Frauenpower (ba)rockt Vivaldis Juditha triumphans

© Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart, 12. März 2022

Antonio Vivaldi Juditha triumphans

von Frank Heublein

Am heutigen Abend wird in der Staatsoper Stuttgart Juditha triumphans von Antonio Vivaldi aufgeführt. Anfangs tritt Intendant Victor Schoner an den Bühnenrand und bittet um Spenden für die Ukraine. Die Organisation Stelp besorgt insbesondere dringend benötigte medizinische Produkte. Er sagt, die Situation treibt die Kulturschaffenden auf und hinter der Bühne der Staatsoper Stuttgart um. Die Hilflosigkeit, die grausame Situation nicht selbst zum Besseren verändern zu können.

Das Stück Juditha triumphans hat Antonio Vivaldi als Oratorium 1716 komponiert. Es ist ein Stück über die von Holofernes angeführte assyrische Belagerung der hebräischen Stadt Bethulien. Das Libretto stammt von Giacomo Cassetti. Er wurde durch den sechsten venezianisch osmanischen Krieg dazu motiviert. Die Osmanen belagerten im Juli 1716 die Insel Korfu. Sie war zu dieser Zeit eine strategisch wichtige Insel im Besitz Venedigs. Die hebräische Seite zuvorderst Juditha versinnbildlicht das Christentum, der Assyrer Holofernes die osmanische Seite. „Antonio Vivaldi, Juditha triumphans,
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Das eindrucksvolle Staatsorchester Stuttgart als spannungsgeladener Antreiber in „Die Verurteilung des Lukullus“

Staatsoper Stuttgart, 13. November 2021

von Frank Heublein

An diesem Abend wird in der Staatsoper Stuttgart Die Verurteilung des Lukullus von Paul Dessau aufgeführt. Den Text steuert Berthold Brecht bei. Die Uraufführung der Oper kam 1951 in Berlin auf die Bühne.

Die Türen des Publikumsaals gehen nicht zu. Und eine Trauergesellschaft zieht links vom Parkett vorbei. Ich sehe es live und zugleich als Videobild auf der Bühne. Nach der Umrundung gelangt die Gesellschaft auf die Bühne. Am rechten vorderen Rand in Publikumreihe eins steht das Trautonium. Zugleich ist ein Übergang von Bühne und Publikumsraum, der an diesem Abend als Erweiterung des Spielraums genutzt wird.

Der Kameramann ist beständig auf der Bühne. Fokussiert Details. Diese werden per Video auf diverse Leinwände projiziert. Die Leiche des Lukullus wird hereingetragen. Ein vielschichtiger Trauerchor erhebt sich. Ein erster Eindruck der staccatoartigen Sprechgesänge, die ich in den folgenden 90 Minuten hören werde. Sie sind eher von der Musik getrieben als von ihr unterstützt. Sängerisch ist das extrem anspruchsvoll, da dies alles auskomponiert ist. Die Partitur ist zum Teil gegen den normalen Sprachrhythmus angelegt. „Die Verurteilung des Lukullus von Paul Dessau,
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Absolut sehenswert

Romeo und Julia, Ballett von John Cranko, Stuttgarter Ballett
Arte, 14. Februar 2021

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von Dr. Ralf Wegner

John Crankos Romeo und Julia-Choreographie habe ich auf der Bühne in den letzten 10 Jahren fünfmal gesehen, in Berlin, Wien und München. Im Gegensatz zu John Neumeiers Romeo und Julia-Interpretation hatte sie bei mir keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Bei der jetzt auf Arte gezeigten Stuttgarter Produktion aus dem Jahre 2017 war das anders. Zum einen lag es am ausgezeichneten Ensemble des Stuttgarter Balletts, zum anderen an dem wunderschönen Bühnenbild von Jürgen Rose.

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Neuntes Bild: Marktplatz, Adhonay Soares da Silva (Benvolio) beim Drehsprung (Videostill Arte concerts)

Die Bühnenmitte trennte ein als Brücke dienender Säulengang, hinter dem gemalte Vorhänge ein spätmittelalterliches Stadtbild mit markantem Geschlechterturm oder auch den Blumengarten im Hause Capulet zeigen. Zudem dient dieser gedeckte Säulengang als Eingangstor zum und als Durchgang im Hause Capulet, als Julias Balkon oder als Dach des Capuletschen Mausoleums. Nur Pater Lorenzo lebt außerhalb der Stadtmauern. Der Bühnenprospekt zeigte eine Landschaft mit beeindruckender Stadtmauer, wie man sie heute noch in Ávila in Spanien sehen kann.

