Frauenpower (ba)rockt Vivaldis Juditha triumphans

Antonio Vivaldi, Juditha triumphans,  Staatsoper Stuttgart, 12. März 2022

© Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart, 12. März 2022

Antonio Vivaldi Juditha triumphans

von Frank Heublein

Am heutigen Abend wird in der Staatsoper Stuttgart Juditha triumphans von Antonio Vivaldi aufgeführt. Anfangs tritt Intendant Victor Schoner an den Bühnenrand und bittet um Spenden für die Ukraine. Die Organisation Stelp besorgt insbesondere dringend benötigte medizinische Produkte. Er sagt, die Situation treibt die Kulturschaffenden auf und hinter der Bühne der Staatsoper Stuttgart um. Die Hilflosigkeit, die grausame Situation nicht selbst zum Besseren verändern zu können.

Das Stück Juditha triumphans hat Antonio Vivaldi als Oratorium 1716 komponiert. Es ist ein Stück über die von Holofernes angeführte assyrische Belagerung der hebräischen Stadt Bethulien. Das Libretto stammt von Giacomo Cassetti. Er wurde durch den sechsten venezianisch osmanischen Krieg dazu motiviert. Die Osmanen belagerten im Juli 1716 die Insel Korfu. Sie war zu dieser Zeit eine strategisch wichtige Insel im Besitz Venedigs. Die hebräische Seite zuvorderst Juditha versinnbildlicht das Christentum, der Assyrer Holofernes die osmanische Seite.

Aufgeführt wird das Stück zu einer Zeit, in der Russen die größten Städte der Ukraine belagern. So klar lassen sich die Seiten der „guten“ Hebräer und „bösen“ Assyrer zu Russen und Ukrainern nicht zuordnen. Ist es doch der Aggressor Holofernes, der singt „Nil arma, nil bella, / nil flamma furoris, / si cor bellatoris / est cadens in se. / Si pugnat sperando, / iam virtus pugnando / vigescit in spe“ (Nichtig sind Waffen und Krieg, / nichtig die Hitze des Gefechts, / wenn des Soldaten Herz / ihm den Dienst versagt. / Wofür er aber hoffend kämpft, / wird sein Kampfesmut / an dieser Hoffnung erstarken.). Das klingt für mich stark nach dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj, der diese im Gesang formulierte unerschütterliche Hoffnung in die Herzen der Verteidiger der Ukraine pflanzt.

Das Stück komponierte Vivaldi als Maestro de’ Concerti des Ospedale della Pietà. Ein Waisenhaus für Mädchen und junge Frauen in Venedig und zugleich eine der größten Musikschulen der Stadt. Daher ist das Stück so komponiert, dass alle Rollen mit Frauen besetzt werden. Auch der Chor ist ausschließlich weiblich besetzt.

Die Titelrolle der Juditha singt Sopran Rachael Wilson. Sie stemmt in meiner Wahrnehmung mit ihrem Sopran voll entschlossener Strahlkraft musikalisch ganz überwiegend den ersten Teil. Im zweiten Teil verstummt Juditha, nachdem sie Holofernes seinen Kopf abgeschlagen hat. Die Arie ist ein Monolog hin zu Gott. Ein Gebet, eine Selbst-Ermutigung. Rachael Wilson ersingt sich für mich spürbar die Entschlossenheit zur Bluttat. Ihr gelingt stimmlich das Changieren zwischen dem „warmen“ Glauben an Gott und dem „kalten“ entschlossenen Mord an Holofernes. Die Szene  wirkt außergewöhnlich intensiv in meinen Ohren und Augen.

Holofernes singt Altistin Stine Marie Fischer. Im ersten Teil überzeugt mich ihre souveräne unangestrengte volle Stimme. Sie verkörpert stimmlich den mächtigen Siegertyp mit ihrer starken Präsenz. Der zweite Teil wirkt in mir insgesamt viel emotionaler als der erste. So auch Stine Marie Fischers. In ihrer Stimme höre ich die warme Leidenschaft des Holofernes, wenn er Juditha umwirbt: „Prosit: bibendo / a te salutem spero, et si tu amabis me, tu salus ero“. (So sei’s! Trinkend / erhoff ich Erlösung durch dich. Und liebst du mich, / so werde ich deine Erlösung sein.). Zugleich verliert der Krieger jegliche Vorsicht. Ganz unvorstellbar ist ihm, dass Juditha ihn nicht lieben wird.

Für den gesanglichen Höhepunkt im zweiten Teil sorgt Mezzosopran Diana Haller als Vagaus, ein Gefolgsmann des Holofernes. Er entdeckt den geköpften blutüberströmten toten Korpus des assyrischen Feldherrn. Diana Haller macht daraus mit ihrer zupackenden kraftvollen Stimme eine beindruckende Arie. Sie umhüllt mich stimmlich mit einem Füllhorn der Emotionen. Ich meine zu spüren, wie ihre Energie alle Blicke des Publikums auf sie bündelt. Ich jedenfalls bin in diesem Moment ganz in ihrem wunderbaren gesanglichen Spiel gefangen. Anfänglich Angst und Verzweiflung über den Tod des Anführers. Über den Verlust des Krieges. Diese Gefühle wandelt Diana Haller in Augenblicken um zu Wut und Rachedurst. Exakte prononcierte Koloraturen. Großartig! Wie kontrolliert gekonnt singt sie den unkontrollierten Ausbruch dunkelster Gefühle!

