Elektra Hamburg Ingela Brimberg © NDR I Thies Raetzke
Wozu braucht man eine Inszenierung mit durchdachtem Bühnenbild und einfallsreichen Kostümen, wenn man antiken Familien-Horror so unmittelbar und erschütternd erleben kann, wie die „Elektra“ von Richard Strauss im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie? Die halbkonzertante Aufführung in der szenischen Einrichtung von Charlotte Schetelich am 13. Februar 2026 ließ einem mehrfach das Blut in den Adern gefrieren.
Richard Strauss, Elektra, Tragödie in einem Aufzug op. 58
Dichtung von Hugo von Hofmannsthal
Konzertante Aufführung in szenischer Einrichtung
Ingela Brimberg, Sopran
Karita Mattila, Sopran
Christina Nilsson, Sopran
Andreas Bauer Kanabas, Bass
Benjamin Bruns, Tenor
Alan Gilbert, Dirigent
NDR Vokalensemble
NDR Elbphilharmonie Orchester
Elbphilharmonie, Großer Saal, Hamburg, 13. Februar 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Sitzen alle? Dann kann es ja losgehen!
Um die Besprechung eines grandiosen Opernabends nicht durch ärgerliche Bemerkungen zu versalzen, sei gleich zu Beginn erneut die Frage gestellt, weshalb es in der „Elphi“ manchmal zugeht wie im Warteraum eines Bahnhofs. Man kann sich der Kritik der geschätzten Kollegin Iris Röckrath nur anschließen (https://klassik-begeistert.de/il-pomo-doro-giulio-cesare-in-egitto-konzertante-auffuehrung-elbphilharmonie-12-februar-2026/), denn es stört nicht nur massiv die Konzentration, sondern es ist auch blanke Respektlosigkeit gegenüber den Ausführenden, wenn 20 Minuten nach Beginn der Vorstellung noch ein Dutzend Leute, die offenbar nicht mit Uhrzeiten klarkommen, ihre Sitzplätze suchen. Das Umherlaufen sowie Rein- und Rausgehen während der Vorstellung war auch an diesem Abend mehr als nervend und wäre so einfach zu unterbinden. In Bayreuth oder Zürich, wie auch anderen Häusern, heißt es eben: Kein Einlass nach Beginn der Vorstellung. Es wäre so einfach. Türen zu. Danke.
Packend vom ersten aufrüttelnden Ton an
Gänsehautschauer überlaufen empfindsame Zuhörer gleich bei den ersten Takten und dem nur als Motiv instrumental ausgesprochenen Namen des Ermordeten, „Agamemnon!“, wobei die letzte Silbe durch den tödlichen Axthieb brutal abgehauen wird. Das Adjektiv „brutal“ trifft auf weite Strecken der Wiedergabe der Partitur durch das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Chefdirigent Alan Gilbert erschreckend zu, denn die geniale Verbindung von Ton und Wort setzen der Leiter und alle Mitwirkenden unter die Haut gehend um.

Ja, der Text ist blutig, schonungslos, roh; es ist gleichsam ein Libretto, dem die Haut abgezogen ist. Um diese vor Hass und Rachelust triefenden Worte zusammen mit der ebenso unbarmherzigen Musik im Innersten zu begreifen und dabei vor Entsetzen zu zittern, scheint so eine reduzierte Darstellung in ihrer Unmittelbarkeit sogar noch geeigneter als eine „echte“ Opernproduktion. Dass Elektra ihrer Mutter kalt den Satz „und ich steh’ da und seh’ dich endlich sterben!“ vor die Füße wirft, ist schwer erträglich, aber zu verstehen, wenn man ebendiese eigene Mutter als Ehebrecherin und Komplizin am Mord des geliebten Vaters erkennen muss.
All diese Emotionen, Schicksals-Axthiebe und düsteren Aktionen drückt ja die Musik bis ans Äußerste des Erträglichen aus. Sämtliche Solisten und Instrumentengruppen bilden hier eine wuchtige Einheit, aber auch das bebende Innehalten, das Erschauern ob des eigenen Entschlusses und das Suchen in der Nacht der eigenen Psyche geben die Mitwirkenden ergreifend wieder. Gilbert in seiner typischen Bodenständigkeit schafft mit klaren, angemessen harten Einsätzen die notwendigen Akzente; oft sind heftige, rasche Umschwünge erforderlich.
Solistische Glanzleistungen beeindrucken in allen Rollen
Ingela Brimberg in der Titelrolle dringt immer wieder mit ihrem in den Höhen geradezu unbarmherzig starken Sopran nicht nur in die letzten Fugen des Saales, sondern eben auch in die Seelen derer, die erschüttert begreifen, was hier passiert. Am Ende wird sie ihren bitteren Triumphtanz dadurch beenden, dass sie zusammenbricht – ob bewusstlos oder tot, ist unklar und auch gleich. Innerlich gestorben ist sie längst. Spiel und Textverständnis sind großartig, was insgesamt für alle Rollen zutrifft.

