Andreas Schager und Stephen Milling sind die Helden der Hamburger "Götterdämmerung"

Richard Wagner, Götterdämmerung, Andreas Schager, Stephen Milling,  Staatsoper Hamburg, 2. Dezember 2018

Foto: Andreas Schager, (c) David Jerusalem
Hamburgische Staatsoper,
2. Dezember 2018
Richard Wagner, Götterdämmerung

von Sebastian Koik

Für Ballettvorstellungen sind Karten in Hamburg immer schwer zu bekommen, bei Oper gilt das für die Staatsoper Hamburg eigentlich fast nur, wenn Richard Wagner auf dem Programm steht. Am 2. Dezember 2018 ist wieder so ein Tag, der Saal ist voll und die Menschen erwartungsfroh.

Ein Opern-Star ist auch dabei: Andreas Schager, einer der führenden Helden- und Wagner-Tenöre unserer Zeit. Schagers Bühnenpräsenz, Lebendigkeit, Jugendlichkeit, Charme und Witz begeistern das Publikum bei jedem Auftritt und machen ihn zu einem idealen Siegfried.

Und dazu kommt seine Stimme, die wahrlich heldenhaft ist und vor Kraft strotzt. Seine Kraftreserven und seine Energie scheinen unendlich und sind das normalerweise auch über viele Stunden Heldengesang.

Diesmal ist das über Stunden wieder so, doch dann zeigt der Österreicher im dritten Akt ungewohnte kleine stimmliche Schwächen. Das könnte seinem dichten Arbeitskalender* mit (zu) vielen Engagements oder vielleicht auch nur einer kleinen erkältungsbedingten Schwächung geschuldet sein.

Die Kraft der Stimme Andreas Schagers fasziniert und ist sein Markenzeichen und fast Alleinstellungsmerkmal als Heldentenor. Er kann zusätzlich durchaus sehr lyrisch, elegant und fein singen, doch der laute Vortrag des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter Kent Nagano lädt Andreas Schager dazu ein, an diesem Abend den Lautstärkeregler noch höher zu drehen als sonst. Vielleicht ist also nur das der Grund für die kurze stimmliche Schwäche Schagers im dritten Akt, eine Schwäche, die man von ihm sonst so gar nicht kennt. Ja, an diesem Abend ist Andreas Schager etwas zu laut, aber wenn er nicht zu jeder Zeit scheinbar mühelos über dem zu lauten Orchester wäre, dann wäre es nicht Andreas Schager, dann wäre es nicht der perfekte Heldentenor und Vorzeige-Siegfried.

Das Philharmonische Staatsorchesters Hamburg unter Kent Nagano macht seine Sache ordentlich – ganz anders und sehr, sehr viel besser als noch im beängstigend schwachen Beginn des ersten der beiden diesjährigen Ring-Zyklen mit “Rheingold”. Doch das, was Dirigent und Orchester Wagners Musik nicht an innerer Kraft mitgeben können, scheinen sie an diesem Abend mit purer Lautstärke wettmachen zu wollen, und es funktioniert ja so zumindest viel besser als zuvor und zumindest akzeptabel. Das Orchester leistet sich immer wieder Unsauberkeiten in den verschiedenen Instrumentengruppen – wie leider so oft besonders bei den Blechbläsern –, besteht aber einigermaßen und geht nicht vollkommen zusammen mit seinem Generalmusikdirektor baden wie noch im „Rheingold“ am 30. Oktober 2018.

Normalerweise ist Andreas Schager unangefochten “der beste Mann auf dem Platz”, doch diesmal macht ihm einer diesen Titel streitig, denn Stephen Milling beeindruckt enorm als Hagen. Seine starke Stimme mit schönen Tiefen und langem Atem überzeugt über den ganzen langen Abend in jeder Situation. Auch darstellerisch, atmosphärisch und von der Bühnenpräsenz her zeigt er sich in dieser “Götterdämmerung” als grandiose Besetzung und erntet am Ende neben dem ewigen Publikumsliebling Schager zu Recht auch riesigen Applaus.

Lise Lindstrom ist zunächst eine gute Brünnhilde, mit starker Stimme und wunderbar dramatischem Vortrag. Doch immer wieder klingt sie auch (leicht) schrill. Schade, dass ihre Stimme bei längeren Phrasen in den letzten Silben verstummt und diese verloren gehen. Im dritten Akt trifft sie ab einer gewissen Lautstärke die höheren Töne oft nicht mehr – bei einem normalen, leiseren Dirigat als in dieser Vorstellung unter Kent Nagano wäre das vielleicht auch anders. Die Amerikanerin, die regelmäßig an den ganz großen Opernhäusern singt, zeigt sehr gute Anlagen, die bei einem balancierteren und sängerfreundlicheren Dirigat besser zur Geltung kommen dürften.

Herrlich sind die gemeinsamen “Heil”-Rufe von Lindstrom und Schager im ersten Akt!

Vladimir Baykov als Gunther singt sehr artikuliert mit großer Textverständlichkeit und herrlich deutlichen Endungslauten. Er überzeugt, klingt allerdings etwas gekünstelt und unnatürlich in seinem Gesang.

Claudia Mahnke gefällt sehr als Brünnhildes Schwester Waltraute. Werner Van Mechelen glänzt als wundervoll düsterer Alberich! Nur in schnelleren Passagen verliert er an Stimmkraft, Präzision und Klangschönheit. Alle weiteren Solisten machen ihre Sache insgesamt mindestens solide oder gut.

Das neue Hamburger Ensemblemitglied Katharina Konradi begeisterte bisher in jedem ihrer Auftritte und glänzt auch in der „Götterdämmerung“ wieder als Woglinde. In den herrlich schönen Rheintöchter-Terzetten liegt ihr kräftiger und schöner Sopran wunderbar als dominante Kraft über den beiden anderen Stimmen und bringt den gemeinsamen Gesang zum Leuchten.

Der Applaus am Ende ist riesig und überaus verdient für Schager, Milling, Van Mechelen und einige weitere Sängerinnen und Sänger.

Doch als der Applaus dann auch für Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg tost, sagt der Sitznachbar zu seinen beiden Begleitern: “Das Hamburger Publikum ist leicht zu begeistern.”

Sebastian Koik, 3. Dezember 2018, für
klassik-begeistert.de

* Andreas Schagers Auftritte der letzten beiden Wochen:
So., 18/11/18: Siegfried Staatsoper Hamburg – Siegfried
Mi., 21/11/18 Soloabend, Wiener Staatsoper
Fr., 23/11/18 Siegfried, Staatsoper Hamburg – Siegfried
So., 25/11/18 Götterdämmerung, Staatsoper Hamburg – Siegfried

Do., 29/11/18 Der Freischütz, HR-Sendesaal Frankfurt – Max
Fr., 30/11/18 Der Freischütz, HR-Sendesaal Frankfurt – Max
So., 02/12/18 Götterdämmerung, Staatsoper Hamburg – Siegfried

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