Romeo und Julia ist ein Stück für und mit Jugendlichen. Dem Jugendalter entwachsene Tänzer wirken nicht mehr so ganz glaubhaft, selbst wenn sie gut schauspielern können. Bei Elisa Badenes als Julia war das anders. Es gelang ihr überzeugend, das jungmädchenhaft Schüchterne, bald in strahlende Freude oder auch in tiefste Verzweiflung Übergehende aus- zudrücken; vor allem aber die Zwangsläufigkeit, mit der die erste Liebe, die keinen Raum außer für den Geliebten lässt, von innen, von der Seele her zu vermitteln. Ihr Partner David Moore vermochte das Ungestüme, auch Verletzliche der Rolle des Romeo zwar ausreichend zu schauspielern, aber nicht als unmittelbar erlebt zu gestalten. Tänzerisch war er aber über jeden Zweifel erhaben, vor allem als Partner in den choreographisch großartigen Pas de deux mit Elisa Badenes.

„Romeo und Julia, Ballett von John Cranko, Stuttgarter Ballett
Arte, 14. Februar 2021“
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Großes Seefahrtskino: Der Holländer sticht in See und triumphiert!

Foto: © Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart, 3. Juli 2019
Richard Wagner, Der fliegende Holländer

von Anna-Maria Haberberger

Auf der Suche nach einer (Er-)Lösung befindet sich der Holländer in einer inneren Notwendigkeit den Fluch des Satans zu bewältigen. Nur alle sieben Jahre ist es ihm vergönnt, an Land zu gehen und eine Frau zu finden, die ihn aus reiner Liebe von seinem Leid befreit. Auf der Suche nach Heimat ist er unzählige Jahre umhergeirrt. Geld und Besitz sind ihm nichts mehr wert, er will nur noch erlöst werden von seinem Schicksal. Doch welche Frau will schon aus Liebe für einen Mann sterben?

Wagners romantische Oper (in der Urfassung!) bleibt in der Stuttgarter Inszenierung durch Calixto Bieito maßgeblich unromantisch. Wer auch nur ein Anzeichen von Romantik oder gar Schönheit und Reinheit vernehmen möchte, der wird enttäuscht werden. Die zugemüllte Bühne, die wohl eher einem Industriegebiet ähnelt, und Matrosen, die als Kaufleute dargestellt werden, werden regelrecht in den Abgrund gerissen. „Richard Wagner, Der fliegende Holländer,
Staatsoper Stuttgart, 3. Juli 2019“
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Jubel und Begeisterung für "Cosi fan tutte" in Stuttgart

Foto: Georg Nigl, Mingjie Lei, Johannes Kammler.
Mathias Baus (c)
Staatsoper Stuttgart, 7. Juni 2019
Wolfgang Amadeus Mozart, Cosi fan tutte

von Alexander Walther (onlinemerker.com)

Zwei junge Paare werden in dieser Oper auf eine raffinierte Treueprobe gestellt. Mozarts Verwechslungsspiel mit dem Libretto von Lorenzo Da Ponte (das Salieri übrigens ablehnte) bringt die großen Gefühle mächtig durcheinander. Eingefädelt wird dieser seltsame Partnertausch hier von dem abgeklärten Philosophen Don Alfonso und der lebenserfahrenen Kupplerin Despina. Die beiden jüngeren Paare Fiordiligi und Guglielmo sowie Dorabella und Ferrando werden einer schweren Prüfung unterzogen, die die Beziehungen fast scheitern lässt.

Man überlässt dem Philosophen Don Alfonso hier für 24 Stunden das Geschehen. Die Männer sollen in den Krieg ziehen. Die beiden kehren aber verkleidet zurück und Don Alfonso führt sie bei den Damen als albanische Freunde vor. Die Liebesverwicklungen mit den beiden Damen enden schließlich in einer geplanten Hochzeitszeremonie, die durch die Rückkehr der richtigen Verlobten aber vereitelt wird. Nach heftigen Schuldzuweisungen stimmen die Paare das Loblied der Vernunft an.

