nie den direkten Kontakt zur Bühne. Sänger und Chorsolisten verschmelzen zu einem eindrucksvollen Ensemble. Der Spannungsbogen gerät im letzten Drittel ein wenig in Gefahr, es machen sich Längen des Stückes bemerkbar, aber letztlich siegt doch die hohe Qualität des Gebotenen. Das ein wenig erschöpfte, aber stark berührte Publikum spendet reichlich Beifall.

Peter Sommeregger, 10. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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