Andre Heller inszeniert am Rosenkavalier vorbei- eine eher spröde Premiere Unter den Linden

Richard Strauss, Der Rosenkavalier (Premiere), Staatsoper Unter den Linden Berlin, 9. Februar 2020

Fotos © Ruth Walz
Richard Strauss, Der Rosenkavalier (Premiere),
Staatsoper Unter den Linden Berlin, 9. Februar 2020

Camilla Nylund  Feldmarschallin
Günther Groissböck  Baron Ochs
Michele Losier  Octavian
Nadine Sierra  Sophie
Andre Heller  Regie
Xenia Hausner  Bühnenbild
Arthur Arbesser  Kostüme
Zubin Mehta Dirigent

 von Peter Sommeregger

Vor Beginn der Aufführung wird auf den Zwischenvorhang der Theaterzettel einer Wiener Benefizvorstellung des Rosenkavaliers vom Februar 1917 projeziert. Diese fand damals zu Gunsten von Witwen und Waisen des ersten Weltkrieges statt. Andre Heller versucht in seiner ersten Opernregie, Geist und Stil dieser Aufführung zu rekonstruieren. Diese intellektuelle Spielerei ist doch ein wenig weit hergeholt und führt den noch deutlich unerfahrenen Regisseur auch prompt ins Abseits.

Heller ließ sich von der Bühnenbildnerin Xenia Hausner die Bühne durch seitliche Stege bis über den Orchestergraben hinaus verlängern. Den Zugewinn an Spielfläche vermag er aber nicht sinnvoll zu nutzen, fast alle Szenen geraten aus dem Fokus. Ein typischer Anfängerfehler ist auch das permanente over-acting. Alle Figuren müssen ständig zappeln, aneinander zupfen, so kann ihr Spiel keine Ruhe und Konzentration entfalten. Bühnenbild und Kostüme (Arthur Arbesser) sind stilistisch in der Blütezeit der berühmten Wiener Werkstätten zu verorten, also im Jugendstil und Art Deco. So schön einzelne Kostüme auch sind, der Rosenkavalier braucht die üppige Bildersprache des Barock, um seine Wirkung voll zu entfalten.

© Ruth Walz

Das Schlafzimmer der Marschallin im ersten Akt spielt mit japanischen Stilelementen, wobei die Farben ein wenig zu dunkel geraten sind. Octavian zeichnet im Bett die gerade erwachte Marschallin, die am Ende des Aktes diese Zeichnung symbolträchtig zerreißen wird. Das Frühstück wird nicht von dem obligatorischen Mohrenknaben Mohammed serviert, sondern von einem jungen Mann, offenbar nordafrikanischer Herkunft- womit elegant das verpönte Blackfacing umgangen wird. Dass dieser Mohammed aber Rosenblätter über die Marschallin auf dem Bett streut, ist eine doch etwas bizarre Idee, die im weiteren Verlauf der Handlung auch noch eine Fortsetzung findet. Während des Leves der Fürstin treten auch Figuren des Kasperltheaters auf, zwei davon werfen ebenfalls mit Rosenblättern, was ziemlich unmotiviert wirkt.

Das Palais Faninal, Schauplatz des zweiten Aktes ließ Heller sich mit einer Kopie des berühmten Beethoven-Frieses von Klimt aus dem Wiener Secessionsgebäude schmücken, aber damit nicht genug, er lässt Gustav Klimt auch in einer Statistenrolle selbst auftreten. Das sind Insider-Scherze, die bei einem Berliner Publikum des Jahres 2020 doch weitgehend verpuffen. In diesem zweiten Akt stimmt szenisch leider gar nichts mehr. Die Rosenüberreichung findet hier als Höhepunkt einer Cocktail-Party statt, zahlreiche Gäste flanieren in Abendkleidern über die Bühne, lediglich Octavian darf traditionell im weißen Seidenanzug auftreten. Grotesk hässlich sind die Kostüme Faninals und der Jungfer Marianne Leitmetzerin.

