klassik-begeistert.de-Bilanz: Die Höhepunkte in der Staatsoper Hamburg 2018

Höhepunkte Staatsoper Hamburg 2018 – Weihnachtsfeier klassik-begeistert.de 2018,  Staatsoper Hamburg

Foto: AutorInnen und Lektorinnen von klassik-begeistert.de in der Staatsoper Hamburg nach der Aufführung von Gioachino Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ am 1. Dezember 2018; Andreas Schmidt (c)

Weihnachtsfeier klassik-begeistert.de 2018
Staatsoper Hamburg, 1. Dezember 2018

Bereits zum zweiten Mal feierten die Hamburger AutorInnen und Lektorinnen von klassik-begeistert.de in der Vorweihnachtszeit in Hamburg. Nach einer wunderschönen Hafenrundfahrt mit einer schnuckeligen Barkasse der Elbreederei RAINER ABICHT – ab Brücke 1 Bei den St. Pauli Landungsbrücken – zog das Team sich zum gemütlichen Teil des Tages zurück: zum ausgiebigen Lunch im italienischen Restaurant  „Capriccio“ in Hamburg-Neustadt am Großneumarkt.

Abends hörten und sahen die Klassik-Begeisterten dann Gioachino Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ in der Staatsoper Hamburg. Vier AutorInnen von klassik-begeistert.de bilanzieren ihre Höhepunkte in der Staatsoper Hamburg im Jahr 2018.

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Wagners „Siegfried“ gefiel und war mit Andreas Schager, John Lundgren und Lise Lindstrom stark besetzt

VON LEON BATTRAN

Das Highlight an der Staatsoper Hamburg war für mich in diesem Jahr die Wiederaufnahme von Richard Wagners Ringzyklus. Alle vier Opern waren im Herbst als Zyklus zu erleben, ein großes Opernereignis. Claus Guths Inszenierung nimmt eine moderne Perspektive ein, die den Stoff auf pointierte Weise und ohne viel mystisch mythisches Brimborium darstellt. Damit muss man sich nicht unbedingt anfreunden. Mir persönlich sind viele Momente positiv in Erinnerung geblieben. Vor allem der Siegfried hat mir gut gefallen, der mit Andreas Schager in der Titelpartie, sowie John Lundgren als Wotan und Lise Lindstrom als Brünnhilde sängerisch stark besetzt war. Gerne mehr davon!

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„Super-Tosca“: Das Highlight des Jahres 2018 an der Staatsoper Hamburg

VON SEBASTIAN KOIK

Orchester-Leistung und Dirigat, Regie und Schauspiel, Bühnenbild und Kostüme sind wichtige Bestandteile von Musiktheater — doch das Wesentliche, das Herz einer Oper ist der Gesang!

Oper kann einem Menschen, der Zugang dazu hat, beglückendste Erlebnisse schenken.

Voraussetzung für diese ganz, ganz großen Momente des Lebens sind herausragende Sänger.

Über eine der allerschönsten Stimmen dieses Planeten verfügt die deutsche Sopranistin Anja Harteros.

An der Seite eines anderen deutschen Superstars der Opernwelt, Jonas Kaufmann, sorgte Frau Harteros für das Opern-Ereignis des Jahres an der Staatsoper Hamburg in Giacomo Puccinis „Tosca“.

Am 17. April 2018 gab es eine Veranstaltung, die anders als fast alle anderen Opern-Aufführungen in Hamburg in Windeseile ausverkauft war und angesichts der in Hamburg leider höchst seltenen Starbesetzung überall „Super-Tosca“ genannt wurde.

Die Star-Sängerin spielte die Star-Sängerin. Es war ihre Rolle: Anja Harteros war als Floria Tosca eine Sensation! Besser als sie kann man diese Rolle nicht singen und spielen. Tosca ist eine der am häufigsten aufgeführten und meist besuchten Opern. Und niemand auf der Welt gibt diese leidenschaftliche, eifersüchtige und starke Bühnenfigur Tosca besser als die Deutsch-Griechin.

Beim ersten Auftritt löst sie in Sekunden Gänsehaut aus. Ihre ungemein dichten Höhen strahlen mannigfaltig, funkeln komplex und wundersam in viele Richtungen. Ihre Mittellagen und Tiefen sind ebenfalls vollkommen. Anja Harteros begeistert in der Staatsoper Hamburg mit Intensität, herrlicher Cremigkeit und exzellenter dramatischer Ausgestaltung und Nuancierung. Frau Harteros’ Stimme klingt golden und warm. Die Wunder-Sopranistin kann auch die höchsten Höhen sehr geerdet klingen lassen. Alles hat ein solides Fundament, alles ist genau richtig. Und alles klingt bei ihr absolut natürlich, sieht so unfassbar leicht aus. Anja Harteros‘ Tosca ist vollkommen souverän, von grandioser Selbstverständlichkeit … und unglaublich schön. Diese Frau kann alles. Ihre Sangeskunst ist ohne Schwächen.

