Wie man Beethoven interpretiert

Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis, Frieder Bernius, Kammerchor Stuttgart,  DVD-Besprechung

Foto: Kammerchor Stuttgart © Jens Meisert

„Bernius nimmt in Teilen dem Werk seine Wucht, was aber dem Gesamteindruck eher nützt. Hier wird nicht große Oper aufgeführt, sondern ein Chorwerk.“

DVD-Besprechung: Ludwig van Beethoven, Missa Solemnis
(Naxos 2.110669)

Johanna Winkel
Sophie Harmsen
Sebastian Kohlhepp
Artu Kataja

Kammerchor Stuttgart
Hofkapelle Stuttgart
Frieder Bernius

Ein Film von Uli Aumüller

von Peter Sommeregger

Dieser eindrucksvolle Film dokumentiert Proben und Aufführung einer CD-Produktion von Beethovens Opus magnum „Missa Solemnis“.

Der Regisseur Uli Aumüller begleitet den Chordirigenten Frieder Bernius während der Probenzeit für dieses mehr als anspruchsvolle Werk, lässt auch beteiligte Musiker zu Wort kommen. So entsteht eine äußerst informative Sicht auf das Werk. Bernius weist auf viele Feinheiten hin, die man als Zuhörer vielleicht gar nicht bemerken würde, und zeigt auch, wie viel Arbeit in der Realisierung eines in jeder Hinsicht großen Werkes steckt.

Die Arbeit des Chordirigenten beinhaltet auch eine akribische Erarbeitung des verschieden einzusetzenden Klanges von Vokalen. Solche und viele andere Details werden in dem Film erörtert; mit einem stark vertieften Hintergrundwissen erlebt man im Anschluss dann die Aufführung, die bereits vor einiger Zeit als CD veröffentlicht wurde.

Frieder Bernius. Foto: Gudrun Bublitz

Schnell bemerkt man, dass Bernius‘ Ansatz der Interpretation sich deutlich von den großen Einspielungen des Werkes durch prominente Dirigenten mit Starsängern als Solisten unterscheidet. Bei ihm ist die Ausgewogenheit der Chöre, und die Qualität der einzelnen Chorsänger der wichtigste Punkt.

Sein Solisten-Quartett braucht aber trotzdem den Vergleich mit prominenteren Sängern nicht zu scheuen. Johanna Winkel, Sophie Harmsen, Sebastian Kohlhepp und Artu Kataja leisten Hervorragendes, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu spielen. Auch die Hofkapelle Stuttgart nimmt sich deutlich zurück, so wird das dem Werk manchmal anhaftende opernhafte erfolgreich vermieden.

Kranken viele berühmte Einspielungen des Werkes an überforderten Chören, so kann in diesem Fall der Kammerchor Stuttgart voll seine Qualitäten entfalten. Bernius nimmt in Teilen dem Werk seine Wucht, was aber dem Gesamteindruck eher nützt. Hier wird nicht große Oper aufgeführt, sondern ein Chorwerk. Seinem Schöpfer lag es besonders am Herzen, er versah die Partitur mit dem Zusatz: „Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen“.

In dieser eher sanften, ungemein ausgewogenen Interpretation erfüllt sich dieser Wunsch des Komponisten optimal. Völlig ohne aufhübschende Optik kommt diese Aufzeichnung aus, die Abtei von Alpirsbach in Baden-Württemberg lenkt in ihrer Schmucklosigkeit keinen Augenblick vom Wesentlichen ab: nämlich der Musik Beethovens und ihrer Interpretation.

Peter Sommeregger, 24. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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