Die Inszenierung von Yannis Houvardas fragt sich, ob dieses Stück überhaupt einen Anfang und ein Ende hat. Ganz im Stil von Herbert Wernicke gibt das Bühnenbild von Herbert Murauer schnittstellenartig den Blick auf verschiedene Etagen eines großen Hauses frei, wo die Figuren sich irgendwie wie in einem Teufelskreis bewegen. Dieses Gefängnis der Gefühle ist auch ein Seelenlabyrinth. Alle sechs Figuren haben das starke Bedürfnis, in andere Seelen oder Körper zu wandern. Dies ist ein Aspekt, den Yannis Houvardas auch mit Hilfe der einfallsreichen Kostüme von Anja Rabes gut herausarbeitet. Mozart und Da Ponte spielen hier mit sehr vielen Inszenierungsweisen und Vorstellungen von Liebe.

In dieser Inszenierung soll es aber nicht um eine Verschwörung der Männer gegen die Frauen gehen, sondern um ein Spiel, an dem alle beteiligt sind. Don Alfonso wird hier als ein in der Liebe durchaus erfahrener Spieler dargestellt, der aber an diesem Spiel letztendlich gescheitert ist. Trotz sadistischer Instinkte ist er kein Sadist, sondern offenbart dem Publikum seine tief verletzte Seele. Die vier jungen Liebenden verkörpern allerdings auch den Inbegriff von Unerfahrenheit und Naivität. Das wird von Yannis Houvardas (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Rebecca Bienek) plastisch herausgestellt. Unter der schillernden Oberfläche schlummert jedoch eine tiefsitzende Lebensangst und Unsicherheit. Die psychologischen Effekte stechen bei dieser optisch zuweilen etwas eintönigen Inszenierung also eindeutig heraus, wobei die Personenführung eine ungewöhnliche Klarheit und erstaunliche Präsenz besitzt. Yannis Houvardas sieht dieses Meisterwerk denn auch als Tragikomödie, die einen bitteren Beigeschmack besitzt.


Stephanie Lauricella, Laura Wilde, Mingjie Lei. Foto: Matthias Baus

Unter der elektrisierenden Leitung von Cornelius Meister musiziert das Staatsorchester Stuttgart hier wie aus einem Guss. Der Geist der Opera buffa blüht mit bestrickendem melodischen Zauber auf. Cornelius Meister gelingt es dabei vorzüglich, auf die einzelnen Sängerinnen und Sänger einzugehen und sie zu Höchstleistungen anzuspornen. Die nahezu überirdische und geradezu sphärenhafte Heiterkeit überträgt sich auf die gesanglichen Leistungen von Laura Wilde als Fiordiligi, Stephanie Lauricella als Dorabella sowie Johannes Kammler als Guglielmo und Mingjie Lei als Ferrando. Gerade in den Quartetten gelingt es den Sängern, eine ausgezeichnete klangliche Balance zu halten. Die Musik schwebt hier mit den Gesangsstimmen nahezu fort. Auch Catriona Smith als Despina und Georg Nigl als sonorem Don Alfonso gelingen dabei köstliche Charakterstudien voller Tiefsinn.

Vor allem glückt es Cornelius Meister mit dem Staatsorchester und dem von Manuel Pujol einfühlsam einstudierten Staatsopernchor Stuttgart immer wieder, den Lustspielgeist dieser Oper zu beschwören. Dies zeigt sich schon im Presto-Wirbel der Ouvertüre, wo alle filigranen Register gezogen werden. Die drei etwas kurzatmigen Themen können sich bei Meister jedoch  bestens entfalten. Gelöstheit und Beschwingtheit gehen trotz der bewusst raschen Tempi nicht unter. Die Oboe trägt einschmeichelnd das schwärmerisch verliebte Motiv vor – und die Bässe lösen es mit dem Zitat „So machen’s alle“ ab. Der Dirigent Cornelius Meister besitzt einen ganz besonderen Sinn für die Feingliedrigkeit der Musik Wolfgang Amadeus Mozarts, deren Zerbrechlichkeit bei diesen ernsten Scherzen wiederholt deutlich wird.

E. T. A. Hoffmann verleugnete bei seiner Beschreibung dieser Oper keineswegs deren „ergötzlichste Ironie“, was man bei der Interpretation durch Cornelius Meister auch heraushört. Die zahlreichen Grenzüberschreitungen manifestieren sich zudem an der geometrischen Konstruktion dieser Partitur, die von den Musikern voll erfasst wird (Continuo Hammerklavier: Annemarie Herfurth; Violoncello: Zoltan Paulich). Eduard Hanslick bemängelte allerdings die Unwahrscheinlichkeit dieser Fabel. Es gäbe keine „abgeschmacktere Zumuthung an den Köhlerglauben der Zuschauer, als die fortwährende Blindheit der beiden Heldinnen, welche ihre Liebhaber, mit denen sie eine Viertelstunde zuvor noch gekost, nicht erkennen…“ Auch Yannis Houvardas kann dieses Problem in seiner Inszenierung nicht vollständig lösen. Aber man sollte hier nicht immer nur den Maßstab des szenischen Naturalismus anlegen. Eine Legende besagt sogar, diese Verwechslungsgeschichte habe sich in Wien wirklich zugetragen, und nur deshalb habe Kaiser Joseph II. dieses Sujet vorgeschlagen.

