Klaus Florian Vogt ist der Meistersinger von Bayreuth

Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg  Bayreuther Festspiele, 31. Juli 2018

Foto: © Enrico Nawrath
Bayreuther Festspiele
, 31. Juli 2018
Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg

von Andreas Schmidt

Live ist Wagner am besten. Es geht nichts über die superbe Akustik im Großen Festspielhaus in Bayreuth. Wer am Mittwoch dabei war bei der zweiten Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“, durfte sich glücklich schätzen. Es war ein phantastischer, sinnlicher und stimmungsvoller Abend auf dem Grünen Hügel – diesen Sound und dieses Bühnenspiel können kein Kino und kein Livestream (wie bei der Premiere des „Tannhäuser“ am vergangangenen Donnerstag) bieten.

klassik-begeistert.de verfolgte die 4,5 Stunden dauernde Oper in Reihe 25 im Parkett. Und muss die Worte vom Vorjahr wiederholen: Die Solisten und der Chor waren die Stars des Abends. Der Chor war von Eberhard Friedrich, dem Chordirektor der Staatsoper Hamburg, ganz hervorragend vorbereitet worden. Stimmlich und schauspielerisch war das eine Weltklasse-Leistung!

Das Festspielorchester musizierte unter Philippe Jordan auf Weltklasse-Niveau in flüssigen, zügigen Tempi mit sehr viel Spielfreude. Es war eine große Freude, allen Orchesterteilen zuzuhören – genau so geht Wagner! Leider herrschte beim herausragenden, hochromantischen Vorspiel zum dritten Aufzug nicht absolute Ruhe. Der Schweizer Jordan ist Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Zum 1. September 2020 wird er Musikdirektor der Wiener Staatsoper.

Noch eine Klasse besser als im Vorjahr war der Tenor Klaus Florian Vogt als Ritter Walther von Stolzing. Vogt sang makellos. Rein. Frisch. Herausragend. Weltklasse! Besser kann man den Stolzing nicht singen. Klar, fein, in den Höhen atemberaubend sauber und kraftvoll. Bis zum Ende überzeugte der 49-Jährige mit bombastischer Kondition, mit Klangschönheit und –fülle.

Ja, dies war der Abend des Norddeutschen, der mit seiner Familie in Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) an der Elbe lebt: Er gab den Stolzing mit seiner ihm eigenen, fast unwirklichen Knabenstimme mit herrlicher Höhe und gefiel besonders mit der „Selige Morgentraum-Deutweise“. Es ist unfassbar, wie er nach dem Lohengrin am Freitag, dem Stolzing am Samstag, dem Lohengrin am Montag nun an diesem Mittwoch schon wieder 150-prozentig als Stolzing performte. Und am Samstag steht er schon wieder als Lohengrin auf der Bühne.

Lieber Herr Vogt, auch wenn Sie nur den zweitgrößten Applaus nach Michael Volle bekamen: Das waren Sternstunden auf dem Grünen Hügel. Sie sind der Meistersinger von Bayreuth. Möge Ihre gesegnete Stimme die Menschen noch viele Jahre verzaubern.

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Herausragend war auch die Leistung des Baritons Michael Volle als Schustermeister Hans Sachs. Der Facettenreichtum seiner Stimme war zutiefst beeindruckend. Macht- und kraftvoll, souverän und mit phantastischen Zwischentönen. Weltklasse! Besser kann man den Schuster Hans Sachs nicht singen: Weltklasse! Mailand, London, New York, Berlin, München und Bayreuth: Michael Volle ist nur an den besten Opernhäusern der Welt zu hören.

Auch der Bass Günther Groissböck als Goldschmied Veit Pogner lieferte eine Weltklasseleistung ab. Er zog die Zuhörer und Zuschauer mit seiner väterlichen Stimme in den Bann. Amazing! Auch im höheren Register überzeugte er mit einem tollen Timbre. Seine Kernkompetenz ist aber der mittlere und tiefere Bereich: Kernig und volltönend! Sehr entspannend. Groissböck war an diesem Abend der Sänger mit dem größten Magie-Faktor, mit der größten energetischen Ausstrahlung. Der Niederösterreicher gab nach seinem Weltklasse-Gurnemanz am Vorabend einen hervorragenden, sehr edlen Meister Pogner. Er hat ein wunderbares, dunkles Timbre, das sehr gut zu der Rolle passt. Absolute Wohlfühlstimme – Weltklasse! Schade, dass die Partie so kurz ist.

Einen guten, aber keinen sehr guten David gab der Tenor Daniel Behle. Sehr präsent und sehr präzise sang der gebürtige Hamburger (Jahrgang 1974) als Lehrbube von Hans Sachs – immer wieder berührte er mit herausragenden Passagen und wunderbarer Strahlkraft, wobei ich ihn im Vorjahr noch stärker fand.

© Enrico Nawrath

Sehr gut, nuancenreich, mit viel Spielwitz und Stimmenreichtum agierte auch der Bariton Johannes Martin Kränzle als Stadtschreiber Sixtus Beckmesser. Vielleicht könnte Kränzle die Partie noch „beckmesserischer“, noch kratzbürstiger und „verrückter“ singen. Sie klang in weiten Teilen noch ein wenig zu „schön“.