„Armatae face et anguibus / a caeco regno squallido / furoris sociae barbari / Furiae, venite ad nos. / Morte, flagello, stragibus / vindictam tanti funeris / irata nostra pectora / duces docete vos“ (Bewaffnet mit Fackeln und Schlangen / aus eurem finsteren und öden Reich kommt, / der rasenden Wut Gefährtinnen, / ihr Furien kommt zu uns. / Lehrt als Führerinnen / unsere erzürnten Herzen / Rache für einen solchen Tod zu nehmen / mit der Peitsche, mit Tod und Gemetzel.). In ihrer Arie verkörpert Diana Haller eindrucksvoll, was die Spannung ins an sich handlungsarme Oratorium bringt: das singende Hineinsteigern, das Hochkochen der Emotionen mittels da capo Arie.

Das Staatsorchester unter Leitung Benjamin Bayls wirkt auf mich in den zwei Teilen unterschiedlich. Im ersten Teil finde ich die Abstimmung zu den Stimmen nicht komplett gelungen. Die Stimmen werden von dem die Stimmen überlagernden und sehr dynamisch schnellen Orchesterklang klanglich zurückgedrängt. Das vom Orchester vorgegebene Tempo treibt die Sängerinnen in diesen Momenten.

Den zweiten Teil höre ich im Vergleich auffällig anders. Er gefällt mir musikalisch sehr viel besser als der erste Teil. Das Orchester ist im Teil nach der Pause stets unter den Stimmen, bietet ihnen beste Unterstützung und zusätzliche Klangfarben. Einen Hauch weniger schnell. Die Holzbläser gefallen mir am besten. Diese werden stets getrennt eingesetzt, also jeweils nur Flöten oder Oboe oder Fagott oder gar Klarinette. Das ist die bisher älteste Komposition, in dem ich Klarinetten in der Besetzung höre. Das Instrument war zum Zeitpunkt der Komposition etwa zehn Jahren zuvor kurz nach Beginn des 18. Jahrhunderts gerade erst erfunden worden.

Im ersten Teil habe ich Schwierigkeiten, die Inszenierung inhaltlich nachzuvollziehen. Fast alles ist weiß. Rituell wirkenden Segnungsszenen, die ich in keinen mir nachvollziehbaren Sinnzusammenhang mit der gesungenen Handlung bringen kann. Warum werden die schwarzen Waffen ins weiße Farbbad getaucht? Ich kann die Protagonisten nicht unterscheiden. Alle tragen dieselbe und natürlich weiße Uniform. Wer ist da wer? frage ich mich.

Den zweiten Teil verstehe ich besser. Mittlerweile sind mir die Rollen klar. Das Weiß auf der Bühne verlagert sich in Sprüngen immer mehr ins Rote. Zeichen der Machtverlagerung weg von den Assyrern hin zu den Hebräern. Zeichen für die Bluttat.

Wenngleich der erste Teil schwächer als der zweite für mich ist: Rachael Wilsons Juditha ist gut, sie trägt das Stück vor der Pause und bereitet mir großes musikalisches Vergnügen. Der zweite Teil begeistert mich in der Vielzahl der wunderbaren Stimmen. Triumphale Trompetenklänge beschließen in der Schlussarie das Oratorium und geben mir das bestärkende Gefühl: der Aggressor kann bezwungen werden, damals wie auch heute. Ich wünschte, dieses Gefühl, diese Klänge könnten als zusätzliche Kraft über die Grenzen nach Osten zu unseren ukrainischen Nachbarn wandern. Ohne das Gefühl der Rache auszulösen, den Kreis der Gewalt durchbrechend.

Frank Heublein, 14. März 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

Programm

Juditha triumphans von Antonio Vivaldi

Die über die Barbarei des Holofernes triumphierende Juditha

Oratorium sacrum militare

Libretto von Giacomo Cassetti nach dem biblischen Buch Judit in lateinischer Sprache

 

Besetzung

Musikalische Leitung   Benjamin Bayl
Regie und Bühne   Silvia Costa
Kostüme   Laura Dondoli
Licht   Bernd Purkrabek
Dramaturgie   Franz-Erdmann Meyer-Herder, Antonio Cuenca Ruiz

Chor    Bernhard Moncado

Regiemitarbeit   Rosabel Huguet Dueñas

Bühnenbildmitarbeit    Maroussia Vaes

Juditha   Rachael Wilson

Holofernes   Stine Marie Fischer

Vagaus    Diana Haller

Abra   Gaia Petrone

Ozias   Linsey Coppens

Chorsoli   Noriko Kuniyashi, Shan Shan Wang

Staatsopernchor Stuttgart

Staatsorchester Stuttgart

 

Die Verurteilung des Lukullus von Paul Dessau, Staatsoper Stuttgart, 13. November 2021

Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Staatsoper Stuttgart, 3. Juli 2019

Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis, Frieder Bernius, Kammerchor Stuttgart, DVD-Besprechung

 

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