Imposant gelingt bei dieser Aufführung insbesondere das Finale mit Katastrophe und Versöhnung. Erst von der Terz des C-Dur-Dreiklangs aus endet das Motiv im sieghaften Schluss. Die anschließende f-Moll-Episode („Quel che suole altrui far piangere“) führt die Musik gerade bei Cornelius Meister in völlig andere Regionen. Die G-Dur-Stelle des ausgelassenen Lachens erscheint so in der Musik und auch auf der Bühne in einem besonders grellen Licht. Da besitzt die Inszenierung ihren seltsam-unheimlichen Zauber. Das Publikum reagierte mit Jubel und Begeisterung.

Alexander Walther, 8. Juni 2019

 

Der Spiegel der Vergangenheit – Stuttgart inszeniert eine Wucht von Glucks Operndrama Iphigénie en Tauride

Foto: © Martin Sigmund
Christoph Willibald Gluck, Iphigénie en Tauride
Staatsoper Stuttgart, 19. Mai 2019

von Anna-Maria Haberberger

Statt des zu erwartenden monströsen Unwetters ringsum die Insel Tauris mit blutigen Menschenopfern und machtvollen Schandtaten mitten unter Göttern, inszeniert der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski eine Oper, die im Hier und Jetzt handelt und musikalisch wie schauspielerisch auflebt. „Christoph Willibald Gluck, Iphigénie en Tauride, Staatsoper Stuttgart, 19. Mai 2019“ weiterlesen

„Tricky Dicky“ in China: John Adams Oper überzeugt auf der Stuttgart-Bühne

Foto: © Matthias Baus / Staatsoper Stuttgart
John Adams, Nixon in China, 3. Mai 2019

von Maria Steinhilber

Mit Richard Nixon reist zum ersten Mal ein US-Präsident zum Staatsbesuch in die Volksrepublik China. Nixon frohlockt. Der historische Händedruck zwischen chinesischem Premier und amerikanischem Präsidenten flimmert gerade weltweit über die Mattscheiben. In den USA dank Zeitverschiebung  – welch ein Zufall – zur Hauptsendezeit. Nixon mißt seinem Besuch dieselbe Bedeutung bei wie  der „Apollolandung auf dem Mond.“

Im Pendant beginnt auf der Stuttgarter Opernbühne das Historienspektakel mit einer Mondlandung. Nixon betritt als verwirrter Astronaut unbekanntes Terrain.  Mao Tse-tung redet als Sektenprediger wirres Zeug; verbucht es als Philosophie. „Tricky Dicky“ kann damit „null Komma nada“ anfangen, er interessiert sich für Wirtschaft. Seine Frau Pat für Mode. Sie reden aneinander vorbei, fühlen sich pudelwohl. Erst Frühlingsgefühle. Sackgasse. Katerstimmung.  Dazu große Bilder auf großer Bühne. „John Adams, Nixon in China,
Staatsoper Stuttgart, 3. Mai 2019“
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Staatsoper Stuttgart: Das Auge kann sich nicht satt sehen – die Bühne quirlt, leuchtet, brennt

Foto: © Matthias Baus
Staatsoper Stuttgart, 9. April 2019
Sergej Prokofjew, Die Liebe zu drei Orangen

von Maria Steinhilber

„Vorhang auf!“. Es erscheint ein Herold, der nach einem Fanfarenstoß auf seiner Bassposaune verkündet, dass König Treff verzweifelt sei über seinen einzigen Sohn, den Erbprinzen, der an einer unheilbaren Krankheit, der Hypochondrie, langsam zu Tode sieche. Die Ärzte zählen die langen Leiden des Prinzen auf; Diagnose = unheilbare Hypochondrie. Rezept = Lachtherapie? „Sergej Prokofjew, Die Liebe zu drei Orangen,
Staatsoper Stuttgart, 9. April 2019“
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