Ihre Mutter ist Karita Mattila, die ein bisschen an die böse Cruelle de Vil aus dem Disney-Film „101 Dalmatiner“ erinnert – nur ist dies keine Trickfilm-Figur, sondern eine seelisch hässliche Mörderin, die sich freut, wenn auch ihre ungeliebten Kinder sterben. Denn die erinnern sie daran, dass sie nur noch aus Bosheit besteht, geplagt von schwarzen Träumen der belastenden Schuld. Die Sopranistin spuckt und bellt manche ihrer geifernden Sentenzen aus; vor dieser Frau hat man wirklich Angst. Ihr Todesschrei gellt schließlich diagonal von ganz oben durch den Saal und trifft wie ein blutiger Strahl die Mitte der Bühne.
Mitreißend menschlich dagegen ist Chrysothemis, verkörpert durch Christina Nilsson, die im vergangenen Bayreuth-Sommer in Wagners „Meistersingern“ als Eva die Herzen gewann (https://klassik-begeistert.de/richard-wagner-die-meistersinger-von-nuernberg-bayreuther-festspiele-2-august-2025/). Mit warmem, eindringlichem Sopran macht sie berückend deutlich, dass sie einfach nur leben will, was aber in einer Familie, bei der jede Therapie zu spät käme, unmöglich ist.

Ihr gemeinsamer Bruder Orest ist Andreas Bauer Kanabas, dessen durchdringender Bass von markiger Virilität geprägt ist. Ja, auch er ist ein Opfer der blutigen Geschichte, aber in seiner stimmlich fülligen Präsenz und der klaren Haltung lässt er keinen Zweifel daran, dass er ruhig und zielstrebig das umsetzen wird, was er sich geschworen hat.
Da hat die Memme Aegisth keine Chance; der Tenor Benjamin Bruns füllt die undankbare Rolle absolut überzeugend aus. Arrogant, sich selbst überschätzend und innerlich leer läuft er geradezu in die Axt des Rächers. Man erinnert sich bei dieser Figur daran, dass Strauss keine Tenöre mochte.

Aber auch alle Nebenrollen liefern einwandfreie gesangliche Leistungen ab, wie die Schar der Mägde und Bediensteten. Layla Claire, Marie Henriette Reinhold, Ida Aldrian, Marie-Luise Dreßen, Olivia Boen, Chelsea Zurflüh, Alexandra Hebart und Chloe Lankshear sind eine mitunter merklich heterogene Gruppe aus Individuen, die auch in Einzelleistungen brillieren.
Das gleiche gilt für die Herren, denn Fabian Kuhnen, Liam Bonthrone und Andreas Heinemeyer füllen auch die kleineren Rollen von Pfleger und Dienern mit Verve und lebhaftem spielerischem Einsatz aus.
Alle Sängerinnen und Sänger singen mit Verstärker, was angesichts des gewaltigen Orchesters und der vielen Forte- und Fortissimo-Stellen sowie des Spiels oft hinter dem großen Klangapparat auch gar nicht anders möglich ist.
Bewährtes Spiel mit Raum und Licht
Die konzertanten Aufführungen in der Elbphilharmonie bestechen stets mit einer durchdachten Nutzung des Raums und seiner klanglichen Möglichkeiten. Das Licht wird auch an diesem Abend intelligent eingesetzt, um Atmosphären zu schaffen oder Räume zu verdichten und Bewegungen, wie auch Personen hervorzuheben.
Eine großartige Raumwirkung entsteht vor allem am Ende des Dramas, als die Damen und Herren des NDR Vokalensembles (Einstudierung durch Klaas Stok) jeweils oben auf den Rängen singen, die Trompeten schmettern von oben rechts herab. Hat man sich zuvor schon in den Wogen dar aufwühlenden Musik fast verloren, so ist man jetzt umgeben von der Eindringlichkeit eines Triumphes, der blutig gefärbt und keine Erlösung ist. Eine entsetzliche Geschichte ist brutal zu Ende gegangen und es bleibt nur noch innere Leere. Vielleicht schafft es Chrysothemis irgendwann, sich in so etwas wie eine Normalität zu retten. Ihre Schwester und ihr Bruder werden niemals spüren können, was Glück bedeutet.
— Sehr langer Gedankenstrich. Aufatmen. —

Zumindest durften sich diejenigen glücklich schätzen, die dieses Psychodrama in Vollendung erleben konnten. Der tosende Beifall und zahlreiche Bravo-Rufe eines entfesselten Publikums beschlossen einen mitreißenden, bestürzenden, herausragenden Abend.
Dr. Andreas Ströbl, 14. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Strauss, Hugo von Hoffmannsthal Elektra Elbphilharmonie, Hamburg, 13. Februar 2026
Il Pomo d’Oro, Giulio Cesare in Egitto, Konzertante Aufführung Elbphilharmonie, 12. Februar 2026
Klaus Mäkelä, Dirigent, Koninglijk Concertgebouworkest Elbphilharmonie, Hamburg, 11. Februar 2026
Wiener Philharmoniker, Daniel Harding, Dirigent Elbphilharmonie, Hamburg, 20. Januar 2026