Großes Seefahrtskino: Der Holländer sticht in See und triumphiert!

Richard Wagner, Der fliegende Holländer,  Staatsoper Stuttgart, 3. Juli 2019

Foto: © Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart, 3. Juli 2019
Richard Wagner, Der fliegende Holländer

von Anna-Maria Haberberger

Auf der Suche nach einer (Er-)Lösung befindet sich der Holländer in einer inneren Notwendigkeit den Fluch des Satans zu bewältigen. Nur alle sieben Jahre ist es ihm vergönnt, an Land zu gehen und eine Frau zu finden, die ihn aus reiner Liebe von seinem Leid befreit. Auf der Suche nach Heimat ist er unzählige Jahre umhergeirrt. Geld und Besitz sind ihm nichts mehr wert, er will nur noch erlöst werden von seinem Schicksal. Doch welche Frau will schon aus Liebe für einen Mann sterben?

Wagners romantische Oper (in der Urfassung!) bleibt in der Stuttgarter Inszenierung durch Calixto Bieito maßgeblich unromantisch. Wer auch nur ein Anzeichen von Romantik oder gar Schönheit und Reinheit vernehmen möchte, der wird enttäuscht werden. Die zugemüllte Bühne, die wohl eher einem Industriegebiet ähnelt, und Matrosen, die als Kaufleute dargestellt werden, werden regelrecht in den Abgrund gerissen.

Eine materialistische Gesellschaft, die nichts mehr mit Wagners ursprünglichen schottischen Seeleuten zu tun hat, nichts mehr mit den braven Mädchen am Spinnrad und auch nichts mehr mit den marineblauen Matrosen auf dem Geisterschiff. Jegliche Illusion der Zuschauer, den wahrhaftigen fliegenden Holländer auf seinem Geisterschiff zu treffen, verfliegt schlagartig. Sandig-dreckiger Boden, stetig tropfendes Wasser durch die Decke (was äußerst störend ist über 2,5 Stunden Aufführung!), statische Bewegungen der Kaufleute und industrielle Umgebung prägen das Bühnenbild, auf dem ein rotes Gummiboot auftaucht – das eigentliche „Geisterschiff“.

Schon in der Ouvertüre versucht Senta aus ihrem eigenen Gefängnis, ihrer Hölle, zu entkommen. Der Vater ermuntert und missbraucht sie kaltblütig. „Rette mich!“, schreibt sie mit blutenden Fingern an die Milchglasscheibenwand, die zu Beginn die Bühne ziert.

Überwältigend ist dabei das Orchester unter der Leitung von David Afkham. Chefdirigent des Spanischen Nationalorchesters in Madrid, Preisträger unzähliger Wettbewerbe und mit Gastauftritten mit der London Symphony, dem Deutschen-Symphonie-Orchester Berlin wie der Chicago und Boston Symphony. Der junge Mann lässt nichts zu wünschen übrig. Auch an diesem Abend nicht. Fulminante Klänge, die er aus dem Orchestergraben herausholt. Effekte, die nuancierter und facettenreicher nicht sein könnten und den Wagnerischen Klang wortwörtlich auf die Bühne bringen.

Die Stars des Abends sind ohne jeden Zweifel Elisabet Strid (Senta) und John Lundgren (Der Holländer). Schon manche Sänger scheiterten kläglich an den Herausforderungen dieser Partien, nicht jedoch diese beiden in Stuttgart an diesem Abend. Die schwedische Sopranistin schafft etwas unheimlich Packendes, Szenisches aus ihrer Rolle. Sie bezaubert und erstaunt zugleich. Ein satter Sopran, eine dichte wie auch klare Höhe, die alle Spitzentöne mühelos liefert. Einfühlsame Tongebung, farbenreiche Stimme und eine darstellerische Leistung, die wohl jeden im Publikum mit auf ihre Reise ins Geisterreich führt.

Der Holländer perfekt darin fügend – der dramatische Bariton schießt über jedes Ziel hinaus und beeindruckt in gänzlichem Maße. Fantastisch nuanciert führt er seine Stimme von zarten Pianissimi über kräftige Fortissimi und dabei immer überaus wohlklingend.

Liang Li als Donald – Vater von Senta – steht den beiden Ausnahmetalenten in nichts nach. Überzeugend durchdringt er alle musikalischen Elemente und singt mit kraftvoller, satter und zugleich warmer Stimme durch den Abend. Darstellerisch wie sängerisch eine perfekte Darbietung.

Auch Matthias Klink und Daniel Kluge besetzen den Cast meisterlich. Packend für ihre jeweiligen Rollen und sängerisch durchdringend geben sie ihren Rollen eine hingebungsvolle Darbietung. Die Opernstudiosängerin Fiorella Hincapié steht den großen Opernsängern keineswegs nach. Als Amme Sentas überzeugt die Mezzosopranistin mit schöner, dunkler Stimme, die in allen Lagen weich und leicht klingt. Trotz der kleinen Rolle rundet sie die Holländer-Kompanie bezaubernd ab.

Am Ende brechen Senta und der Holländer über zerschmetternden Computerbildschirmen zusammen, und die Erlösung des Holländers durch die Liebe Sentas erreicht ihren Höhepunkt.

Ein gelungener Abend, der insbesondere durch die musikalische Leistung sowohl von den Sängern als auch vom Orchester lebt.

Anna-Maria Haberberger, 4. Juli 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung                        David Afkham
Regie                                                         Calixto Bieito
Choreographische Mitarbeit           Lydia Steier
Bühne                                                       Susanne Gschwender, Rebecca Ringst
Kostüme                                                  Anna Eiermann
Licht                                                         Reinhard Traub
Dramaturgie                                          Xavier Zuber
Chor                                                          Manuel Pujol

Donald                                                      Liang Li
Senta                                                         Elisabet Strid
Georg                                                        Matthias Klink
Mary                                                         Fiorella Hincapié
Der Steuermann                                  Daniel Kluge
Der Holländer                                       John Lundgren
Dämon                                                      Manni Laudenbach
Staatsopernchor Stuttgart, Zusatzchor der Oper Stuttgart (Geisterchor), Staatsorchester Stuttgart

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