Mal zart und mal verschwenderisch: Diese Walküre ist ein Meilenstein

Richard Wagner, Die Walküre
Sächsische Staatskapelle Dresden
Christian Thielemann
Großes Festspielhaus, Salzburg

Wer nach diesem Abend wieder ins Leben gespült wird, ist sprachlos. Draußen vor dem Großen Festspielhaus in Salzburg warten die Chauffeure auf die Reichen, die weniger Reichen gehen zu Fuß oder fahren mit dem Fahrrad nach Hause. Doch ob reich oder weniger reich: Diese vier Stunden waren für jeden, der dabei sein durfte, ein Meilenstein. Dieser Opernabend öffnete die Seele, mal zart und mal verschwenderisch, mal ganz leise und mal ganz laut. Diese „Walküre“, Richard Wagners vielleicht betörendstes Oeuvre, war eine musikalische und bildliche Offenbarung, eine Zelebration des Perfektionismus und der Leidenschaft. Wagner-„Walküren“ haben sich fortan an dieser revitalisierten Jahrhundertinszenierung messen zu lassen.

Was die Sänger und das Orchester an diesem Abend leisten, setzt in puncto Hingabe und Klangschönheit Maßstäbe. Was die Neu-Inszenierung dieses zweiten Teiles des Rings des Nibelungen, vor 50 Jahren vom Jahrhundertdirigenten Herbert von Karajan und dem Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen zur Eröffnung der Osterfestspiele Salzburg auf die Bühne gebracht, an Ästhetik, an Augenblicken, die sprachlos machen und an Spielfreude hergeben, ist Extraklasse.

Es ist phantastisch, wie die Regisseurin Vera Nemirova diese Oper neu in Szene gesetzt hat. Überhaupt nicht verstaubt wirkt sie, Bühnenbild und Personenführung sind eine Augenfreude. Die monumentale Weltesche im ersten Aufzug meißelt sich unwiderruflich ein ins Gedächtnis.

Was die Sächsische Staatskapelle Dresden unter dem Dirigat von Christian Thielemann leistet, ist Hörgenuss pur für jeden Freund feinster Wagner-Darbietungen. Ja, und überhaupt: der Thielemann. Der Dirigent und Künstlerische Leiter der Salzburger Osterfestspiele ist an diesem Ostermontag – 19 Stunden nach einem perfekten Mozart und einem epochalem Bruckner – an Agilität, an Wachheit, an Präzision und Hingabe, nicht zu übertreffen. Ihm, dem Wagner-Experten, können die Musiker im Graben und die Sänger auf der Bühne blind vertrauen. Thielemann weiß genau, wann und wem er Einsätze geben muss und wann und wem nicht. Wie er mit wirklich allen Nuancen dieses Werkes vertraut ist und sie feinfühlig – und wenn es sein muss vollstem Körpereinsatz – darbietet, das ist à la bonne heure.

„Die Walküre“ ist das Paradestück für Thielemann und sein grandioses Orchester aus Dresden, dem der gebürtige West-Berliner seit 2012 als Chefdirigent vorsteht. Der Meister beweist souverän und wie zu erwarten: Er kann es einfach. Er hat Wagners Musik durchschaut, er hat sie verinnerlicht – und mit diesem Orchester bedeutet das: meisterliche Wagnerklänge!

Die Solisten rauben dem Publikum teilweise den Atem, wie klassik-begeistert.de schon beim „Walküre“-Auftritt der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Hamburger Elbphilharmonie im Februar 2017 konstatierte: der schmelzende Nougat-Ton des Solo-Cellisten, butterweiche Klänge der Solo-Klarinette und Solo-Oboe: ein Paradies für Klassik-Begeisterte.

Die Gesangsleistungen an diesem Abend sind von einer einhelligen Konstanz, Güte und Ausgewogenheit, die nur selten in einer Oper anzutreffen sind. Die Phrasierung und Textverständlichkeit aller Sänger ist überwältigend – die Übertexte sind da reiner Luxus. Alle Sänger liefern 100 Prozent ihres Leistungsvermögens ab. Dieses Luxusensemble beflügelt sich gegenseitig und schwingt sich zu immer neuen Höhen hinauf.

Der Tenor Peter Seiffert als Siegmund singt nicht wie ein 63-Jähriger, sondern in weiten Strecken wie ein 30 Jahre alter Heldentenor. Seine Strahlkraft in der Höhe ist beeindruckend – was er seinem Instrument im ersten Aufzug beim langen „Wälse!“-Ausruf abzuverlangen vermag, wie im Verlaufe dieses Rufs immer mehr Klang in den Großen Saal verströmt, ist atemberaubend. Diese vitale, ausdrucksstarke Darbietung vitalisiert und geht unter die Haut. Hier zahlt sich aus, dass der gebürtige Düsseldorfer seine Auftritte gut dosiert. Tosender Applaus für Peter Seiffert.