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Im dritten Akt begeht Heller den Kardinalfehler, die Handlung von einem Wiener Vorstadtbeisl, einer einfachen, bürgerlichen Gastwirtschaft, in ein exotisches Palmenhaus zu verlegen, das als solches aber nicht wirklich zu erkennen ist. Der Raum ist nicht definiert, und die ohnehin komplizierten Abläufe des Aktes werden in diesem nicht stimmigen Ambiente noch verwirrender und unübersichtlicher. Mit aller Gewalt versucht Heller, ein stilisiertes marokkanisches Ambiente mit bunten Sitzkissen, Lampions und einem Stoffzelt zu schaffen, damit entfernt er sich aber noch mehr vom Stoff und seiner eindeutigen Verortung in Wien. Für Rosenkavalier-Kenner und – Liebhaber begeht er in der Schluß-Szene geradezu eine Todsünde: in seiner Version verliert nicht Sophie, sondern die Marschallin ihr Spitzentaschentuch. Gefunden und aufgehoben wird es von dem jungen Mann Mohammed, der daran riecht und sich als in die Marschallin verliebt zu erkennen gibt. Das ist eine grobe Verfälschung der Geschichte und macht ebenso ärgerlich, wie die bewusste Textveränderung von „Beisl“ in „Palmhäusl“. Verzeihung, lieber Herr Heller, aber Hofmannsthal bedarf keiner Verbesserungen.

Musikalisch ist die Aufführung durch ihre szenischen Ungereimtheiten und Unbeholfenheit mit einer großen Hypothek belastet. Zubin Mehta , der bekanntlich in Wien studiert hat und mit dieser Musik bestens vertraut ist, zaubert aber mit der Staatskapelle genau jene Atmosphäre herbei, die uns Hellers Regie schuldig bleibt. Die großen melodischen Bögen gelingen ausgezeichnet, dabei bleiben auch feine Details immer hörbar, nie spielt das Orchester zu laut oder unkonzentriert. Mehta ist auch ein aufmerksamer Begleiter der Sänger, die sich bei ihm jederzeit geborgen fühlen können.

© Ruth Walz

Die Besetzung der Hauptrollen ist nicht unproblematisch. Die inzwischen geradezu omnipräsente Camilla Nylund singt die Marschallin, abgesehen von kleinen Schärfen im ersten Akt, mit klarer Diktion und rundem Sopran, zur zentralen Figur des Stückes zu werden, gelingt ihr allerdings nicht. Das berauschend schöne Schlussterzett führt sie sicher an, aber insgesamt bleibt sie als Figur zu eindimensional. Michele Losier, eine kanadische Mezzosopranistin, hat mit der Hosenrolle des Octavian anfangs einige Mühe. Von Heller ruhelos über die Bühne gescheucht, findet sie erst im dritten Akt zu ihrer Form, kann dann im Finale auch überzeugen. Nadine Sierra ist für die Sophie eine Fehlbesetzung. Ihr wenig inspiriertes Spiel ist eher dem Regisseur anzulasten, aber die enge, und wenig sichere Höhe geht auf ihr Konto. In der Mittellage klingt die Stimme durchaus schön, ist aber für die Sophie eigentlich zu dunkel timbriert.

Günther Groissböcks Ochs auf Lerchenau ist der eindeutige „Abräumer“ des Abends. Seine inzwischen auch international gefeierte Interpretation dieser Rolle hat mit diversen Klischees dieser Partie gründlich aufgeräumt. Endlich wird Ochs als relativ junges, attraktives Mannsbild dargestellt, dessen amouröse Eroberungen dadurch auch glaubwürdig erscheinen. Es ist erfreulich, dass man ihn seine große Szene im ersten Akt ungekürzt singen lässt. Stimmlich schöpft er ohnehin aus dem Vollen , auch extrem hohe oder tiefe Töne gelingen ihm ohne Mühe. Groissböcks starke Präsenz macht deutlich, warum Hofmannsthal und Strauss die Oper ursprünglich „Ochs auf Lerchenau“ nennen wollten. Sie ist in dieser Aufführung aber auch ein Problem für seine Partnerinnen, die sich weder stimmlich, noch darstellerisch gegen ihn behaupten können. Der Glücksfall der Aufführung ist eindeutig Zubin Mehta, der am Ende auch zu Recht besonders gefeiert wird. Von den Sängern erhält erwartungsgemäß Groissböck den stärksten Applaus, das Regieteam muss neben Applaus auch nicht wenige, durchaus verdiente Buh-Rufe einstecken. Nach diesem Premierenabend wünscht man sich eigentlich schon wieder eine baldige, professionellere Neuinszenierung.

Peter Sommeregger , 10. Februar 2020 für
klassik-begeistert.de, klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.ch

 

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