Gewaltig aufhorchen ließ vom ersten Ton an die Mezzosopranistin Wiebke Lehmkuhl, Evas Amme: in der Höhe brillant und mit sehr angenehmem Timbre auch in der Tiefe. Sie hat sich im Vergleich zum Vorjahr noch einmal verbessert und ist auch bestens geeignet für größere Aufgaben.

Sehr kurz aber wunder-wunderschön ertönte auf dem Off die väterlich-warme Stimme des bayrerischen Basses Wilhelm Schwinghammer, Jahrganz 1977, als Nachtwächter. Er zeigte schon wie am Vortag als Titurel im „Parsifal“ und als Reinmar von Zweter im „Tannhäuser“, dass er zu den führenden Bässen Europas gehört – und sollte in Bayreuth dringend auch in größeren Partien sein Können unter Beweis stellen.

Sehr edel und  voll ist der Gesang von Daniel Schmutzhard als Fritz Kothner. Dieser Bariton aus Österreich ist ein ganz großes Talent und wird bald auch in größeren Rollen zu hören sein.

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Die einzige krasse Fehlbesetzung des Abends war wie im Vorjahr die US-Amerikanerin Emily Magee als Eva, Pogners Tochter. Sie war kurzfristig für Camilla Nylund eingesprungen. Ihr fehlte jeglicher jugendlicher Glanz und jegliche Frische in der Stimme. Die 53-Jährige bekam denn auch den dezentesten Beifall des Publikums und gar keine Bravi. Zahlreiche Töne sang sie bis zu einen halben Ton falsch an, von Strahlkraft in der Höhe keine Spur. Oft klang Magee sehr gepresst und nicht frei im Ausdruck. Insgesamt war ihre Stimme zu dünn für diese Rolle in diesem Saal. Bei den Spitzentönen klang die US-Amerikanerin immer wieder unangenehm schrill. Auch war die Artikulation der renommierten Sängerin, die nur an wirklich bedeutenden Häusern singt, sehr undeutlich und schwammig. Ihr Text war fast gar nicht zu verstehen, ja, es blieb weitgehend unklar, in welcher Sprache die Sopranistin sang. Ihre Leistung fiel im Vergleich mit den anderen hervorragenden Sängern deutlich ab. Die Bayreuther Festspiele können sicher spielend deutlich bessere Sängerinnen engagieren. In dieser Form reichte es an diesem Abend nicht einmal für ein Provinzopernhaus.

Die Inszenierung des Australiers Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, ist die beste, agilste, vitalste und packendste der letzten Jahre auf dem Grünen Hügel. Ein Meisterwurf. BR-Klassik schrieb im Vorjahr trefflich: „Barrie Kosky inszeniert eine Reise durch den Wahn. Der Wahn wohnt in einem Charakterkopf, auf dem ein schwarzes Samtbarett sitzt. Wagner liebte solche Kappen. Damit sah er fast wie Rembrandt aus. Nicht weit vom Festspielhaus, in der Villa Wahnfried, kann man heute in den rekonstruierten Räumen die originalen Mützen des Meisters bewundern. Dort, bei Wagners Zuhause, beginnt auch Koskys Meistersingerinszenierung. Schon während der Ouvertüre bevölkert sich der Raum. Schwiegervater Franz Liszt greift in die Tasten. Gattin Cosima hat Migräne. Und dann kommt auch noch Dirigent Hermann Levi zu Besuch, den Wagner als Künstler achtet und als Menschen quält, weil er Jude ist. Man spricht ein neues Werk durch, singt und spielt: die Meistersinger.

© Enrico Nawrath

Wagner, der solche Privataufführungen liebte, verteilt die Rollen. Liszt verwandelt sich in Pogner, Cosima in Eva. Wagner selbst steht mehrfach auf der Bühne. Als junger Mann ist er Stolzing, als alter Sachs. Diese ersten Minuten sind grandios. Temporeich, treffsicher und bitterböse – etwa, wenn alle niederknien, um die deutsche Kunst anzubeten. Nur der Jude Levi wird ausgeschlossen, fremd gemacht, ins Abseits gestellt. Klar, dass ihm die Buhmann-Rolle des Beckmesser zufällt.“

Zum Inhalt: Regeln sind den Nürnberger Meistern heilig, mindestens so heilig, wie Veit Pogner die Tochter Eva. Diese hat der Goldschmiedemeister als Preis eines Wettbewerbs ausgelobt, bei dem Nürnbergs Handwerksmeister singend um das Mädchen ringen sollen. Doch gilt es in diesem Kampf die guten alten Regeln ihrer Kunst zu wahren, denn Verse und Lieder gelten nur, wenn sie dem klassischen Reglement entsprechen. Pech für den verarmten Ritter Walther von Stolzing: auch er hat sich in Eva verliebt und sie hat ihm – zum Glück – sein Herz geschenkt. Lenken lässt sich Liebe nicht: Nun will auch Stolzing sich dem Wettstreit stellen. Ums Ganze – Liebe, Ehre, Regeln, Kunst – singt er in diesem Wettbewerb. Sehr schlecht sind seine Karten, doch am Ende siegt er auf der Festwiese und mit ihm die Überraschung, die Zauberkraft der Liebe und die lebensbejahende Selbsterkenntnis der Handwerksmeister: Erneuerung ist ihre Tradition.

Andreas Schmidt, 29. Juli 2018,
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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