Christine Goerke – eine wahrhafte Naturerscheinung

Richard Strauss, Elektra, Wiener Staatsoper, 9. Februar 2020

Titelfoto: Christine Goerke (Elektra)
© Wiener Staatsoper / Ashley Taylor
Richard Strauss, Elektra, Wiener Staatsoper, 9. Februar 2020

 von Herbert Hiess

Hugo von Hofmannsthal war der Leib-Librettist des großartigen Richard Strauss und hat mit der „Elektra“ ein Werk der griechischen Mythologie aufgegriffen. Strauss und Hofmannsthal vertonten die brutale Tragödie von Sophokles (oder Euripides?) auf genialste Weise. Bei dem Wettstreit der „blutigsten Opern“ würde dieses Werk übrigens sogar noch vor der „Salome“ gewinnen.

Die Oper zu besetzen ist eine Herausforderung für jeden Intendanten, da die Gesangspartien für die drei Hauptdarstellerinnen auf wienerisch gesagt regelrechte „Beuschelreißer“ sind. Vor allem für die Hauptpartie aber auch für die Klytämnestra und Chrysothemis braucht es absolute Könnerinnen in ihrem Fach. Und die hat man mit den Damen Goerke, Meier und Schneider wahrhaft gefunden.

Trotzdem sie in die Jahre gekommen ist, lässt Waltraud Meier immer noch ihre berauschende Ausstrahlung spüren. Unglaublich, wie eindrucksvoll sie die Königin, Mutter und Tyrannin Klytämnestra gesungen und gespielt hat. Obwohl ihr hoher Mezzo nicht mehr so die Wendigkeit und Fülle hat wie früher, ist es ein wahrhaftes Ereignis, ihr zuzusehen und zuzuhören. Da verzeiht man ihr rasch das zeitweise „Flackern“ in ihrer Stimme.

Waltraud Meier (Klytämnestra), Simina Ivan (Vertraute), Zoryana Kushpler (Schleppträgerin)
© Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Eine echte Überraschung ist die Deutsche Simone Schneider als Elektras Schwester Chrysothemis, die die zweitschwerste Partie der Blutoper wunderbar vorführte. Sowohl im Spiel als auch mit ihrer makellos glänzenden Sopranstimme überzeugte sie von Anfang an bis zum Schluss. Von ihr muss man unbedingt noch viel mehr hören, denn sie hat eine richtige „Strauss-Stimme“. Einfach grandios.

Das Ereignis des Abends war wohl doch die US-Amerikanerin mit deutschem Namen. Christina Goerke ist eine richtig dominierende Erscheinung. Sie überzeugt nicht nur mit ihrem Auftreten, sondern mit ihrem wunderbaren dramatischen Sopran. Ihre runde Stimme ist extrem voluminös, sie hat eine mehr als sichere Höhe und offenbar unendliche Kraftreserven. Das impliziert natürlich eine bombensichere Technik. Die Partie der Tochter von Agamemnon und Klytämnestra ist mindestens so anspruchsvoll wie die Götterdämmerung-Brünnhilde oder die Isolde. Frau Goerke konnte mühelos gegen die gewaltigen Orchestermassen ankämpfen und verlor nie die Interpretation und die Musikalität. Sie war ein Hauptfaktor dieser Sternstunde. Da kann man auf ihr Bayreuther Brünnhilde-Debut 2020 gespannt sein. Sie wird da ein echter „Joker“ sein!

Michael Volle (Orest) © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Vollkommen machte dieses Ereignis Michael Volle als Orest. Sein traumhaft sonorer Bariton und die ausgeprägte Wortdeutlichkeit machen ihn zu einem Spitzenmann des deutschen Faches. Zusammen mit den drei Damen bilden sie wohl das „Dreamteam“ der Opernintendanten und Agenten. Leider fällt da Norbert Ernst gegenüber den Vieren rasch ab; wiewohl man weiß, dass die Rolle des Aegisths relativ uninteressant ist. Sein Tenor war an diesem Abend relativ flach und interpretationsmäßig hatte er auch nicht viel mitzuteilen.

Vollkommen wurde der Abend erst durch die Wiener Philharmoniker vulgo Staatsopernorchester unter dem Stardirigenten Semyon Bychkov. Er verstand es, einerseits den berühmten Strauss’schen Klangrausch mit vollem Orchester auszukosten und sofort wieder auf die kammermusikalischen Passagen umzuschwenken. Die Musiker folgten ihm voll Begeisterung. Man sollte Bychkov viel öfters und intensiver im Haus am Ring einsetzen.

Doch noch ein paar Worte zur Regie, die schon vorweg von vielen Leuten „verdammt“ wurde. Zur großen Überraschung war die Inszenierung dann mehr als interessant und schlüssig, obwohl nichts von der griechischen Mythologie da zu merken war. Das Stück spielte irgendwo in einem üblen Gefangenenlager oder in einer Art Psychiatrie; da mussten die Mägde natürlich dann als Wärterinnen agieren. Personenwechsel fanden größtenteils über einen Paternoster statt (Anm.: Ein Aufzugskonstrukt mit vielen offenen Kabinen, die in Dauerbewegung sind), was eindrucksvoll war.

Alles in allem eine ereignishafte Aufführung!

Herbert Hiess, 10. Februar 2020 für,
www.klassik-begeistert.de

Besetzung:
Christine Goerke                        Elektra
Simone Schneider                     Chrysothemis
Waltraud Meier                         Klytämnestra
Michael Volle                              Orest
Norbert Ernst                              Aegisth

Regie: Uwe Eric Laufenberg

Chor und Orchester der Wiener Staatsoper

Dirigent:  Semyon Bychkov

Herbert Hiess, 10. Februar 2020 für,
www.klassik-begeistert.de

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