Sogar noch ein kleines Quäntchen mehr Applaus, den größten an diesem Abend, ersingt sich die Sopranistin Anja Harteros als Siegmunds Zwillingsschwester Sieglinde. Das Liebespaar harmoniert ganz wunderbar auf der Bühne. Was die große Harteros bei ihrem Bühnendebüt als Sieglinde leistet, ist an Intensität, an Klangschönheit, an Spielfreude nicht zu überbieten. Sieglinde ist nicht besser zu singen. Das, liebe Frau Harteros, ist absolute Weltklasse.

Mit welcher Leichtigkeit und Perfektion die Deutsch-Griechin die Partie meistert, ist atemberaubend. Sie sorgt immer wieder für magische Momente, für Glücksgefühle der besonderen Art. Diese Sängerin agiert auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft und sollte dieses Niveau noch lange halten, da auch sie sehr gut mit ihren Kräften zu haushalten vermag.

Phantastisch, und mit fast ebenso großem Applaus versehen, verläuft der Abend für Anja Kampe als Brünnhilde. Die Strahlkraft der Sopranistin ist schon zu Beginn des zweiten Aufzugs beeindruckend, die Wärme in ihrer Tiefe zum Darniederliegen schön. Voller Leidenschaft transportiert sie im Duett mit Vitalij Kowaljow als Wotan die unterschiedlichen Emotionen, die Brünnhilde durchdringen, bis man deren Leid und Hoffnung am eigenen Körper spürt. Am meisten unter die Haut gehen Kampes einfühlsame, zart-leise Pianopassagen – die sind Weltkasse.

Ganz wunderbar harmoniert der Bariton Vitalij Kowaljow als Wotan mit Anja Kampe – mit unglaublich viel Variabilität und wenn es sein muss auch Schmackes in der Stimme. Dieser Salzburger Wotan ist jugendlich unverbraucht – der Ukrainer singt ohne Anstrengung auf schlanker Linie.

Die goldene Krone in puncto Textverständlichkeit holt sich Georg Zeppenfeld als Sieglindes Ehemann Hunding. Zeppenfeld war der gefeierte Gurnemanz im Bayreuther Parsifal 2016. Seine Stimme ist grandios – ein Bass von Flexibilität und Wärme geführt. Sein Virilität ist beindruckend; ein besserer Hunding ist nicht vorstellbar.

So war denn auch das Publikum im Großen Festspielhaus hin und weg von diesem Walküre-Wagner am Ostermontag: „Ich erinnere mich genau, dass beim großen Karajan 1967 alles sehr dunkel und mystisch hinter einem Gaze-Vorhang lag“, sagte die Salzburgerin Dr. Renate Bauer, die als 18-Jährige die erste „Walküre“ der Osterfestspiele mit ihren Eltern besucht hatte. „Heute war das Bühnengeschehen klarer und transparenter. Ich war damals schon begeistert und heute bin ich es ebenso.“

„Mehr Walküre geht nicht“, bilanzierte der Hamburger Medienanwalt Ulrich Poser, der „Die Walküre“ schon 25 Mal verfolgt hat. „Die Re-Kreation des großen Bühnenbildners Günther Schneider-Siemssen ist 1-A gelungen. Besser als Anja Harteros kann man die Sieglinde nicht singen. Peter Seiffert ist an Dynamik und Strahlkraft nicht zu überbieten. Und vom Orchester her war es die beste Walküre meines Lebens!“

Andreas Schmidt, 18. April 2017
Klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Richard Wagner, Die Walküre, Sächsische Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, Anja Harteros, Anja Kampe, Georg Zeppenfeld, Peter Seiffert,
Großes Festspielhaus Salzburg“

  1. Ich habe die Aufführung im Fernsehen gesehen, was die Beurteilung der akustischen Leistungen weitgehend unmöglich macht. Angetan war ich von der emotionalen Darstellung Anja Kampes als Brünnhilde und ihrem Zusammenspiel mit Vitalij Kowaljow. Weniger dagegen von dem Wälsungenpaar. Mit Ausnahme der beeindruckenden Wälserufe Peter Seifferts fragte ich mich, was Sieglinde bei diesem Mann hält. Am Bildschirm war der Altersunterschied einfach zu groß, Anja Harteros agierte für mich ins Leere, die rechte Spannung kam zwischen Siegmund und Sieglinde nicht auf. Ganz anders war das Zusammenspiel Sieglindes mit dem eindrucksvoll singenden Georg Zeppenfeld als Hunding. Da stimmte nicht nur das Lebensalter, sondern auch die Optik. Aber, wie gesagt, Oper ist nichts für den Bildschirm.
    Ralf Wegner

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