Anja Harteros singt und redet wie eine Italienerin, sie bewegt sich wie eine temperamentvolle Italienerin, sie strahlt Leidenschaft, Feuer und Kraft aus, sie spielt die launische Diva mit Perfektion in jeder Geste, Toscas Eifersucht gestaltet sie bis ins kleinste Detail. Harteros wirft Blitze der Eifersucht in den Saal und füllt die Staatsoper bis in die kleinsten Winkel mit Tosca-Emotionalität.

Ihre Bühnenpräsenz ist gewaltig! Diese Frau hat Aura und verzückt in jedem Augenblick das Publikum, löst immer wieder Gänsehaut und Kälteschauer aus. Wenn diese Floria Tosca ihrem Mario am Ende erzählt, wie sie dem Peiniger Scarpia das Messer ins Herz stach, dann sind das nicht nur Worte! Es hört und fühlt sich an, als wäre man noch einmal dabei, wie sie Scarpia erdolcht, diesmal mit der gewaltigen Kraft ihrer Stimme.

„Super-Tosca“: Sicher nicht nur für mich das Highlight des Jahres 2018 an der Staatsoper Hamburg. Möge es solche Besetzungen und außergewöhnlichen Opernerlebnisse häufiger geben am ehrwürdigen Haus in der Hansestadt.

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Denkwürdig 2018: „Frankenstein“ von Jan Dvorak

VON EVA STRATMANN

Gewiss nicht der schönste Opernabend – aber sehr denkwürdig war die Uraufführung von Jan Dvoraks Oper „Frankenstein“. Es war ein Tag im Mai, der sich wie im August anfühlte und der die Gemüter in Hamburg einvernehmlich „Hitzefrei!“ ersehnen ließ, eher betteln um die Gnade der Abkühlung, egal womit.

Ich erlebte meine Abkühlung am Abend bei der Uraufführung der Gothic-Oper „Frankenstein“, einem Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper, inszeniert von Philipp Stölzl. Es hätte eine XXL-Version der Augsburger Puppenkiste für Erwachsene sein können, dargeboten auf einer von Maschendraht umzäunten Bühne. Drei Puppenspieler brauchte es, um Frankensteins Schöpfung, eine zweieinhalb Meter große Kreatur, zusammengeflickt aus hellen Patchworkfetzen, mit traurigen Augen und trägen Gliedmaßen auf der Bühne zu manövrieren. In dieser Oper erlebte ich vieles zum ersten Mal. Zum Beispiel eine Hauptfigur, die nicht singt. Rührend ist sie dennoch vom ersten Augenblick an. Verloren wirkt sie, trotz ihrer riesenhaften Maße unschuldig und so einsam. Eine bunte, ungeordnete Musik webt den akustischen Flickenteppich zum Horrorspiel auf der Bühne, in dem sich das hilflose Monstrum bei seiner Suche nach Liebe zum skrupellosen Mörder entwickelt und schließlich voller Traurigkeit im Eismeer den Freitod wählt.

Eine Abkühlung war dieser Abend auf jeden Fall, und ebenso eine Oper der ganz anderen Art.

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Verdis „Luisa Miller“: Joseph Calleja erinnerte bravourös an Luciano Pavarotti

VON DR. HOLGER VOIGT

In der Rückschau des vergangenen Jahres war die „Luisa Miller“ für mich der eigentliche Höhepunkt. Hier stimmte einfach alles: Eine hervorragende Inszenierung von Andreas Homoki, hochinteressante Szenen- und Bühnenbilder von Paul Zoller, hinreißende Kostüme von Gideon Davey – dazu ein brillant und inspiriert aufspielendes Philharmonisches Staatsorchester Hamburg unter Alexander Joel! Zudem die sängerischen Leistungen – allen voran zunächst der von Eberhard Friedrich bestens disponierte Chor der Hamburgischen Staatsoper, deren Mitgliedern bei hoher gesanglicher Präzision die Spielfreude an der Nasenspitze abzulesen war. Bei den Solisten waren alle Sänger-/innen brillant und ausdrucksstark; es gab keinerlei Schwächen. Im Gegenteil: Man hatte den Eindruck, dass sich alle Mitwirkende gegenseitig zu einer noch besserer Gesamtleistung inspirierten – und genau dies übertrug sich auf das Publikum, das aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam.

Nino Machaidze war eine nicht zu übertreffende Luisa, Joseph Calleja ein nicht minder bravourös singender und agierender Rodolfo höchster tenoraler Qualität und Spiellaune – oft an Luciano Pavarotti erinnernd. Daneben Roberto Frontali als überzeugender und zerrisen wirkender Miller, Ramaz Chikviladze als intriganter Wurm, der wie ein Wurm durch alle Szenenbilder hindurchkroch, Nadezhda Karyazina als stimmgewaltig-schöne Federica – alles war von höchster Qualität und Eindringlichkeit. Diese „Luise Miller“ sucht ihresgleichen. Sie hat nachhaltige Wirkungen und ist ein Musterbeispiel für hochintelligentes Musiktheater unserer Zeit. Ich bin mehrmals hingegangen und konnte jedes Mal dieselbe Erfahrung machen: ein richtiges Meisterstück, das im Hamburger Spielplan möglichst lange erhalten bleiben möge.

klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at, 2. Dezember 2018

 

 

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